Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 393 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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393 einen enthielten sich nicht bei den anderen zu essen, nnd schlossen Ehen untereinander."27) Es kam auch nicht selten vor, daß die Hilleliten sich öffentlich zu den Ansichten der Schammaiten bekannten22), und daß treue und bewährte Jünger des Schaminai, insbesondere Baba ben Butta, der seinem Lehrer auch große naturwissenschaftliche Kenntnisse nachrühmte 2!l), sich bemühten, die Gesetzesentscheidnngen nach dem SinneHillels herbeizuführen2"). Erst später, nachdem die Anhänger dieser beiden Richtungen, die in den Geist des Gesetzes nicht genügend eingedrnngen waren, an Zahl Zunahmen, vielleicht aber auch, weil sie den Streit mehr auf das politische Gebiet übertrugen, nahmen die Zwistigkeiten in Israel zu, und die eine Lehre nahm die Gestalt zweier Lehreil an2'). Wir wissen nicht, ob die Zeloten, an deren Spitze die Schaiilmaiten, Jehuda der Galliläer und Zadock.standen, sich ausschließlich aus den Anhängern dieser Richtung rekrutierten. Der Haß gegen Rom, insbesondere gegen die jüdischen Römlinge, war, nach den verschiedenen ans die damaligen Zeitverhältnisse hiuzielenden talmudischen Allssprüchen zu urteilen, den Anhängern beider Schlilen in gleichen Maße eigen22). Nur bemühten sich die Hilleliten, von der Aussichtslosigkeit eines erfolgreichen Krieges gegen Rom überzeugt, ihren Haß gegen dasselbe mehr zu zähmen, während die Schaiilmaiten in ihrer bekannten Offenherzigkeit und streng nationalen Gesinnung von ihrer intensiven Feindseligkeit gegen Nom kein Hehl machten und, auf Gott uild den Sieg der Gerechtigkeit vertrauend, sich öffentlich der Kriegspartei anschloffen. Dies geht besoilders aus den in einer Sitzung im Hause des Chanania ben Chiskia ben Garon gefaßten achtzehn Beschlüssen hervor, die vom konservativ nationalen Geist Schammais getragen ivaren und denen die Hilleliten ihre Zustiminnng nicht versagen konnteri22). Diese Gesetzesbestimmungen, säiiltlich ivohl gegen die Römer gerichtet, daß es verboten sei, verschiedene Speisen von ihnell zu kaufen, ihre Sprache zu erlernen, Opsergaben von ihnen anzunehinen, sich mit ihnen zu verschwägern rc., scheinen noch bei Lebzeiten von Schammai und Hillel getroffen worden 31t sein, denn es wird berichtet, daß letzterer an diesem Tage, ehrfurchtsvoll wie ein Schüler vor deiil Lehrer, vor Schammai gesessen24), dessen Getreuell vor dem Eingänge ills Beratungshaus Wache gestanden haben, um alle hinein nnd niemand vor der Erledigung der Tagesordnung hinausznlassen.22) Bon welcher weittragenden Bedeutung diese achtzehn Gesetzesbestimmungen gewesen sein müssen, geht aus dem Unistairde hervor, daß man später den Tag, an dem sie in Kraft traten, für so verhängnisvoll betrachtete wie den Tag, an dem das goldene Kalb angefertigt wurde;2") nicht bloß deswegen, iveil man diese allzustrengen Maßnahmen gegen jede Berührung mit der Heidenwelt mißbilligte, wie Josua ben Chanania sich ausdrückte: „an diesem Tage haben sie das Maß übervoll gemacht27)," sonderll und hauptsächlich darum, weil seit damals eine Störung in die früher gerühmte Eintracht beider Richtungen eingetreten war und dem Streit um die Gesetzesentscheidung ein persönlicher Charakter aufgedrückt wurde. Dieses strenge Vorgehen der Schammaiten im Beisein ihres Oberhauptes wider ihre Gegner, die Tatsache, daß sie deren Zustimmung zu den achtzehn Gesetzen durch Waffengewalt22) erzwangen, ohne daß der Lehrer sie davon abgehalten hätte, ist vielleicht mit eine Ursache, weshalb die talmudischen Annalen so wenig aus dem Leben und nichts über den Tod Schammais 2?) Jebamoth 14 a und b. 2S) Edujoth 1, 12. 