Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 392 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Gewissenhaftigkeit beobachtete, mit Hillel ohne weiteres übereinstimmte, so oft dieser Einrichtungen, selbst wenn sie gegen das geschriebene Gesetz verstießen, zur Hebung und Sicherung der sozialen Lage des Volkes traf. Ja, wo es sich um das Wohl und Wehe des jüdischen Volkes handelte, gab es für ihn nnr ein Gesetz: das der Selbsierhaltling. Als ihm einst hinterbracht wurde, daß die damalige Landbevölkerung die Heiligkeit des Erlaßjahres verletzte, sprach er: die Zeit ist leider nicht dazu angetan, dem Volke das Pflügen und Säen im Erlaßjahre zu verbieten?) Es wird ihm sogar nachgesagt, daß er die Kriegssührung am Sabbat erlaubte, und zwar, nicht bloß im Verteidigungsfalle, sondern auch, wenn es sich um einen Angriff: um die Belagerung einer feindlichen Stadt handelte?) Die Liebe zu seinem Volke, das Bestreben, den jüdischen Stamm in seiner Reinheit zu erhalten, muß zweifellos die Ursache seines ablehnenden Verhaltens den Proselyten gegenüber gewesen sein, zumal er selbst Zeuge der Verheerung war, die der Proselytenabkömmling Herodes über sein unglückliches Volk gebracht hatte. Die Hillel mit Recht nachgerühmten vorzüglichen Charaktereigenschaften waren vielleicht die indirekte Veranlassung, daß Schammai als Misanthrop geschildert wurde. Wie wenig aber diese Annahme berechtigt ist, geht zur Evidenz aus seinem Lehrsatz hervor: Empfange jeden Menschen mit freundlichem Angesicht?") So wenig wir aus den Mitteilungen über die streng religiöse Lebensweise Schammais folgern dürfen, daß Hillel weniger religiös war, ebensowenig können und dürfen wir ans den vielen Nachrichten über Hillels Sanftmut und Bescheidenheit den Schluß ziehen, daß Schammai diese Eigenschaften abgingen. Allerdings unterschied er sich von Hillel insofern, daß er von Natur jähzornig und ein unversöhnlicher Feind der Frevler war; gegen Fromme, Gerechte und Gelehrte aber bemühte er sich stets, liebenswürdig und bescheiden zu sein. Als er einmal seinen Jünger Jonathan den Usiel wegen einer von diesem vollzogenen Handlung, die sein Mißfallen erregte, zur Rede stellen wollte, ließ er ihn nicht, wie es wohl jeder andere Lehrer auch gegenwärtig getan hätte, zu sich bescheiden. sondern suchte ihn in dessen Behausung auf und nahm keinen Anstand, als er die Argumente seiner Handlungsweise hörte, sich von ihm als besiegt zu erklären?') Ebenso wie Hillel, der jeden, der das Studium der Gotteslehre vernachlässigt, für todeswürdig'-) erklärt, hält auch Schammai die Beschäftigung mit der Lehre als die Hauptaufgabe des Menschen?») desien Pflicht es sei, wenig zu spreche», aber recht viel zu leisten.") In der Tat scheint Schammai kein besonderer Freund von vielem Reden gewesen zu sein, da uns nnr wenig Aussprüche von ihm überliefert sind. Indessen bestärken uns die wenigen, die wir von ihm besitzen, in der von uns bereits geäußerten Ansicht, daß seine konservativ nationale Gesinnung die Grundlage seiner Lehren und wahrscheinlich auch seiner Handlungen bildete. Mit Recht hält I. H. Weiß") den von Schammai herrührenden Ausspruch: „Wer seinen Nächsten beauftragt, einen Menschen zu töten, muß selbst getötet werden," als seine im Prozeß gegen Herodes wegen eines in dessen Auftrag vollzogenen Mordes kundgegebene Meinung?") Auch die im Traktat Ednjoth angeführten Meinungsverschiedenheiten zwischen Hillel und Schammai in Ehe- und Reinlichkeitsgesetzen zeugen dafür, daß Schammai bei seinen Entscheidungen stets die nationale Wohlfahrt des Volkes im Auge hatte?') Wir dürfen, wenn wir ein einigermaßen klares Bild von Schammai gewinnen wollen, ihn nicht immer nach den von? Tosifta Seh’biith C. 3. '■') Sabbath 19a. 10) Aboth 1,15. n) Baba Batra 133a. '*) Abolh 1, 13. u) ibid. 15. 