Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 390 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Einem Artikel des „American Jsraelite" über die Juden in Mexiko entnehmen wir folgende Daten: „Die Zahl der in Mexiko wohnenden Juden kann nicht genau festgestellt werden, da sie im ganzen Lande verstreut wohnen. Der Verfasser schätzt sie auf 500 Familien, ungefähr 2000 Köpfe. Nur selten sind sie geborene Mexikaner, die meisten sind Einwanderer, arme Leute, aber gleich mit der Absicht gekommen, nach Erreichung ihres Zieles in die betreffende Heimat zurückzukehren, und wir dürfen wohl sagen, daß es ihnen in den meisten Fällen geglückt ist. Dieses Glück hat wie gewöhnlich zur Folge, daß sie ihre Abstammung zu vergessen suchen."«^Das Hauptkontingent stellt Amerika, von wo ans die Einwandermlgszifser stetig steigt, nebenbei fiiib Frankreich und die französischen Provinzen Deutschlands beteiligt. Größtenteils wohnen die Jnnnigrauten in Städten, besonders in solchen mit amerikanischem Einfluß, wie Chihuahua. Ihr einziges Streben ist, sich eine Summe zu sparen, von deren Zinsen sie in einer europäischen Stadt leben können. Wie überall, so ist auch hier der Jude der erfolgreiche Kaufmann. Im den großen Läden, die er in den Städten besitzt, finden wir Waren jeder Art, von kleinen Antiquitäten bis zu Maschinen für Minenbetriebe. Aber all' diese Unternehmungen läßt er im Stich, wenn er genügend für einen Besuch in seine Heimat verdient zu haben glaubt, wenn feine Position in Mexiko gesichert ist. Eigenartig ist der Unterschied in seiner Stellung zum Judentum auf der Hin- und Rückreise. Auf dem Wege nach Europa kennt er überhaupt keine Religion, da er iu Mexiko weder Zeit noch Gelegenheit hatte, seine religiöse Eigenart zu betätigen. Aus der Rückseite aber glüht er vor Begeisterung für das Judentum, das er bei seinen europäischen Verwandteil noch so hoch hatte halten sehen. Zurückgekehrt, ist aber die Begeisterung verflogen und das Judentum bleibt für ihn, was es war — eine Erinnerung. Wie schon erwähnt, entstammen die meisten Einwanderer armen Familien und sind — wie wir gleichfalls gesehen haben —- in ihrem Streben glücklich gewesen. Aber sie haben harte, rastlose Arbeit hinter sich, ehe sie soweit gekommell sind. Erfreulich ist in diesem nicht immer fairen Kampfe die Liebe 31t den armen in der Heimat gebliebenen Verwandten, die zu unterstützen sein höchstes Streben ist und dieser Zug gibt seinem Bild den jüdischen Volkscharakter, den wir in andrer Hillsicht leider vielfach vermissen. Die Arbeit, die sie leisten ist im eigentlichsten Sinne rastlos. Sie kennen keinen Sollnabend, keinen Sonntag infolge der seltsamen mexikanischen Verhältnisse. Die Mexianersind streng orthodoxe Katholiken' sie leben verstreut als Viehzüchter und Ackerbauer aus dem flachen Lailde, währelld sich die Kirchen in den Städten befinden. Da sie null auf die sonlitägliche Messe nicht verzichten, so strömen sie all diesem Tage in die Zentren. Nachdem sie ihrer religiösen Pflicht gellügt haben, benutzen sie die Gelegenheit, um ihre Vorräte zu ergänzen. So geht den Kaufleuten der Ruhetag verloren — den Sonnabend auszulassen, daran denken sie gar nicht — und ihre Arbeit ist eine ununterbrochene. So bietet sich uns in materieller Hinsicht ein iu den hellsten Farben glänzendes Bild. Desto dunkler aber lvird es in sozialer, in religlöser Beziehung, wo sich Ulls Verhältnisse offenbaren, wie sie trauriger, trostloser nicht gedacht werden können. Das Wort „Jude" ist in Mexiko immer noch eine Beleidigung. Eiilerseits ist es die grenzenlose Unwissellheit der Bevölkerung, anderseits der allmächtige Einfluß der katholischeil Kirche, die ihr Hauptgewicht aus Bilder aus dem neuen Testament legt und so wird den Juden dort immer noch die Kreuzigung Christi vorgeworfen. Diese Verhältnisse zwingen die Juden mehr noch als anderswo, ihre Rasse, ihre Religion zu verbergen. Infolge vieler ähnlicher, teils äußerlicher, teils innerlicher Charakterzüge zwischen den Mexikanern und Juden gelingt ihnen dies hier besser als in arischen Ländern und selbst ihren Nachbarn halten sie es verborgen, ob sie Juden sind oder nicht und so wohnen