Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 388 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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388 in Sichron fast nur Weißwein fabriziert. Die Fabrikatioils-- sowie die Transportkosten konnten sehr wesentlich herabgesetzt Werdern 3. Der Keller von Rosch-Pinah spielt nunmehr eine ganz untergeordnete Rolle bei der Herstellung der Palästinaweine, da die grosten Transportkosten zum Meere die Weinproduktion in dieser Kolonie unlohnend machen. Desto bedeutender ist irr Rosch-Pinah die 4. Se iden spi rr nerei und Weberei, welche zahlreiche jüdische Arbeiter ans Sased beschäftigen. Die großen Transportkosten der Kohle vom Meere und der Cocons vom Libanon her erschwererr die Fabrikation wesentlich. Andererseits sind aber durch die Beschaffung besserer Maschinen die Herstellungskosteil verbilligt und die Erzeugung eines wertvolleren Produkts ermöglicht worden. Im ganzen wurden in den letzten zwei Jahren 4107 Kilo Seide aller Sorten verkauft, und ist dafür ein Preis von durchschllittlich 44 Franks pro Kilo erzielt worden. 5. Die Weberei in Jerusalem beschäftigt etwa 100 Arbeiter, welche sich in derselben einen Tagelohn von ein bis zwei Frallks erwerben. Das Produkt findet fluten Absatz und die Märkte erweiterrl sich noch fortwährend. Im Berichtsjahre wurden für 30 000 Franks Stoffe erzeugt. Noch im ersten Stadium ihrer Entwicklung befinden sich die Färberei und die Appreturanstalt, über die einstweilen wenig zu berichten ist. Für den Bau voll 39 Arbeiter- Wohnungen wurde ein Kredit von 73560 Franks bewilligt, wovon 63 000 verausgabt wurdell. 12 391 Frallks sind inzwischen von den Inhabern der Wohnungen zurückgezahlt worden. Die mit einem Kapital von 50 000 Franks im Jahre 1901 errichtete Vorschußkasse hat an 160 Personen 101 960 Franks ausgeliehen und davon 54 642 Franks uebft 2 908 Franks Zinsen zurückerstattet erhalten. Die Arbei te rinn en stube beschäftigt 43 Mädchen und Frauen, von denen 39 Haarnetze Herstellen. Wir fügen hinzu, daß der Löwenanteil all ben Ausgaben für Palästina von dem bekailnten Protektor der jüdischen Kolonien des Heiligen Landes, dem Baron Edmund Rothschild, bestritten!wird. Die J. C. A. fördert nur einige kleine Kolonien, sowie die jüdische Bevölkerung in Jerusalem. Dennoch soll sie im Jahre 1901 für Palästina nicht weniger als 273 000 Mark ausgegeben haben. Mit diesem erfreulichen Rückblick schließen wir für heute, indem wir uns die Fortsetzung der Kolonialrevue für die nächste Nummer Vorbehalten. Sie SAochr. Berlin, 11. August. mn Uebertritt der Ratiolialsozialen stellt der Reichstagsabgeordnete H. v. Gerlach dem Berliner Tagblatt beit nachfolgenden Artikel zur Berfügung, der wohl dazu beitragen dürfte, etwaige Mißverständnisse, namentlich bezüglich der Stellling zum Antisemitismus zu beseitigen: „Die geplante Vereinigung der Nationalsozialen mit der Freisinnigen Vereinigung ruft an einigen Stellen die sonderbarsten Befürchtungen hervor. Einige Blätter, die der Freisinnigen Vereinigung nicht gerade wohlwollend gegenüberstehen, haben sogar die Besorgnis geäußert, die Nationalsozialeil könnten aus die Freisinnigen antisemitisch abfärben. In der freisillnigen Vereinigung selbst ist eine solche Besorgnis nicht zu Tage getreten. Nicht einmal Dr. Barth als Vorsitzender des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" scheint voll der intinlen Berührung mit uns Nationalsozialen eine antisemitische Infektion zu befürchten. Er kennt uns ziemlich genau und betreibt trotzdem die Verschmelzung beider Parteien aus innerster Ueberzellgung. Hält man ihn vielleicht für einen verkappten Antisemiten oder gar für einen politisch naiven Menschen? Zur Beurteilung der Nationalsozialen kann nur das herangezogen werden, was der nationalsoziale Verein seit seiner Konstituierung im Herbst 1896 getan hat. Was seine Mitglieder vorher für richtig gehalten haben, muß außer Betracht bleiben. Denn durch ihren Beitritt zu einer neuen Partei haben sie eben den Willen bekundet, mit ihrer früheren Parteizugehörigkeit zu brechen und die Verantwortung für ihre alte Partei abzulehnen. Es wird oft so dargestellt, als wenn die nationalsozialePartei aus der christlichsozialen Stöckers hervorgegangen sei. Das ist ein Irrtum. Es waren Männer aller Parteien,von äußerst links bis äußerst rechts. dem Rufe Naumanns