Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 394 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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394 „audra moi enne peh . . und nun zog es wie Verklärung über sein Gesicht, „wenn ich bin hinterm Ladentisch gestandeil und mich Hab geärgert über die Bauern, die nicht haben woll'n zahlen ü reellen Preis für die Ware, für die ich Hab' ausgelegt mein koscheres Geld, hat's mir immer tröstlich ins Ohr geklungen, wenn Moritzel, oder Rudolf oder Emil und zuletzt gar das kleine Juliussel sind vorbeigelanfen und haben sich geübt: amlra moi, enne peh . . . meine Frau hat immer gesagt: „anders nich' . . . staute peli", glücklich aber waren wir beide mit unsere Kinder und ich wollt' mir, sie hütt's erlebt, was aus sie geworden is und wie sie ihreil alten Vater ehren und schicken ihn ins feinste Seebad und empfehlen ihll dort an ihren Freund, den berühmten Doktor.... anders nich' staute pell .... und der sitzt jeden Tag neben mir auf der Dün' und nennt mich alter Freund und hört sich meine Narrifchkeiten an . . ." »Ich glaube gar. Sie wollen Komplimente hören, Herr Naphtaly. Hoffentlich wissen Sie, wie sehr es mich erfreut und interessiert, durch Sie so einen Blick in das Leben und Treiben alter Gemeinden werfen zu können, ganz abgesehen davon, daß es mir große Befriedigung gewährt, den Vater meiner einstigen Studienfreunde und jetzigen Kollegen, näher kennen zu lernen." „Aber Herr Doktor, Sie könnten sich doch hier so gut amüsieren mit den feinen und gebildeten Leiten, die überall rnmspazieren.. „Fein und gebildet, mein lieber Herr Naphtaly . .. wollen Sie mir vertrauen und glauben, wenn ich Ihnen diese Begriffe nach meiner Auffassung erkläre, ungefähr so wie Ihr ältester Sohn Moritz, der Philosoph, oder das kleine Juliussel, der große Soziologe, darüber denken.. ." Er sah mich verblüfft an und machte einen ziemlich hilfloseir Eindruck. „Also, fein. .. dessen Empfinden gut ist und einfach, der unbewußt das rechte trifft, taktvoll und zart, niemanden verletzt und das Gefühl anderer schont und ehrt — gebildet. .. wer Welt und Dinge ruhig betrachtet, sein Urteil selbständig sich bildet, mit Geist und Gemüt das Leben erfaßt, gleichviel ob es im großen oder kleinen Kreise sich vollzieht. Nicht nach Erlerntem und Systematischem die Menscheil betrachtet, sondern nach Erlebtem und Erfahrenem llnd aus seiner eignen Menschlichkeit heraus ... das macht nachsichtig und Nlilde, Herzensbildung nennt man das.. „Ach so!" „Ich glaube, er hatte mich verstanden. Vielleicht auch «lehr intuitiv, als in logischem Verfolg meiner Definition, jedenfalls nahm er es von Stund an selbstverständlich auf, daß ich ihm meine freie Zeit widmete und wenn es mir gelang ihn gesprächig zu machen, dann gewährte er mir Einblicke in Phasen der Entwicklungsgeschichte des Gemeindelebens, die ganz charakteristische Merkmale tragen. Neulich erzählte mir mein alter Freund: „Sie kennen doch Branvwitz? dort hat ein gewisser Glaserfeld gewohnt. Natürlich hat es damals anders ausgesehen wie heit. Es gab noch keine Eisenbahn in der ganzen Gegend und von's elektrische Licht hat oßer ä Mensch eine Ahnung gehabt. Josef Glaserfeld hat die Branntweinpacht dort gehabt und einen sehr großen Ausschank, weil er is der einzige gewesen in dem Ort. Die ganzen Arbeiter und Bauern sind zu ihm gekommen und es ist ihm gut gegangen, denn er war ein fleißiger Mann und sparsam und hat Groschen ans Groschen gelegt und is so zu was gekommen. Mit den Gojim hat er sich sehr gut gestanden, und wenn sie ihm auch manchmal vor ü Narren machten, wenn sie schiker waren, so machte er sich nichts daraus. Er dünkte sich viel höher wie sie und war es auch, mit seinem ehrbarem Hause, in dem sein Weib die Kinder gut und fromm erzog. Wenn Josef Glaserfeld aus dem „Schank" in seine