dort Juden nebeneinander, ohne von einander zu wissen. Infolgedessen fehlen jüdische Gemeinden und Vereine gänzlich, der häusliche Herd ist das Centrum ihres Lebens. Selten auch finden wir sie im gesellschaftlichen Verkehr mit Mexikanern. Und so bildet sich eine neue soziale Gruppe, die engste Verwandtschaft. Sein Vermögen, seine Liebe häuft er auf die armen, in Europa gebliebenen Familienmitglieder, er ebnet ihren Weg in Mexiko. Aber für den Armen hat er nichts übrig und wehe dem, der iu Mexiko Schiffbruch erleidet. Er findet nirgends Hilse, nirgends die sonst so zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen, rettungslos geht er unter, wenn es ihm nicht noch gelingt, Mexiko zu verlassen. Und ebenso wie die Wohlfahrtseinrichtungen, fehlt jede religiöse Organisation. Dafür aber sind die mexikanischen Juden selbst verantwortlich zu machen. Sie kommen aus Ländern, die vom Anti, semitislnus beherrscht werden, in ein Land, in dem volle Religions freiheit besteht. Aber sie begreifen diese Möglichkeit nicht, sie sind moralische Feiglinge. Was den Gottesdienst angeht, so bekam er von vielen Juden aus diesbezügliche Fragen die Antwort, daß die Errichtung von Synagogen ein Ding der Unmöglichkeit wäre, da Vorurteile existierten und das Volk durch fanatische Priester verhetzt sei. Wenn er aber fragte, ol sie versucht hätten, an den Feiertagen Gottesdienst abzuhalten, wohl tätige Anstalten zu organisieren, daun wurde ihm gestanden, daß dies nie der Fall gewesen wäre. So wurde in den letzten Jahren in de! Hauptstadt Mexiko nur einmal der Versuch gemachte am Jom Kippur Gottesdienst zu halten. Und so ergibt sich das traurige Bild des mexikanischen Judentums in sozialer und religiöser Beziehung. Mau muß gestehen, daß di. Schuld daran größtenteils die dortigen Juden trifft, die es nicht einmal wagen, ihren Glauben offen zu bekennen. Meue Ideen?ur Hebung des Deutschtums. Posen, im August. weltschinerzlerisch-philosophischen Betrachtungen übe' den Rückgang des Deutschtums auf dem flachen Lande haben sich nun solche über das wirtschaftliche und numerische Erstarken der Polen in den Städten zugesellt. Und sofori natürlich sind die Ratgeber da, sofort ordiniereil sie Mitte! über Mittel, gleich dem Dr. Eisenbart, sofort auch erscheine! die obligaten tiefgründigen Artikel. Da darf keiner der vielen Vielschreiber fehlem Man hat eine neue Seite der Polengefahi entdeckt, neue Gesichtspunkte sind der geduldigen und gläubigen Leserschar aufzutischen. Wirklich wieder einmal eine Gelegen heit, das eigene Licht erstrahlen zu lassen, um sich zu brüsten mit dem Phrasenpatriotismus und der Regierung zu zeigen welche Wege sie gehen müßte. Ein Berliner Regiernngsassesfvr, hat mit seiner vor kurzem erschienenen Polengefahrbroschüre anscheinend den Anstoß zu dem neuerlichen Sturm gegeben. '* Er dachte und sagte zwar ganz etwas anderes, aber seine Vorschläge brachten doch wieder Zug in die Sache. Nur das eine hätte man nicht tun dürfen, die ganze Geschichte als „ckerniere Kouveäul«? zu servieren. Es ist alles alt, was wir hören, die Klagen und die Nemedurvorschläge. Sie sagen also, das Deutschtum müßte in den Städten seßhaft gemacht werden und sie schlagen vor, daß man bic Befugnis der Ansiedlungskommission aüsdehnen »lüste auf die Kolonisation innerhalb der Städte des deutschen Ostens. Soweit ich mich erinnere, ist dieser Gedanke schon zu Bismarcks Zeiten ventiliert wurden, ein Beweis, daß man damals schon an die Möglichkeit eines Rückgangs des Deutschtums in den Städten dachte. Unter Miquels Regime wuchs dann der Antagonismus zwischen Deutschen und Polen, und damit die Absonderung der Deutschen, indessen glaubte man genügend zu tun, wenn man ein paar Genossenschaften auch an die städtischen Erwerbtreibenden Geld geben ließ. Dafür traten aber jetzt die Differenzierungen zwischen Deutschtum und Judentum hervor, die Steigerung des nationalen Gefühls und das Strebertum nach der guten Gesinnung, welche es zu Wege brachten, daß, wie es so oft an dieser Stelle klargelegt wurde, nur der bessere „Deutsche" geschützt wurde, nie der Jude, der oftmals, leider sehr oft den Kampf nach zwei Fronten hin zu führen hatte.