Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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07. Jahrgang. No. 02, Berlin, 7. August 1903. Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK IudriikiimK" Korrklpondenzrn und Sachrichtrn. Deutschland. Berlin, 3. August. In der Nacht zum Sounabend ist stier Professor Dr. Immanuel Munk, Abteilungsvorsteher am physiologischer! Institut, nach kurzer Krankheit infolge Herzschlags gestorben. Immanuel Murrk, der jüngere Bruder des Physiologen Hermann Munk, stand im besten Mannesalter. Er hat es nur auf 51 Jahre gebracht. Am 20. Mai 1852 in Posen geboren und dort vorgebildet, machte Munk seine Universitätsstudien in Berlin und erlangte 1874 die Approbation als Arzt. Er widmete sich sodann physiologischen Studien. Dabei stellte er Forschungen über Stoffrvechsel und Ernährung, sowie über die Resorption und über die Harnansscheidung in den Vordergrund. Die wichtigsten der einschlägigen Eiuzelstudien Munks sind „Resorption der Fette, Fettsäuren, Seifen und ihre weiteren Schicksale im Körper", „Fettbildung und Kohlehydraten", „Ueber die Folgen ausreichender, aber eiweißarmer Nahrung". Beiträge zur Stoffrvechsel- und Ernährungslehre", „Ueber sekretorische und synthetische Vorgänge au überlebenden Nieren", „Ueber das zur Erzielung des Stickstosfgleichgewichts nötige Miuimurn von Nahrungseiweiß", „Muskelarbeit und Eiweißzerfall" u. a. m. Das ganze Gebiet der Ernährungslehre im Zusammenhangs darzustellen, vereinigte sich Munt mit Uffelmann. Das aus der gemeinsamen Arbeit hervorgegangene Werk „Die Ernährung des gesunden und kranken Menschen" hat viel Anerkennung und Verbreitung gefunden. Besonders zu erinnern ist an Munks Lehrbuch „Physiologie der Menschen und der Säugetiere", das sich bei den Studierenden schnell einbürgerte und in einer ganzen Reihe von Auflagen erschienen ist. — Während der letzten Jahre war Munk Herausgeber des „Zentralblatt für Physiologie". Dem Lehrkörper der Universität Berlin gehörte Munk seit 1883 an. Nachdem er zuvor als Assistent am physiologischen Laboratoriurn der tierärztlichen Hochschule unterrichtet hatte, wurde Munk als Privatdozent bei der Universität zugelassen. Er hielt Kurse der Physiologie und Vorlesungen über Nahrungsmittel und Ernährung. Eine wesentliche Erweiterung erfuhr Munks Lehrtätigkeit 1895. Er wurde, kurz nachdem er den Professortitel erhalten hatte, als Nachfolger Gads an die Spitze der speziell physiologischen Abteilung des physiologischen Instituts gestellt. Es war ihm dadurch Gelegenheit gegeben, Schule zu machen. Während der Zeit von Du Bois-Reymonds Erkrankung war Munk mit der Abhaltung der Hauptvorlesung über Physiologie betraut. Seit 1899 hatte er eine außerordentliche Professur inne. Bei den Studierenden hat sich Munk auch durch seine stete Hilfsbereitschaft und seinen wohltätigen Sinn eine dankbare Erinnerung gesichert. Ehre seinem Andenken! — Berlin, 2. August. Frau Helene Hermann, geborene Schlesinger, die Tochter der bekannten Schriftstellerin Frau Martha Schlesinger (Hans Hellmuth), Gattin des Herrn Dr. Max Hermann, Privatdozenten für deutsche Literatur in Berlin, hat das philosophische Doktorexamen (Hauptgegenstand: Germanistik) an der Berliner Universität cum laude abgelegt. Gleichfalls gestern bestand ein Blinder. Ludwig Cohn mit Namen, der aus Marklissa in Schlesien stammt, bei der philosophischen Fakultät der hiesigen Universität mit der Note cum diligentia die Doktorprüfung. Ludwig Cohn hatte das Miß° geschick, in seinem zehnten Lebensjahre zu erblinden. Trotzdem vermochte er die Klassen des Laubaner Gymnasiums regelmäßig durchzrrmachen. Nach Ablegung der Reifeprüfung studierte er in Leipzig und Berlin Nationalökonomie. Seine häuslichen Studien betreibt er in der Weise, daß er sich von Freunden aus Fachschriften vorlesen läßt und sich danach in der Blindenschrift Notizen macht. Aus einzelnen wichtigeren wissenschaftlichen Werken hat er für seinen Gebrauch sich größere Abschnitte in der Punktiermethode umgeschrieben, und zwar auch aus Werken in fremden Sprachen. i'. Berlin, 2. August. In der „Kreuzztg." vorn 16. v. M. lesen wir folgende Schauergeschichte, schaurig aber nur wegen der Folgen für Israel, wenn es nach dem Herzen der „Kreuzztg." ginge: „Neulich ging ein Professor der Berliner Universität während der Pause in dem hinter der Universität belegenen botanischen U n i v ersi t ä t s - garten