Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 384 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Seine ganze Seele war schreiend und aufwallend; sie litt immer unter dein Schmerz des Heiligen, und Gott schwebte ihr in jedem Augenblick vor, wie ein brennendes Feuer. Ueberall sah er etwas Plötzliches, Unerwartetes, in irdischen wie in himmlischen Dingen. Jedes Gebot oder Verbot durchdrang ihn wie ein Ungeheuer, wie der Schrecken des Daseins iu den Tagen des ewigeil Gerichts. Was ihn besonders erzittern machte, >var die tägliche dreimalige Gebetverrichtung, jene vulkanische Art zu beten, wie wenn das ganze All in Aufruhr geriete. Das ivareu nicht »lehr Worte, die von Mensch zu Gott gesprochen wurden, sondern flammende Lebeivesen, die plötzlich anfschrien, bevor sie die Seele umzüngelten. Gott ist ein Lebewesen, dessen Atem beständig lodert. Auch die Weisen konnten mit ihrem Atem die Welt verbrennen. Der Augenblick ist ein Blitz, und jedes heilige Wort enthält die ganze Eivigkeit. Der Mensch würde vergehen, wenn er alles wüßte, wenn der Nebel von ihm fiele. — Und der Nebel ist ivie ein Schwur, der mit den Dingen gekoiiiiueii ist. Erhöbe Gott seine Augen, würde alles in Schrecken erstarren. Die Welt ist ohne Ruhe, und der Schmerz des Lebens kommt vom menschlichen Uebermnt. Ein jeder Augenblick ist der entscheidende, man muß sich zusanimeniiehmen. . . . Aufschreien soll man, wenn die Sonne über uns leuchtet, und wenn der Tag dahinscheidet, sie sind Gebote vor deni Gebot und das Leben vor deiii Leben. .. O, Menschenkinder, redete es fortwährend in ihm, ivie seid ihr hierhergekoinmen. ohne von euch zu wissen? Wie wollet ihr leben ohne Gott? Weinet, daß ihr da seid und alles versäumt. Und das war sein Leben, zu trauern über das Schicksal aller und dieses in sich zu tragen. Ec fühlte, wie seit der ersten Sünde envas gebrochen ist, wie der Gespensterdruck alles Heilige erwürgt. Es geht ein Riß durch das All, der uns zu Erben macht und auf irns lastet. Wir gehen unter und glauben zu steigen; nur das Wort Gottes kann uns retten. Und das Wort Gottes glühte besonders im Beten, in den Gebeten der „Nachmiten", zu denen er gehörte, in den Psalmen, iin Hohelied. Das ivar das Allerhöchste, was je einem Sterblichen zu teil wurde, und das ist das Ziel aller. Dämmerte es zum Sabbat, wenn das Hohelied in jedem jüdischen Hanse gewohnheitsmäßig gesagt wurde, kam in ihn eine Glut, die alles überstieg. Er warf die Worte hin wie Feucrflammen und rannte wie ein Besessener im Zimmer herum. Alles im Hause floh und versteckte sich während der Hoheliedstnnde, und nur der herannahende Sabbat vernahm jene hohen Worte von der Liebe zwischen Gott und seinem Volke Israel.- * Die S title». Während des letzten Sommers kam es häufig vor, daß es im Hause des Nathan nichts mehr zu beißen gab. Die Armut wurde uie ein einziges Mal beim Namen genannt, aber alle Quellen waren erschöpft, und die Dreschmaschine, wie die selbst znrechtgedachte Oelfabrik konnten nur selten einen baren Rubel erzeugen. Nach außen ließ man es schiveclich merken; die Bewohner des Städtchens nämlich, die am trostlosen Schacher ihr Dasein fristeten, haben es scheel angesehen, ivenn einer aus ihrer Mitte schied und sich einen anderen Nährboden suchte. Das Häuschen selbst, peinlich sauber mit blendend weißen Wänden und grün gefärbten Läden, lag in der christlichen Gasse. Von vorn aus konnte man das Hügelland sehen, das sich jenseits der Bauernhöfe erhob und der Welt ein