Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 386 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Haltung der Verkehrswege k. daraus. Pro Kolonisten macht es allein für Gemeindekosten eine Jahresausgabe von 1426 Mark aus. dabei läßt die Verwaltung noch sehr viel zu wünschen übrig! „Die Direktion in Bueuos-Aires ist zu bureankratisch." „Die meisten Beamten fiub keine Juden." „Die Verbindung der Zentrale mit beu einzelnen Kolonien ist sehr lose." „Einige der Administratoren aus den Kolonie!! halten sich für selbständig und kümmern sich wenig um die Anordnungen der Zentrale." Solche und ähnliche Klagen muß Dr. Sonnenfeld selbst über die Administration führen. Es soll nunmehr versncht werden, die Administration zu vereinfachen, respektive zu verbilligen und die Verwaltung in die Hände der Kolonisten selbst zu legen. Indessen dürfte es nicht ganz leicht werden, den von der bisherigen Administration angestisteten Schaden wieder gut zu machen. Die bisher gemachten Ausgaben, welche naturgemäß doch früher oder später bis auf Heller und Pfennig von den Kolonisten bezahlt werden müssen, haben die Schuldenlast derselben ins Enorme gesteigert. In Entre-Nios gibt es Kolonisten, welche der Gesellschaft 45000 Mark schulden. Die Schuldenlast in Mauricio beträgt bei manchen Kolonisten 36 000 Mark. Zn der Ausgabe der Gemeindekosten in Höhe von 1425 Mark krnnnt noch die alljährliche Schuldentilgung, welche für die meisten Kolonisten eine jährliche Ausgabe voll 3—4000 Mark beträgt. Für die 15 Kolonisten von Mauricio betrug die Gesamtquote für Schuldentilgung 222000 Mark 1678 Mark pro Kolonisten. Endlich tritt noch hinzu, daß die meisten Kolonisten noch Schuldeil an Privatpersonen haben, die weniger nachsichtig als die Gesellschaft sind und für ihr Geld außerdem 18 Prozent Zinsen nehmen. Solche Schulden haben die Kolonisten von Mosesville in Höhe von 50000 Dollar (Bericht des Dr. Sonnenfeld). Nichtsdestoweniger darf die Lage der 138 Kolonisten voll Mauricio als sehr günstig betrachtet lverden. Die Anpflanzung der Lnzerne bewirkt, daß sie weder von der Laune der Witterung noch von dem guten Willen der Heuschrecken abhängen. Außer der Luzerne, die ihnen eine ausgedehllte Viehzucht ermöglicht und ihnen eine glänzende Zukunft verbürgt, haben sie 46664 Hektar Mais und 5559 Hektar mit Getreide bepslallzt, die in diesem Jahre eine glänzende Ernte ergeben haben. Die Kolollisten voll Mauricio haben daher llicht nur pünktlich ihre Jahresraten geleistet, viele voll iljucu waren in der Lage, jüdische Einwanderer aus Rußland als Arbeiter zu beschäftigen. Infolge dieser günstigen ökonomischen Sitllation ist die Administration auf einen Administrator nebst Gehilfen reduziert und die ganze Verwaltung in die Hand der Kolonisten selbst gelegt worden. Nicht mehr so güllstig ist die ökonomische Lage der Kolonisten von Mosesville. Diese älteste jüdische Kolonie in Argelltinien hat in der letzten Zeit sowohl an Umfang ihrer Areals wie an Zahl ihrer Bevölkerung ganz erheblich zugeuommen. Von 24 000 Im im Jahre 1899 ist sie auf 120 000 ha im Jahre 1902 gestiegen, während die Zahl ihrer Kolonisten durch starke Zuwanderung aus Rußland und Rumänien von 130 auf 251 mit 385 Familien und 2500 Einwohner gewachsen ist. Leider erwies sich der Administrator dieser Vergrößerung der Zahl seiner Schutzbefohlenen gegenüber wellig gewachsen, so daß er abgesetzt werden mußte. Die Getreideernte hat infolge der in dieser Gegend chronischen Dürre, welche die Provinz für Getreidebau wenig geeignet erscheinen läßt, ein ungünstiges Ergebnis gehabt. Die alten Kolonistkll hatten noch an der Luzerne, die durch den günstigen Stand des Grundwassers im Norden voll Santa-F^ vorzüglich gedeiht, einen Rückhalt gefunden. Ein Teil der Luzernenernte wird von den Kolonisten verfüttert, während der Rest in großen Batten nach Buenos-Aires verkauft wird. Schlimmer waren daran aber die neuen, einstweilen ausschließlich auf den Getreidebau angewiesenen Kolonisten. Diese mußten Vorschüsse, die aus Rumällien sogar direkt monatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Für die Zukunft wird beabsichtigt, nebst der Vergrößerung der Luzernenanpflanzungen mehr Maisbau als bisher zu treiben. Im Jahre 1902 wurden in Mosesville 18 341 ha bebaut, davon 5011 mit Getreide, 3785 mit Flachs, 2285 mit Mais und 2691 mit neuen Luzernenaulageu. Dazu kommen noch 4568 ha Luzernenfelder, die den alten Kolonisten gehören. An Nutzvieh besaß die Kolonie 12 687 Stück, darunter 2659 Ochsen, 2558 Pferde und 6386 Kühe. Sehr schlecht geht es leider immer noch den jüdischen Kolonisten von Entre-Rios, welche mit 800 