spazieren und sah dort auf einer Bank ein Pärchen, wie man es sonst wohl in entlegenen Teilen des Tiergartens in der Dämmerstunde erblickt. Da so etwas bisher an der Berliner Universität, für deren Angehörige der Universitätsgarten allein geöffnet ist, nicht üblich war, mochte der Professor wohl einen erstaunten Blick auf das Paar geworfen haben, aber er ging ganz ruhig weiter. Da stürzte, als er sich bereits ein paar Schritte entfernt hatte, der Jüngling hinter ihm her und fragte ihn mit der unnachahmlich mauschelnden Sprache, die nur der von deutschen Kultureinflüssen gänzlich unbeeinflußte Orientale besitzt: „Wünsche Se velleicht der Dame vorgestellt zu rverden?" Der Professor erwiderte einfach „Nein" und verließ den Garten, um einen Pedellen zur Feststellung des Pärchens herbeizuholen. Als er aber nach fünf Minuten zurückkehrte, )var dieses mit dem Mute, der die Nasse auszeichnet, da ihm die Sache jedenfalls verdächtig vorgekommen war, bereits verschwunden." — Ob die Geschichte sich überhaupt zugetragen — die „Kreuzztg." hat in der Beziehung unwissentlich wie wissentlich viel geleistet — oder ob nur ein tendenziös zugestutzter Bericht vorliegt, wissen wir nicht, ist im Grunde auch gleichgültig. Vieles spricht für die Annahme, daß wir es mindestens mit einem stark tendenziösen Bericht zu tun haben. Wir wären ja weniger im Zweifel, wenn der Herr „aus Universitätskreisen", der den Bericht geschrieben hat, mit dem Mute, der diese Klasse auszeichnen sollte, sich genannt hätte. Wir würden dann wissen, ob wir es mit einem vielleicht nur kurzsichtigen Dozenten, der etwas Falsches gesehen hat. oder einem antisemitisch durchseuchten Jüngling jüngsten Semesters zu tun haben. Ein erfahrener Mann würde sich ebenso, wenig wundern, daß ein ausländischer Student nicht korrekt deutsch, wie daß ein deutscher Student nicht korrekt englisch oder französisch oder russisch spricht und nicht vielmehr mindestens einen fremden Accent durchhören läßt. Ein jüdischer Student aus Rußland „mauschelt" nicht, und der nach dem Beispiel des glorreichen Herrn v. Hammerstein — woßu citierte Satz ist nicht natürlicher, sondern gemachter Mauscheljargon. Doch das alles ist ja gleichgültig. Es mag sein, daß wirklich ein jüdischer Student im botanischen Universitätsgarten eine Studentin zärtlich umschlungen gehalten hat. Wissen wir ja von christlich-germanischen später sehr berühmt gewordenen Männern, daß sie an viel, viel ungeeigneteren Plätzen viel, viel Unziemlicheres getrieben haben. Wir wollen zugeben, daß der russische Student sich ungeschickt benahm, als er dem Professor nachlief und ihn fragte, ob er der Dame vorgestellt zu werden wünsche. Der Kreuzzeitungsmann will durchblicken lassen, daß das jüdisch-russische Frechheit war. In wirklich hatte der Student wahrscheinlich im ersten Augenblick die Empfindung, er müsse den Professor überzeugen, daß die betreffende Person kein „Dämchen" war. Was uns interessiert, ist die Folge, die das fromme Junkerblatt diesem einem Falle geben möchte und die witzig sein sollende Art, mit welcher es seinen Wunsch begründet. „Es ist — diese Moral zieht das genannte Blatt aus der mitgeteilten Erzählung — wirklich die höchste Zeit, daß wir unsere Hochschulen gegen die Ueberschwemmung mit jüdischen Elementen aus Rußland schließen," und es fährt dann fort: „Die Voraussetzung alles internationalen Verkehrs ist die Reziprozität. Rußland behandelt fremde Juden keineswegs vom Standpunkte der Gleichberechtigung. Kein „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" würde auf einer russischen Universität zugelassen rverden. Den Verein deutscher „Staatsbürger" könnte es aber nut mit Genugtuung erfüllen, wenn wir für diese Zurücksetzung ihrer Stanrnresgenoffen nach dem alten guten Grundsätze: „Haust Du meinen Juden, hau ich Deinen Juden", Revanche nähmen und fremde Juden unbedingt von unseren Hochschulen ausschlössen. Wir haben ja doch selbst genug." Welche Härte, welche salsche Logik und welche kühnen Sprünge! Ein jüdischer Student aus Rußland hat sich angeblich vergangen und die deutschen Universitäten sollen nicht nur allen jüdischen Studenten aus Rußland, sondern „fremden Juden" überhaupt und „unbedingt" verschlossen werden. Die „Kreuzztg." beruft sich auf die Reziprozität, welche die Voraussetzung alles internationalen Verkehrs sei. Wir bestreiten zunächst, daß Reziprozität eine solche Voraussetzung sei. Wenn