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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
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383 doch bei uns, Tante! Nein.-Nach zwei Tagen kam eine andere Mutter. An dieses alles denkend, ging Joseph jetzt hin. Fünf Jahre waren seitdem verflossen, und er hatte schon vieles über die Lehre nachgedacht . . . Wenn die gläubigen Eltern seiner Braut das wüßten. Auch feine Braut war hierher zur Hochzeit gekommen, er hat sie aber noch gar nicht gesprochen, denn nicht so ist es Sitte in Israel. Als er zur Tante kam, saß sie in der Vvrderstube beim Beten. Sie trug ein weißes Tuch um den Kopf, was sie noch mitbet: machte; sie nickte ihm gutherzig zu. Sie führte die Hand an den Mund zum Zeichen, daß sie sich jetzt nicht unterbrechen darf. Er setzte sich hin. Die Sonne kam durch die breiten Fenster, die nach dem Garten gingen, und warf ihre hellen Strahlen auf den rot gestrichenen Boden. Auf dem Tisch stand die Teemaschine und kochte. Die Tante lispelte die Gebete, als wenn sie doch Eile hätte. Sie stand auf zur „stillen Andacht" und kehrte das Gesicht zur Wand. Er sah ihre majestätische Gestalt im Rytmus des Gebets sich bewegen. Warum gehen die Menschen alle vorbei und wissen nicht, ans was sie gehen? Diese talmndische Stelle fiel ihm jetzt ein, und er dachte bei sich, daß er doch zu denjenigen gehört, welche wissen wollen . . . Sie hat geendigt und ging aus ihn zu. „Warum bist Du so sinnend, Joseph? Komm her, mein Sohn, und lasse Dich ansehen. Dn bist ja groß geworden, aber blaß bist Du, Du lernst viel. Deine Hände sind so inager. Deine Schewa sah ich auch, ein Wundermüdel. Gott, wenn Deine Mutter noch gelebt hätte. Hast Du es gut bei dieser? — Weißt Du, mein Michel ist auch da." — Sie drückte seinen Kopf, während die Tränen aus den Augen rannen. Sie küßte ihn auf die Stirn und sagte: „Willst Dn Tee trinken? Hast Tu schon gebetet? Wart' mal, ich bringe Dir Kuchen. Denk Dir, Riwka ist auch da, die ist so krank und schleppte sich zur Hochzeit. Seit wann seid Ihr denn da? „Noch vorm Sabbat sind wir gekommen." „Habt Ihr eine gute Fahrt gehabt? Ich bin noch jetzt müde vom Wagengerassel. Gott sei Dank, daß ich hier gut logiere. Es sind reiche Leute, Michels Verwandte. Auch Schewas Eltern sind sehr reich. Du wirst es gut haben." Sie goß ihm Tee ein, nahm auch sich ein Glas, erinnerte sich aber, daß sie das Schlußgebet noch nicht zu Ende gesagt habe; sie nahm wieder das Gebetbuch hervor, betete und sprach dazwischen: Du, wann ist Eure Hochzeit? „Und nach Zion soll bald der Erlöser kommen" fuhr sie fort. Endlich wurde sie fertig, küßte das Gebetbuch und schlug es zu. Joseph schlürfte bedächtig den Tee. Auch sie trank ihren Tee und redete dabei. „Hast Du schon Schema gesehen?" „Ja..." „Gefällt sie Dir, schäm Dicht nicht." Er wurde rot. „Lebst Du mit Deiner Stiefmutter gut?" „Nicht immer." „Und was macht Vessi, Jakob, Chawa?" „Vessi und Jakob sind gestorben." „Gott, das wußte ich gar nicht. Schon lange?" „Nein." „Waren sie krank?" „Weiß ich, sie hatten Fieber ... immer sterben sie bei uns, auch ihre Kinder sterben. Auch als Mutter lebte, waren viele gestorben. Habt ihr den Wölfel gekannt, so ein Jimge, der hätte die Welt mit seinem Kopf verbrannt, und Cheile, Selbe, Nachman." „Und was sagt der Rabbi?" Joseph