Familien und 4097 Seelen das Gros der jüdischen Kolonisten in Argentinien bilden. Die Ursache ihres Mißerfolgs ist leicht begreiflich: „Wegen des zu tiefen Standes des Grundwassers will die Luzerne llicht gedeihen." Das Terrain ist wellenförmig und der Getreidebau auf demselben schwierig. Nasse Jahre wechseln in Entre-Rios mit langwieriger Dürre ab. „Die Kolonisten haben fortwährend Enttäuschung erlebt, denn bald wurde ihre Ernte von der Dürre vernichtet, bald wurde sie vom heftigen unablässigen Regen erdrückt!" Unverständlich bleibt nur, wie man gerade diese Provinz, die der Herr in seinem Zorn geschaffen zu haben scheint uub in welcher es selbst der genügsame Italiener unb der so tüchtige Deutsche nicht lange aushält, speziell für jüdische Kolonisationsversuche wählen und den größten Teil aller jüdischen Kolonien Argentiniens ausgerechnet hierher verlegen konnte. Der Bodenbesitz der J. C. A. in dieser von Gott verlassenen und von jedem anderen Menschen gemiedenen Provinz erstreckt sich auf über 200 000 ha (etwa 40 Quadratmeilen), von denen 100 000 ha zur Verfügung der bereits ansässigen Kolonisten stehen. Dieselben haben davon 20 791 ha gegen 19 036 im Vorjahr angebaut, darunter 14 638 mit Getreide, 8 649 mit Flachs und 3060 mit Mais. Mall sieht, die Kolonisten tuen ihr Bestes und haben in diesem Jahre die Anbaufläche gegen das Vorjahr um nahezu 9000 ha vergrößert. Ihr Viehbestand hat ebenfalls gegen das Vorjahr eine namhafte Vermehrung um 2625 Stück erfahren und zählt jetzt 24 765 Köpfe. Aber aller Fleiß hilft nicht gegen eine schlechte Verwaltung und ein noch schlechteres Klima. Daher kommt es, daß die Zahl der jüdischen Bevölkerung in den 20 Kolonien der Provinz Entre-Rios, trotz neuer Zuwanderung aus Rußland, stets zurückgeht und seit 1899 von 4982 auf 4097 gesunken ist. Die gegenwärtige Situation der Kolonisten ist kurz folgende: Kein einziger von ihnen ist in der Lage, irgend welche Rückzahlung zu machen, der größte Teil von ihnen ist mit Privatschulden bebürdet. Die Kolonisten von Lncienville, Primero de Mayo und Basal Basavilbaso bedürfen aber wenigstens keiner direkten Ullterstützung und ernähren sich noch einigermaßen, weit schlimmer daran sind die Kolollistell der Gruppen Clara und San Antonio. Der Verwaltungsrat der J. C. A. hat nun die Administration reorganisiert und durch ihren Vertreter den Kolollisten Mut zugesprochen und sie zum Ausharren aufgefordert. Man hofft durch extensive Kultur, durch Anlegung voll umfangreichen Maisplantagen, wenigstens die Kinder dieser Kolonisten zur ökonomischen Selbständigkeit zu bringen. II. Palästilla. Weit günstiger als in Argelltinien, wo nahezu 65 Prozent aller Kolonisten noch der direkten Unterstützung bedürfen, hat sich tu ben letzten drei Jahren die Situation der jüdischen Kolonien in Palästina gestaltet. Nichts legt ein so günstiges Zeugnis für die Bestrebung der jüdischen Vereine zur Kolonisation Palästinas ab, als wenn selbst der Verwaltllngsrat der J. C. A., dem gewiß niemand Voreingenommenheit für die Besiedlung des Heiligen Landes vorwerfen kaml, die Zukunft der jüdischen Kolonien in rosiger Beleuchtung zu sehell beginllt. Die vor drei Jahren eingeleitete Reorganisation der palästinensischen Kolonien befindet sich auf dem Wege der Verwirklichung. Die Justallatioll der neuen Kolonien um Tiberias nimmt einen normalen Verlauf imb die Ernteergebnisse des ersten Jahres sind ermutigend Mehrere Kolonisten haben eine gute Einnahme gehabt, die ihnen eilt reichliches Auskomnlen sichert, nach einiger Zeit werden sie im stände sein, mit den Rückzahlungen zu beginnen. „So nähern wir mls allrnählich unserem Ziele, das darill besteht, die Kolonisten selbständig und von unserer Bevormundullg unabhängig'zu machen." Ein großes Hindernis für die Elltwicktung der Kolonien bildet ittuner noch der Zehnte, der von den Steuerpächteril in manchen Kolonieri willkürlich bis auf 30 Prozent erhöht wird. Allein die Verwaltung hofft auch dieser Schwierigkeit zu gunsten der Kolonisten Herr werden zu könllen. Nach dieser kurzen Einleitung wollen wir zur Beschreibuilg der einzelnen Kolonien übergehen. Leider fehlt sowohl über die Zahl der Kolonisten als auch über beu Umfang des im jüdischen Besitz sich befindenden Bodens irgend' welche offizielle Allgabe, und so müssen lvir uns einer von dem Kolonisten Manasse Meierowitz auf Rischon-Lezion 3901 gesammelten nicht ganz zuverlässigen Privatstatistik bedienen. A. Die Kolonien in Judäa. 1. Rischon-Lezion. Die 615 Hektar umfassende Kolonie ist ausschließlich auf die Weinproduktion angewiesen. Die Kolonisterl haben 2 264 979 Kilo Trauben geliefert. 0