Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 ■ eit Sitzln. Es war in den weitesten Kreisen bekannt, daß Beer alljährlich ganz bedeutende Summen für wohltätige Zwecke hergab, und war gewöhnlich am Todestage seiner srüh verstorbenen Tochter. Einzelheiten drangen niemals in die Oeffentlichkeit, weil derGeschenkgeber dies nicht wünschte. Dem israelitischen Lehrerverein für Rheinland und Westfalen hat der Verstorbene fortgesetzt erhebliche Zuivenduugen für dessen Unterstützungsbeziehungsweise Sterbekasse gemacht. Als Kuriosum sei noch erwähnt, daß Beer jahrelang allein mit Krupp Wähler der ersten Klasse war und mit diesem zusammen regelmäßig die Stadtverordneten der ersten Wählerabteilung wählte. l. Köln, 2. August. Der Verein für jüdische Krankett ist ege rin neu, welcher soeben seinen vierten Rechenschaftsbericht verendet, hat auch im abgelaufenen Jahre eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Wie groß das Bedürfnis nach jüdischen Pflegerinnen sowohl in unserer schnell wachsenden Gemeinde, als auch in den größeren Kachbargemeinden Rheinlands und Westfalens ist, offenbarte sich darin, daß der Verein bei der noch beschränkten Zahl feiner für die Privatvflege verfügbaren Schwestern nicht in der Lage war, allen an ihn gestellten Ansprüchen gerecht zu werden. Anfangs 1902 betrug die Zahl der Schwestern 12; dazu kamen 3 Schülerinnen, welche im Lause des Jahres ihre Ausbildung vollendeten; 1 ist ausgeschieden, 1 beurwubt. Von den 14 zu Beginn 1903 tätigen Pflegerinnen, waren acht in Israelitischen Asyl, die übrigen in der Privatpflege beschäftigt. Die letzteren haben 76 Pflegen in Köln und 9 auswärts mit 775 Tages- und 559 Nachtpflegen übernommen. Bei Operationen in Privathäusern leisteten sie in 172 Fällen den Aerzten Assistenz. Der Armenpflege wurde im vergaugenen Jahre erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt. In 30 Fällen haben sich die Vereinsschwestern durch Verbettung der Kranken, Instandsetzung der Wohnung und Wirtschaft hilfreich betätigt. Als nächste und dringlichste Aufgabe hat der Vorstand den Bau eines Schwesternhauses ins Auge gefaßt, wofür die bisherigeil Mietswohnilugen nur einen sehr unvollkommenen Ersatz darstellen. Das Kuratorium des Israelitischen Asyls hat sich bereit erklärt, auf dem von ihm für den Neubau der Kranken- und Alterversorgungsanstalt erworbenen großen Terrain einen geeigneten Platz für das Schwesternheirn zur Verfügung zu stellen. Hoffentlich werden die vielen Freunde des Vereins zu der Schaffung eines genügenden Baufonds, für welchen die Herren Sally Bielefeld und Hermann Steruau je 2000 und Herr B. Neckarsulmer in Aachen 1000 Mark gestiftet haben, ihre werktätige Hilfe nicht vorenthalten. Herr Neckarsulmer hat dem Schwesternpensionsfonds 10000 Mark letztwillig vermacht, die Familie des Herrn Fritz Rothschild für denselben Zweck 1500 Mark überwiesen. Die Einnahmen betrugen (einschließlich eines Kassenbestandes voll 2122,82 Mark) 22252,94 Mark, davoll Jahresbeiträge 5746,70, .Spendeil 3464,60 Mark, die Ausgabell 10094,30 Mark. Dell Vorstalld bilden die Herrell Dr. B. Auerbach, Vorsitzender, Rechtsanwalt Carl Eltzbacher, Stellvertreter, Dr. Fritz Cahell, Schriftführer, Simon Herzbach, Schatzmeister, Max Bendix, Isidor Dülken, Amtsgerichtsrat Lölvellherz, Heinrich Frank und Dr. L. Oppenheimer, Beisitzer. — Kitzingen, 31. Juli. Eine wichtige Entscheidung traf die Königliche Regierung von Uuterfrauken ulld Aschaffeuburg. Der Magistrat dahier hatte beschlossell, daß für Kontorarbeiten die vollständige Sollntagsruhe eiugesührt werden solle. Dagegen petitionierten eine Anzahl christlicher und jüdischer Eugrosfirmen und auch das Bundesgremium.unterstützte diese Eingabe, während eine Anzahl Angestellte, die zu ihrer Versammlung alisschließlich christliche junge Leute einlud, in einer stark alltisemitisch angehauchtell Gegenpetition, für volle Sonntagsruhe eintrat. Die Regierung versagte aber dem Ortsstatut dieGenehmiguug, lveil „eine gänzliche Einstellung der Sonntagsarbeit den hiesigen Verhältnissen llicht entsprechen würde." Es bleibt deshalb bei der fünfstündigen Arbeitszeit, da der Magistrat ullnmehr beschlossen, von der Erlassung eines anderen Ortsstatuts Abstalld zu nehmen. Für die hiesigen israelitischen Eugrosfirmen. die Sonnabends fast alle geschlossen haben, ist diese Entscheidung der Königlichen Regierung sehr zu begrüßell. o. Gimzenhaitseri, im Juli. 2^r israelische Lehrerverein Bayerns hielt hier am 20. d. M. seine 24. Generalversammlung ab. Der Verein ist der größte aller jüdischen Lehrervereine Deutschlands. Er hat nach Aufnahme noch einiger Mitglieder