schwieg. „Was machst Du für Augen? Glaubst Dn vielleicht nicht? Gott strafe mich nicht, daß ich es nur ausspreche." „Nein, Tante, ich glaube nicht." „Gott! Jossel, nimm Dich in acht, sage ich Dir. Es wird Dir schlimm ergehen. Laß das, mein Kind, und glaube wie alle Juden glauben, ich bitte Dich, nicht wahr, Du wirst mir folgen." Sie setzte sich zu ihm ans das Sopha und legte die Hand ans seine Schulter : „Weißt Du, Lieber, ich bin des Hernmfahrens müde. . . Immer hier und dort fein, und dann wird man älter. Bin ich allein mit mir, wird mir so traurig, kein Kind und kein Rind zu haben, niemanden auf der Welt. . Und dort in der Ewigkeit, was soll ich armes Weib machen? Von der Lehre tun wir nichts verstehen, Gebote haben ivir, Weiber wenig. Was soll ich im Himmel anfangen, wenn niemand da ist, der das „heilige Gebet" mir am Grabe nachsagen soll, fein Kind und kein Rind. Hier, auf dieser Welt, was brauche ich? Was ist das ganze menschliche Leben? Aber dort, in der Ewigkeit. Soll meine Seele iinmer im Himmel hernmwandern, ohne ans Erden jemanden zu habeil, der für sie betet." Sie weinte. „Tante Marie, iveine doch nicht." „Du rveißt es nicht, Joseph, nach Michel werde ich nie einen anderen Mann haben. Siehst Du, Joseph, Deine Mutter ist nicht da. Wärest Du noch klein, ich hätte Dich zu mir genommen. Dn bist ja mein Blut, Drr lvärest mir wie ein Sohn und hättest nach meinem Tode für urich gebetet . . Soll ich einen anderen als Kind nehmen? Nein! Ich liebe Dich, Dn bist auch nicht lvie die anderen. Willst Du nach meinem Tode das heilige Gebet sageil? Weiß ich, vielleicht sterbe ich." „Aber Tante, ihr seid doch noch jung." „Weiß denn der Mensch seine Zeit? Heute oder morgen, lvir müssen jeden Augenblick gefaßt sein ... Alles ist in seiner Hand . . . Das Leben ist ja ein Uebergang . . . und unserer Sünden sind viele. Kommt Ulan dorthin, hat mail genug zn fragen . . . Soll ich hier niemanden haben?" „Joseph, was schweigst Du?" klang es von ihr gebrochen. Sie beugte sich zn ihm und sagte: „Weißt Du, ich habe manchmal solche Angst . . . Soll ich auch die ervige Ruhe verlieren? Michel ivird ja auch nach mir das „heilige Gebet" sagen. Er ist ja gut. Aber er hat Frau und Kinder. Ich bin ja nur ein Weib und verstehe nicht die heilige Schrift . . . Aber ich weiß, das darf ich nicht, er hat sein Weib und seine Kinder. Dn sollst es tun. Du, mein Sohn, Du; ach Gott,Gott." Sie zog ihn an sich. Er fühlte den Hauch einer ihm verlorenen Mutter... Er sagte: „ja". „Gott segne Dich, mein Kind." Ihr Gesicht erhellte sich. Sie küßte ihn wieder und sagte: „Gott belohne es Dir. . ." Joseph lvar aufgestanden. Die Sonne fiel auf sein blasses Gesicht. Er schickte sich zum Gehen an. „Gott, warum eilst Du?" „Ich muß gehen, Tante . . ." „Ach bleibe doch". „Wirklich, Tante, ich muß etivas für Vater kaufen." „Komin bald wieder, hörst Du." * * * Saul. Saul lvar ein alter kräftiger Mann von auffalleilder Häßlichkeit. Ueber seinem strammen Nacken hing fein verwahrlostes rotes Haar. Sein Ziegenbart war bläulich grau; der Mund breit und offen, wie die zwei großen Löcher der roten stolpigen Nase; und Augen hatte er wie die eines Wilden, seine Hände lvaren haarig und zitterten immer, wie lvenn sie von einenl uttauslöschlichen Zorn dllrchdrnngen wären.

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