hinter dem Laden gelegene Stube eintrat, oder wenn er nur einen Blick durch die verglaste Tür warf, so war er schon stolz und glücklich und keine Arbeit war ihm zu schwer, denn dort saßen seine Söhne Rudolf und Emil über ihren Büchern — beide sollten ans das Gymnasium nach Breslau kommen — und seine Frau unterwies seine Tochter Malchen im Nähen und Sticken. Es war ein glückliches Familienleben, und inmitten der rohen, wüsten Bevölkerung war dieses Judenhaus eine Stätte der Zucht und Sitte. Josef Glaserfeld war klug genug, seine „Kundschaft" nicht merken zu lassen, wie gering er von ihr dachte, und er ivar gut Freund mit den größten „Schikuriin" in der ganzen Gegend. Was kümmerten sie ihn, für ihn waren sie eben nur die Quelle seines stets ivachsenden Wohlstandes. Wie unrein diese Quelle war, daran dachte er nicht. Er war ein Geschäftsmann, der sich ausrechnete, wieviel seine' Söhne kosten werden, und was für ä Nedan Malchen bekommen müsse, denn diese sollte ümal einen seinen „Schidduch" machen. Ae Doktor womöglich .... oder ä Rabbiner . . . für alle Fälle, was extras mußte er sein. Da hieß es arbeiten und sparen, wenn man so ehrgeizige Pläne für seine Kinder hat. Das tat Glaserfeld auch. Für sich gar nichts, für die Familie alles. Nichts war ihm gut und schön genug. Jahrein, jahraus war er tätig, im Ausschank, im Keller, in der Destillation, in Remise und Stall, denn er betrieb neben dein „Ausschank" noch ein gutes Speditionsgeschäft. Nur einmal in der Woche, am Schabbes, gönnte er sich Ruh und an den „Jomtauwim" natürlich. Da genoß er auf Stunden den Segen seines Fleißes und fühlte sich wie ein König in seinem kleinen Reiche. Was meinen Sie, wie eine kluge Sach' is der „Schabbes"? Die gejagten und geplagten Leit wissen wenigstens einmal in der Woch', daß sie Menschen sind. Daß sie nich bloß da sind, um sich abzurackern, sondern daß sie auch sich freuen dürfen und ausruhen. Und je strenger man den „Schabbes" hielt, desto besser. So ä Josef Glaserfeld wußte doch, wofür er arbeitete. So vergingen die Jahre, die Söhne Rudolf und Emil waren bereits auf der Universität und wenn Glaserfeld dem Herrn Kaplan, der ihm auch manchmal die Ehre erwies, einen „Bittern" bei ihm zu genehmigen, davon erzählte, strahlte sein ganzes Gesicht. Der Herr Kaplan hatte ja die beiden Jungen zuerst im Lateinischer! unterrichtet und stand der ganzen Familie sehr ivohlwollend gegenüber, ganz besonders Malchen, die inzwischen zu einer hübschen Mad herangeivachsen war und züchtig airf ihren „Rabbiner" oder Medizinedoktor wartete. Die „Schadchonim" besuchten Josef Elaserfeld schon sehr häufig. Aber immer war es ihm noch nicht gut genug, denn immer konnte er noch 1500 Thaler zülegen. „Spaß, 's Geschäft tragts und es is mein einzig Madel," pflegte er zu sagen. Es war am Erew Sukkoth, der diesmal auf einen Sonntag traf. Den ganzen Tag waren im „Schank" sehr viel Leute und Glaserfeld hätte alle Hände voll zu tun, um die Kunden zu bedienen und die Branntweinglasel zu füllen. Aber er war unermüdlich. Wußte er doch, daß am Abend dieses mühevollen Tages ihn besondere Freuden erwarteten. Seine Söhne, die die Uuiversitütsserien zu Hause verbrachten und seine Tochter Malchen hatten nach altem Brauch die Sukkah herrlich geschmückt. Ketten aus dunkelroten Hagebutten und Ebereschen und ein ausgehöhlter Kürbis als Kronleuchter, vergoldete Nüsse und bunte Papierringeln hingen von dem Tannenreisig, das die Bedachung der Laubhütte bildete, herab. Auf dem Tisch prangte reiches Silbergerät, die Leuchter und der Kidduschbecher, und auf dem weißen Tischtuch lagen unter gestickter Barchesdecke zwei runde, branngelbe Barches. Diese hatte sein Weib Rifke gebacken, ganz eigenhändig, nachdem sie vorher „Challe" davon genommen hatte. Er konnte sich darauf verlassen. Sie kannte die jüdischen Gebräuche, und den ganzen