1J) ibid. lä) Dor, Dor Wedorschow 1, 16. ,c) Kiduschia 43a. 17) Edujoth 1, 1—3; liehe auch Maimonides z. Stelle. seinen Jüngern später getroffenen Gesetzesentscheidnngen beurteilen. Kam es doch bekanntlich zuweilen vor, daß die Anhänger beider Richtungen noch zu Lebzeiten der Lehrer von deren Ansichten bedeutend abgewichen waren, so daß diese sich veranlaßt sahen festzustellen, daß sie anderer Meinung seien?") Zwischen Hillel und Schammai selbst kamen überhaupt Meinungsverschiedenheiten nur in vereinzelten Fällen vor?») sie nahmen auch nie einen persönlichen Charakter an; es war vielmehr ein Streit um die Sache Gottes, der von bleibendem Wert ist?") Beide, Hillel und Schammai, waren von inniger Liebe zu ihrem Volke ttub seiner Lehre beseelt; nur war Hillels Blick auch ans die Zukunft, Schammais dagegen mehr auf die Gegenwart gerichtet. — Mit anderen Worten: Hillel war um die Zuklinft der jüdischen Lehre, Schammai mehr um die Zukunst des jüdischen Volkes besorgt. Für ihn waren daher auch die rein religiösen Vorschriften und Gebräuche nationale Einrichtungen, die er von Groß und Klein respektiert und beobachtet wissen wollte. Aus diesem Grunde vielleicht bestand er darauf, daß fein noch im Kindesalter stehender Sohn am Versöhnungstage fasten sollte, wovon erst der energische Einspruch seiner Freunde ihn abzubringen vermochte?') und ans diesem Grunde wohl durchbrach er, als seine Schwiegertochter am Hüttenfeste von einem Knaben entbunden war, die Decke über dem Zimmer der Wöchnerin, um daraus eine Festhütte für seinen neugeborenen Enkel zu machen?2) Dies war wohl auch das Motiv, weshalb er den Sabbat, der ein Bundeszeichen zwischen Gott und dem Volke Israel ist, auch äußerlich durch die besten Leckerbissen auszeichnete?») Hochintereffant ist ein von den Jüngern dieser beiden Männer geführter Streit über Wahrheit und Aufrichtigkeit aus dem uns der Geist, der die Lehrer beseelte, entgegenleuchtet. Es handelt sich nämlich um die Loblieder, die man nach der damaligen Sitte, nm eine Braut zu feiern, anzustimmen pflegte. Die Schammaiten, die stets das System der absoluten Wahrheit betonten, erklärten natürlich jede übertriebene Lobeserhebung für eine Sünde: „Man schildere die Braut — lautet ihr Ausspruch — wie sie ist, und nicht anders." ’24) Die Hilleliten dagegen, obwohl nicht minder wahrheitsliebend, meinten, daß es in solchen Fällen auf ein wenig Ungenauigkeit nicht ankäme; man sage daher: „sie sei schön und lieblich." „Und wenn die Braut — wendeten die Schammaiten ein — häßlich, lahm oder blind ist, wollt ihr sie auch als schön und lieblich preisen? Wäre das nicht eine bewußte Lüge, die uns das Gesetz strengstens verbietet?" „Wohl" — erwiderten die Hilleliten — „müssen wir die Wahrheit hoch und heilig hallen. Doch wie wäre es, wenn ein Freund von uns für teures Geld einen äußerst schlechten Gegenstand käuflich erwirbt und sich mit dessen Besitz freut und glücklich fühlt. Wäre es nicht eine Grausamkeit, ihn aus seinem Wahn zu wecken? Würde er nicht vielmehr unsere Aufrichtigkeit als Hohn und Spott betrachten? Ganz so verhält es sich hier: wenn der liebeblinde Bräutigam mit der Erwählten seines Herzens glücklich und zufrieden ist, dürfen wir nicht so herzlos sein, ihm die Wahrheit in ihrer Nacktheit zu zeigen."2") Der Streit wurde nicht entschieden, doch einigten sich die Weisen später in der Ansicht, daß der Mensch stets darauf bedacht sein müsse, sich seiner Umgebung anzupassen?") Die von Hillel und Schammai und ihren beiderseitigen Anhängern geführten religiösen Kontroversen bildeten kein Hindernis in ihrem geselligen und familiären Verkehr: „die? Edujoth I, 7. 8, 10, 11; Maasroth IV, 2. ») Sabbath 14 b. *’) Aboth V, 17. 21) Tosifta Joma c. 4. a) Suka 28 a und b. 23) Beza 16a. 2<) Kethuboth 17 a. 25) ibid. 2«) ibid.