nach Erfurt zur Begründung einer neuen Parte: Folge leisteten. Sie alle fühlten sich unbefriedigt in ihreil bisheriger Parteiverbäuden und durchdrungen von dem Wunsche, eine Vereinigung zu bilden, die das Soziale, das Nationale und das Liberale harmoniscl zusammenfügte. Es kamen antisemitisch Gerichtete, es kamen philo semitisch Gerichtete, es kamen auch Juden. Von den Christlichsozialei- Stöckers kamen verschwindend wenig. Man hatte mehr erwartet. Aber es zeigte sich, daß der konservative Grundzug in der Stöckersehen Gründung viel zu stark war, als daß sich seine Anhänger zn der freiheitlichen Richtung Naumanns hingezogen fühlen konnten. Naumann selbst hat n i e zu der Stöckerffchen christlichsozialen Partei gehört. Dagegen habe ich mich allerdings zu ihr bekannl. Ich war als jüngerer Mann eine Reihe von Jahren hindurch Antisemit, recht radikaler sogar. Die vollendete politische Unfruchtbarkeit des Antisemitismus machte mich zuerst stutzig. Ich überzeugte midi dann, namentlich unter dem Einfluß Naumanns, davon, daß Anti' semitismus und Reaktion von einander untrennbar seien. Sobald ich den Antisemitismus als schädlich erkannte, habe ich das offen ausgesprochen und entsprechend gehandelt. Jemandem daraus einen Vorwurf machen, daß er einen politischen Irrtum später gut zn rnachen versucht, das bedeutet für mich ben Wunsch, die Notwendigkeü des Lernens aus der Politik auszuschalten. Wenn die nationalsoziale Partei, von mir und ein paar anderen Ausnahmen abgesehen, sich auch nicht aus der christlichsozialen Partei Stöckers heraus entwickelt hat, so stand doch bei^ihrer Geburt der christliche Sozialismus Pate. Der christliche Sozialismus freilich nicht iu dem konservativen Sinne Stöckers, sorldern der christliche Sozialismus im Sinne der „Arbeiterpastoren" Naumann und Göhr. Beide Männer wiesen die Verquickung von Religion und Parteipolitik weit voll sich. Jeder, einerlei wes Glaubens, lvar ihnen zur Mitarbei willkommen. Sie nannten sich christlichsozial, weil christliche Mission — das Mitleid mit den Mühseligen und Beladenen — sie in tue Politik hineingetrieben hatte, und weil ihnen die Ethik des Christentums der mächtigste Hebel zur sozialen Hebung der Massen schien. Sie nallnten sich „jüngere Christlichsoziale", um damit beit Unterschied ihrer freiheitlichen Richtung von der konservativ-antisemitischen Stöckers zu markieren. Auf dem ersten nationalsozialen Vertretertag in Erfurt war natiu lich noch viel gährender Most vorhanden. Wenn Männer, die bisher den verschiedensten Richtungen angehören, sich zu einer neuen Part i zusammenschließen, so geht es nicht ohne Kompromisse und ohne gewisse Unklarheiten ab. So ausgezeichnet wie auch heute noch die danials beschlossenen „Grundlinien" des nationalsozialen Vereins u ihrem Kerne erscheinen, so ist doch ohlle weiteres zuzugeben, daß sie nicht in jedem Punkte haltbar sind. Insbesondere der § 7, der bw Stellung zum Christentum behandelt, gehört nicht in das Programm einer politischen Partei hinein. Schon damals ist er heftig umstrittc r worden. Wenn er schließlich doch zur Annahme gelangte, so war vec allem dabei der Wunsch maßgebend, die Tradition aufrecht zu eihalten. Ließen die „jüngeren Christlichsozialen" auch mit Absicht dc4 Wort „christlich" aus der Parteibezeichnung fallen, so wollten j ' doch wenigstens im Programm an ihre Vergangenheit anknüpfen. Der § 7 der „Grundlinien" lautet: Im Mittelpunkt des geistigen und sittlichen Lebens unseres Volke; steht uns das Christentum, das nicht zur Parteisache gemacht werden darf, sich aber auch im öffentlichen Leben alsMaclt des Friedens und der Gemeinschaft bewähren soll. Wenn ein Berliner liberales Blatt die Nationalsozialen des Anise mitismus zu verdächtigen sucht und zu dem Behufe den § 7 m.r bis zu dem Relativsatz abdruckt, so qualifiziert sich ein solches Ve - fahren wohl von selbst. Hätte das Blatt ganz ehrlich sein wolle::, so hätte es nicht nur den Paragraphen vollständig abdrucken, sondern auch die Resolution hinzusügen müssen, die gemeinsam mit den Grundlinien, und zwar einstimmig, angenommen wurde. Sie laute:: Der Vertretertag erklärt ausdrücklich, daß der § 7 der Grundlinien nicht ein Gewissenszwang für die einzelnen Mitglieder sein soü. Jeder der ehrlich an der Erreichung unserer nationalen und sozialen Ziele Mitarbeiten will, ist zur Mitarbeit willkommen.