Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o7. Jahrgang. No. 33. Allgemeine Berlin, 14. August 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. | Diese Zeitung erscheint wöchentlich, l Abonnements.Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin; unter Streisband bezogen vierteljährl. 3 M.! Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philixxson. VeilSLS-LxpeMon: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgent. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Der Jahresbericht der „Jewilh Cv!om?stmn Monstion." Berlin, 12. August, er uns vorliegende Bericht der J. C. A. pro 1902 verdient aus manchen Gründen besondere Beachtung, schon die Fülle des dargebotenen Stoffes erregt Staunen. Zu 200 Rubriken werden fast ebensoviel über vier Erdteile zerstreute Unternehmungen behandelt, bei denen die J. C. A. oekuniär mehr oder weniger stark beteiligt ist. Manche von diesen Unternehmen sind Millionengeschäfte, wie sie nur wenige große Aktiengesellschaften betreiben können; aber selbst die geringeren unter ihnen sind immer noch bedeutend genug, um einen gutsituierten und wohlorganisierteil Wohltätigkeitsverein voll und ganz in Anspruch zu nehmen. Ueber die Summen, welche die J. C. A. zum Wohle der üdischen Gesaintheit jahraus jahrein ausgibt, liegen authenische Zahlen nicht vor. Dennoch sind int Laufe dieses Jahres über das Millionenbudget der J. C. A. Ziffern in die Oeffentllchkeit gedrungen, deren Genauigkeit an maßgebender Stelle zwar offiziös bestritten wurde, die aber der Wahrheit augenscheinlich so nahe kamen, daß auch wir unter dem üblichen Vorbehalt im nachfolgenden zur besseren Orientierung unserer Leser von ihnen Gebrauch machen wollen. Eine zweite, weit authentischere Publikation ist in diesem gahre über Argentinien erfolgt. Es ist das der Bericht des von dem Verwaltnngsrat zur Inspektion der argentinischen Kolonien entsendeten Direktors Dr. Sonnenfeld. Derselbe ist, vermutlich durch einen Vertrauensbruch, in einer in Rußland rscheinenden jüdischen Zeitung ln extenso veröffentlicht worden, md so nehnren auch wir keinen Anstand, auf die in diesem Berichte gemachten speziellen Angaben bei Gelegenheit zurückukommen. Der Inhalt der Rede des Herrn Leven selbst bedarf keines Kommentars. Wir' haben an dieser Stelle schon bei verchiedenen Gelegenheiten hervorgehoben, daß die J. C. A. keine andere Ausgabe haben kann, als die Lösung der seit Zertörung des Tempels das Judentuin in seinen tiefsteil Tiefen lufwühlenden Emigrationsfrage zu betreiben. Leider zehört zur Lösung dieser Frage, welche seit nurnnehr zweiausend Jahren die letzte Ursache aller Judenverfolgungen ist, wch etwas anderes als nur Geld, da eine große wohlrganisierte Auswanderung nur auf der Basis des Ackerbaues rfolgen kann. Es lassen sich aber tüchtige Ackerbauer bei einem Volke so aus dem Boden stampfen, und am wenigsten st dies bei dem jüdischen Volke möglich, das seit tausend jahren dem Ackerbau gewaltsam entfremdet wird! Daß unsere Kolonien so langsam vorwärts kommen, viel zu langsam für unser hastig lebendes Geschlecht, wie für unsere heißblütige Jugend, die das Warten noch nicht gelernt hat, liegt durchaus nicht am Gelde. Nicht das Geld regiert die Welt, sondern die Menschell regieren sie! Bei keinem der wichtigsten und folgereichsten Vorgänge der Weltgeschichte hat das Geld je eine Rolle gespielt, und es spricht wenig für die politische Schulung unserer Zionisten, wenn sie wähnen, mit Geld alles erreichen zu könilen. Es ist nicht am Gelde,-sondern an den Menschen; es fehlen uns die Leute. An dieser „Leutenot" laborieren alle unsere wichtigsten Unternehmungen, kranken alle uilsere Kolonisationsversuche! Es fehlt an geeigneten Kolonisten, noch mehr aber fehlt es an ein Passendes Beamtenmaterial. Und um diesem Mangel abzuhelfen ist weniger Geld als Zeit erforderlich. Wir müssen eben solange warten, bis auf dem gesilndeu Boden unserer Kolonien ein neues und besseres Geschlecht entstailden ist, ein Geschlecht, welches uns einerseits mit anspruchslosen Bauern, andererseits mit sachverständigen und Pflichtgetreuen Beamten versorgen könnte. Wir lassen nullmehr die einzelnen Länder Revue Passieren: I. Argentinien. Das Areal im Besitze der Gesellschaft umfaßt zur Zeit 388410 Hektar, die zu einem Kostenpreise von 32954 400 Mark erworben sind. Davon sind gegen 44000 Hektar für 2 264400 Mark im Berichtsjahre erworben worden. Die Terrains sind über die drei Provinzen Santa-Fö, Buenos-Aires und Entre-Rios zerstreut und zwar befinden sich 201000 Hektar in Entre-Rios, 123000 Hektar in Santa-Fä (Kolonie Mosesville) und etwa 44000 in Buenos-Aires mit der Kolonie Mauricio. Der Boden ist nach den Angaben des Dr. Sonnenfeld unter den Kolonisten derart verteilt, daß in Entre- Rios 90000, in Mosesville 40000 und in Mauricio 26000 Hektar für sie bestimmt sind, während der Rest Ende Juni für neue Kolonisten zur Verfügung standen, inzwischen sind in Mosesville 45 Familien, in Mauricio 50, in Entre-Rios 20 neuangesiedelt worden und für diese 120 Familien etwa 80000 Hektar zur Verfügung gestellt. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die den Kolonisten zur Verfügung stehenden enormen Terrains nur zum geringen Teil angebaut sind. Die bestellte Fläche umfaßte im Berichtsjahre circa 60000 Hektar gegen 47000 Hektar im Vorjahre. Die Zahl der Kolonisten ist von 906 im Jahre 1900 auf 1095 im Berichtsjahre, die Zahl der Familien von 1289 auf 1440 und die Bevölkerungszahl einschließlich der jüdischen Tagelöhner von 6782 auf 7897 gestiegen. Dies günstig« Gesamtresultat ist so erfreulich, daß wir seinetwillen uns mit den unerfreulichen Erscheinungen auf den einzelnen Gebieten aussöhnen müssen. Unerfreulich sind zunächst die enormen Verwaltungskosten, die sich nach Sonnenfelds Bericht auf jährlich 850 000 Dollar belaufen. Dieser gewaltige Apparat um eine Bevölkerung von circa 7000 Seelen zu verwalten, stellt selbst die vielbeschriebenen Verwaltungskosten der Rothschild'schen Kolonien in Palästina in Schatten. Von diesen 350000 Dollar beansprucht die Zentrale in Buenos-Aires mit 72840 Dollar den Löwenanteil, ferner kostet die Verwaltung von Mosesville 12600, die von Mauricio 11400 und die von Entre-Rios 37760 Dollar. Der Rest von 220000 Dollar geht auf den Unterhalt der Polizei und der Schule, für Aerzte und Medikamente, zur Unter-