Gefühl von Ruhe gab, und nach hinten dehnten sich die Wiesen weit und breit bis zum Friedhof und der toten Mühle. Geht man die Gasse ein klein wenig aufwärts, erblickt man schon die Kornfelder, die sich wellenartig über die Erde ergießen und den Reichtum des Landes in sich bergen. Wenn der Morgen erwachte und alles noch im Tau lag. stand Nathan schon am Fenster und betete still für sich; bei all seiner Ausklärung war er fromm vom Gemüt, und jedes gesprochene hebräische Wort, gehörig betont, tat seiner Seele wohl. Wenn er ein paar Kohlen in den Samowar tat und das Wasser sich zu regen begann, kam in ihn ein beklemmendes Gefühl seiner Frau und Kinder wegen. Es ist so still um Gott, wie soll der Mensch von seinen Sorgen reden? Stumm ist alles, nur die Gesetze der Natur walten ewig. Jenseits des Städtchens und weit, weit gibt eS eine Natur, welche die großen Denker erforscht und in Bücher niedergeschrieben haben. Er besaß einige lose Hefte eines russischen Journals: „Das Leben", die er wie die Bibel sorgfältig in weißes Papier hüllte und in denen er in den Stunden der schweren Bedrückung seinen Geist stärkte. Wenn die Leute seiner Gemeinschaft wissen könnten, daß es einen Darwin gegeben habe, wenn sie Verstand Hütten zu begreifen: was heißt Mechanik. Ist denn der Regen nicht ein Gesetz? Seine etivas jüngere Frau würde von alldem nicht viel verstanden haben, swenn sie nicht ein Herz für ihn hätte. Sie wußte es, daß ihr Nathan mehr als alle anderen denke, und dann gibt es doch eine Welt noch anders wie in Trutiwa. Wenn ihr Nathan in einem anderen Flecken geboren wäre, er hätte wahrlich auch studiereil können. Warum erschreckt ihr denn, man kann noch immer fromnr sein, ivenn Gott in Einein »virklich ist. Die kleinen Bübchen stolperten immer in der großen leeren Küche herum und nahmen sich dort aus wie kleine Tierchen ans dein Erdball. Ein älterer Bursch von vierzehn oder fünfzehn Jahren ist stets mehr hungrig als es nötig ist, hat aber Aiistand, es nicht laut zu gestehen. Seine Zwillingsschwester, ein blondes, einfaches Wesen, hatte einen Aussatz auf der Wange und dem Kinn, den sie mit Kreide schnrieren mußte. Eine Nachbarstvchter mit schwarzem Haare und gelbem Gesicht saß immer da imd nähte; sie ivar die leibliche Freundin der älteren Tochter Rosalie, ein schönes Mädchen, das schon über siebzehn zählte. Sie liebte es nicht, viel zu reden und ivar immer froh, wenn sie sich in eine grobe Arbeit flüchten konnte; besonders fühlte sie sich ivohl beim Kneten des Brotes, ivenn es solches zri backen gab. — Sie litt sehr unter dem Druck des Hauses; wenn es wenigstens genügend Wäsche für die Kinder gäbe, da flattert doch das Herz, wenn man es geivaschen hat und au der Leine zunc Trocknen anshängt. Wer versteht den Wind, wenii er am Fenster pocht? Wer ist denn so gut, wie Vater und Mutter? Die paar jungen Leute, die zu ihnen kommen, ivissen eigentlich nicht viel; der eine hat immer den steifen Hut auf dem Kopse, und wenn er so dasteht und sie ansieht, tut er ihr leid. Der andere wollte von ihr das Rechnen erlernen; er ist ein Fremder und hat hier niemanden. In den großen Sommertagen, wenn die kleinen ausrücken, alle bei der Arbeit sind, und sie alleine in der Vorderstube bei ihrem Nähen dasitzt, überfällt sie eine merkwürdige Stille — das Weh und die Sehnsucht einer ganzen Stadt, eines alten Geschlechtes. Die Welt hatte einen Ton für sie, wie ihn nur die alten Meister vernommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.