2!) Gittin 57 a. ) Beza 20 b. 31) Sanhedriu 48 b. 3S) Baba Kama 94 b und 113 a; Sanhedrin 24 b. 33) Sabbath 13 J). 3‘) ibid. 17 b. 3) ibid. 56) ibid. i:) ibid. 153 b. 3s) Jeruschalmi Sabbath C 1. enthalten. Mit Ausnahme dieser den Geist Schammais atmenden achtzehn Bestimlillmgen, die selbst der Prophet Elias nicht wird aufheben dürfen,22) gab es noch jahrelang nach dem Tode der beiden Lehrer keine feste Norm für die Verbindlichkeit der Gesetzesauslegnng nach der einen oder ailderen Schulanffassnng: es stand vielmehr einem jeden frei, das Gesetz nach den Vorschriften der Schammaiten oder Hilleliten zn beobachtend") Noch zur Zeit des Gamliel II. ivurde drei Jahre darüber gestritten, ob das Gesetz nach der schammaitischen oder hillelitischen Auffassung und Auslegung zu entscheiden sei, bis man sich endlich im „Weinberg" zn Jabne dahin einigte: „Beider Ansichten atmen den Geist des lebendigen Gottes, doch ist das Gesetz nach der Auslegung der Hilleliten zu entscheide»."") Es war in Israel nicht Sitte, den großen Männern Monumente zu errichten; „ihre Worte, ihre Sentenzen sind ihre Denkmäler." Ueber den Tot Hillels, der ein Verfechter des Friedens war, wurden laute Weheklagen angestimmt, doch der Tot Schammais, von dessen Jüngern der größte Teil das Leben an den Mauern Jerusalems ausgehaucht, ivurde, wahrscheinlich absichtlich, mit Stillschweigen übergangen, um nicht den Feinden Veranlassung zu irgend welchem Argwohn zu geben. Im Herzen der Weisen aber, von denen wir nur Rabbi Dossa ben Horkinas/2) Rabbi Triphon42) und Elieser ben Hyrkanos") nennen, lebte das Andenken Schammais ungeschwächt fort, dessen Namen ebenso wie der seines Genossen Hillel stets mit Ehrsnrcht genannt werden wird. Was mein alter Freund erzählt. Von Ludwig V^e iß. I. mein alter Freund saß neben mir im Dünensand und blickte hinaus in die leicht bewegte See. „Gottes Wunder, Herr Doktor",sagte er darauf, „ich hätt' Lust jeden Tag aufs neue die Brache zu machen. . . ." ein wehmütiges Lächeln zog um seinen Mund, „und daß ich das noch in meinen alten Tagen erschau . . . was meine Rochel seligen Angedenkens gesagt hätt', wenn sie mich hier so gesehn hätt' sitzen anf'm Sand . . . „Josef", hätt' sie gesagt, „aus'm Sand hier in Heringsdvrf iS doch anders, wie aus'm Sand in Weißnick, dort haben wir nämlich unser Geschäft gehabt, Herr- Doktor, und von dort aus sind unsere Söhne rausgegangen in die Welt und sind geworden studierte Leit und Freunde von so einem berühmten Mann, wie Sie, Herr Doktor. Sie müssen nicht glauben, ich versteh' die Ehr' nicht, die Sie mir antun, wenn Sie Tag vor Tag hier neben mir sitzen und mich alter Freund nennen . . . alt, ja, aber Freund von so ein' großen gelehrten Herrn ... ich vergeh nicht, daß ich bin nur ein poscheter Jüd ..." „Gerade das macht Sie mir zum Freunde, lieber Herr Naphtaly. Wer das Judentum liebt, liebt die schlichten, getreuen unter seinen Glaubensgenossen, denn unter ihnen hat sich die unverfälschte, echte Jüdischkeit am besten und reinsten erhalten!" „Jüdischkeit ... wie das klingt, wenn Sie es sagen, Herr- Doktor, man möcht' glauben, griechisch oder latein . . . ." dabei lachte er fast schalkhaft, „Sie müssen nicht glauben, ich versteh' gar nichts davon. Es bleibt was kleben, wenn man vier Söhn' zu gesund hat immer gehört .... mensa.... oder 32) ibid. '") ibid Berachoth C. 2.41) Jeruschalmi ßerachoth C. 1- 4 ) Gittin 81a. «) Jebamoth 15a. ") Sabbath 153b.