durch die jüngste Versammlung-bereits die Zahl 170 überschritten und wird wohl in aller Kürze 180 erreichen. Dabei sind die Kollegen der bayerischen Rheinpfalz nicht mit inbegriffen. Diese bilden eine Vereinigung für sich. Nach dem 23. Jahresbericht <1902) hatte der in der Ueberschrist genannte Verein genau 170 Mitglieder, die jährlich einen Beitrag von 10 Mark entrichten. Die Hälfte dieser 1700 Mark wird auf Unterstützung von dienstunfähigen Lehrern oder deren Relikten verwendet, die andere Hälfte jedoch zum Unterstützungssond geschlagen. Das gleiche Verfahren wird beobachtet bezüglich der Beiträge von außerordentlichen Mitgliedern, deren der Verein jetzt 940 zählt. Diese brachten dem Verein 3469,02 Mark ein, so daß hier je 1734,51 Mark zur wirklichen Unterstützung und für den Unterstützungssond aufgewendet werden konnten. An Spenden und Geschenken gingen ein 3825,36 Mark, an Tantiemen (Kauffmann'sche Buchhandlung Frankfurt a. M. und Lebensversicherung Viktoria, Berlin) 238,85 Mark. Sechs neueintretende Mitglieder hatten iusgesammt 135 Mark Eintrittsgeld zu entrichten; von der Neujahrsgratulationsenthebung machten viele Gebrauch zu Gunsten der Kasse, die hierdurch einen Zuschuß von 123 Mark zu verzeichnen hat. Am erfreulichsten war jedoch im abgelaufenen Jahr die Tatsache, daß die königliche Staatsregierung zum erstenmal zur Unterstützungskasse des Vereins einen Zuschuß leistete, und zwar die ansehnliche Summe von 2000 Mark. Als direkte Anerkennung der Wirksamkeit uud segensvollen Betätigung des Vereins darf mit Genugtuung hervorgehoben werden, daß die königliche Regierung den Genuß des Staatszuschusses abhängig macht von der Mitgliedschaft des bayerischen israelitischen Lehrervereins. Die Verwaltung hat diese ehrende Kundgebung natürlich nicht unbenützt vorübergehen lassen, sondern dieselbe zur Propaganda verwendet für diejenigen jüdischen Lehrer Bayerns, die immer noch dem Vereine fernstehen. Die königliche Negierung hatte zwei verschiedene Verteilungsmodi in Vorschlag gebracht. Die 2000 Mark wurden schließlich nach den Intentionen und mit Genehmigung der Negierung nach dem satzungsmäßigen Verteilungsmodus an die Bezugsberechtigten abgesührt. Danach erhielten Unterstützungen: A. Aus Vereinsmitteln: 11 alleinstehende Witwen je 1 Teil 1750 Mark, 1 Witwe mit 1 Kinde 156,25 Mark, 1 Witwe mit 2 Kindern 187,50 Mark. 1 Witwe mit 6 Kindern (2 V2 Teile) 312,50 Mark, 11 dienstunfähige Lehrer 1705 Mark, zusammen 4111,25 Mark. B. Aus dem Staatszuschuß: 11 alleinstehende Witwen je 1 Teil 792,77 Mark. 1 Witwe mit 1 Kinde 90,09 Mark, 1 Witwe mit 2 Kindern 108,11 Mark. 1 Witwe mit 6 Kindern 180,20 Mark, 9 dienstunfähige Lehrer 828,83 Mark, zusammen 2000 Mark. Die königlich bayerische Regierung hat zwar vorsichtigerweise sich das Bewilligungsrecht bezw. diese Vergünstigung von Jahr zu Jahr Vorbehalten, doch steht zu hoffen, daß keinerlei Bedenken gegen den Zuschuß sich geltend machen werden.' Die ultramontane Kammermehrheit hat dafür gestimmt und die bayerischen Liberalen sind erst recht nicht dagegen. Der Verein weist an Wertpapieren einen Nennwert von 80000 Mark auf, der Kassabestand 1902 war 3149,86 Mark, während an Rückständen im ganzen 82 Mark zu verzeichnen sind. Der Gesamtvermögensbestand erreicht demnach die Höhe von 83 231,86 Mark. Im künftigen Jahre feiert der Verein sein 25 jähriges Jubiläum. Gefterreich-Angsrn. LH Wien, 3. August. Nun hat Geheimrat Neißer tatsächlich die Berufung nach Wien abgelehnt, er hat es vorgezogeu, einer Stadt fern zu bleiben, in der alles zu antisemitischen Agitationen herhalten muß. — In Krakau sollte am 8. dieses Monats ein Weltkongreß der Rabbiner stattfinden, der aber abgesagt wurde. Das immerhin interessante Programm lautete folgendermaßen: 1. Sonnabend, den 8. August, nach dem Morgengebet, findet die Vorstellung der Kongreßmitglieder und die gegenseitige Begrüßung statt. 2. Sonntag, den 9. August versammeln sich die Rabbiner behufs Ordnung der Kongreßangelegenheiten. 3. Nachmittags hat jeder die schriftliche Erklärung abzugeben, welche Angelegenheit er dem Kongreß vorzulegen entschlossen ist, und wird dieselbe vom Sekretär laut verlesen. 4. Am zweiten Verhandlungstag versammeln sich die Rabbiner in der Synagoge, wohin auch die Spitzen der Behörden und andere hohe Persönlichkeiten geladen werden, ein Gebet für den Kaiser und das Land zu verrichten. Der Vorbeter öffnet dann die heilige Lade legt einen feierlichen Schwur ab im Namen der Rabbiner und des ganzen jüdischen Volkes gegen die Beschuldigung des Ritualmordes, daß diese Beschuldigung eine freche Lüge ist, daß der Ritualmord den