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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 381 (sequence 11)
Language
German
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V 381 wie unantastbar dem Mittelalter die Autorität des Stagirieten erschienen sein muß. Denn selbst diejenigen, die nicht, wie manche es taten, die Kraft der Sinne ausdrücklich aufs Herz zurückführten, sondern dem Augenscheine und der Wahrheit die Ehre gaben, suchten nach dem Vorgänge Jbn Roschds einen Ausgleich herbeizuführen, indem Aristoteles dem Galenus den relativen Primat des Gehirnes in den Funktionell der Wahrnehmung und Bewegung zngestand, den absoluten aber dem Herzen vorbehielt." Mall bedeilke, Aristoteles lebte voll 384—822 vor Ehr. und Galenus von 131—200 nach Ehr. Wie konnte also Aristoteles dem Galenus-, der 515 Jahre nach ihm geboren wurde, etwas zu gestehen oder znstimmen?! Kauflllann hat diesen chronologischell Fehler entweder bona fiele nachgeschriebeu unter Berufung auf Jbn Latif (Jgereth), Gersoll den Salomo (Schaar Hasch. 54 6), Jbn Zarza (Mekor Chajim 33 b), Schemtob Jbn Falaquera 20 k, 215 a, llach welchen, lvie Kaufmallnsagt, „?lristoteles dem Galenus nur in betreff der höheren Sinlle zustimmt" — oder er hat das Wort „ITTP" bei Simon Duran (Magen Aboth 49 b) unrichtig übersetzt. „NNI''" heißt nämlich nicht „er hat zugestandell", sonderll „er würde zugestehen". Letztere Stelle lautet: „Darunl entschied Galenus, daß das Gehiril das Prinzipat habe für Sinne und Bewegling imb Aristoteles (nTP) würde es zugestehen," nicht, lvie Kaufinann übersetzt, „gestand es zu". Anstatt weiterer Allführungen halte ich mich an beu beachtenswerteil Ausspruch Kaufmanns (i e 1): „Im Wissen wie im Glauben galt als unerschütterlich die Ueberlieferung; hinauf bis zllr Mondsphäre herrschte, um ein Wort Maimunis zu erweitern, in schrankenloser Unfehlbarkeit Aristoteles, lvie in der Welt des Uebersinnlichen das Dogma.der Religion. Darum begegnen wir in den Hervorbringungen jener Jahrhunderte so leiten der Selbständigkeit und Ursprünglichkeit; es ist die Zeit der endlosen Wiederholungell, des Abschreibeils ulld Wiederkäuens." — Ohne es vielleicht zu wollen, hat er danlit die Mikrologen, lvelche für die Wissenschaft das bedeuten, was Mikroben für die Pathologie, gezeichllet, die die Forschungsgebiete mit mehr Vorliebe als Vorteil explodieren. Den literarischen Pfelllligfuchsern, lvelche ohlle weitere^Umschau in das allgemein Wissenschaftliche und ohlle Tiefblick in das Fachliehe mit Kaniucheufertilität, es zu manchem Buch-Falstaff gebracht haben, soll eill besonderes Kapitel in meiner „Animalischen Logik" gewidmet lverdell. Bertillon, der Begründer einer Ailthropometrik zu kriminalistischen Erkennungszwecken, hat jüngst auch eine Daktyloskopie erfundell. Wann lvird sich ein Bertillon mit ben Schreibefillgerspitzen beschäftigen, um deren Abdrücke moralisch llnd wissenschaftlich zu bewerten. Der Syllkretismlls zwischen hebräischer nnb griechischer Geistesschöpsung lvar so verflochten, daß eine Priorität einzelner Ideell kaum nachweisbar erscheint. Was Wunder, daß Nietzsche m Plato und Aristoteles zlvei llach Griechenland verschlagene Juderl erblickte. Sagenhaft identifiziert oder mehr als Schüler ln Beziehllng gebracht werden Pythagoras mit Salomo oder Ezechiel, Sokrates mit Assaf und Achitofel, Plato mit Jetro mib Jeremia, Aristoteles mit Salolno und Simon, dem Geechteu, und Galenus mit Gamaliel. Es sei noch erwähnt, daß die auch in die synagogale Poesie übergegangene Herzseele bei der liturgischen Zähigkeit m Festhalten alter Andachtsformen und -Formeln sobald licht aus dem Anschauungskreise des Judelitums ausgeschaltet uerbeu dürfte, ebensowenig.als aus den christlichen Kirchenzesängen, in denen die Psalmen den Grundton bilden. Mit dem Herzen hat sich die rituelle, pathologische Anatomie ebenfalls beschäftigt. Der wegen seiner kabbalistischen Regungen vielfach angefeindete Jonathan Eibenschütz ventilierte Plethi 40, 5) die Frage, ob ein Tier, das ohne Herz geboren wurde, lebensfähig rc. sei, gegen Maimuni und andere, welche es für unmöglich halten, polemisierend, bemerkte er: „Durch die Erfahrung pflegt man voll früher feststehenden Lehrmeinungeu abzugehen: so ist es mit Galenus ulld Aristoteles geschehen. Es werden immer neue Lehrsätze aufgestellt. Ohne Herz kann kein höheres Tier leben, es sei denn, daß das Herz durch ein anderes verkümmertes Organ mit ähnlichen Lebensfunktionell ersetzt wird. Durch eingehende Beratungen mit hiesigen (Hamburger) Merzten, welche auf Grund der medizinischen ulld anatomischen Wisseilschaft die Sache reiflich erlvogen, gelangten wir zu dem obigen Schluffe." Bei Mohalllmeds bekamlter Unwissenheit und abenteuernder Phantasie, mit der er biblisch-talmudische Berichte ulld Legendell willkürlich änderte, war ihm der hebräische Gebrauch des Wortes „Herz" mustergültig. Aus den zahlreicheil Stellen des Korans (übersetzt von Ullmann) seien einige hervorgehoben: Seite 2, 9, 10, 27, 34, 48, 62, 93, 78, 84, 91, 95, 97, 104, 157, 163, 174, 187, 295, 305, 360, 363, 418, 431, 445, 447, 458, 477, 488. Vergleiche auch Jbn Sina (Avicemla). Canon 1, 1, 6, e. 1. De Animalibus III, 1. Jbn Roschd (Averrhoös) Colliget. II, 11. Auch bei den Ureinwohnern der neuen Welt finben wir Auklänge an die biblische Vorstellurrgsnnb Redeweise vom Herzen. Die Conq.uistadoren begegneten in ben Sitten, Gebräuchen ulld religiösen Anschauungerl der Mexikaner nnb Peruaner solchen Analogien mit den biblischen Berichten, daß die frvnlmell Patres ganz elltsetzt darill Teufelslverk llnd Spiegelfechterei der Hölle erblickten, daß beionnene Denker sich äußerten: die mellschliche Natur ist in der Tat in der ganzen Welt ziemlich dieselbe (Torqnemada Monarch. Jlld. 13, 23), daß ernste Forscher darill die Spurell einer Immigration der dahill verschlagenell Schiffe unter Hiram und Salolno oder der verlorenen 10 Stämme oder sogar ben Einfluß einiger dahillgetangter Apostel zu finben glaubten. Es folgen hier einige Aussprüche aus jener versunkenen, vergessenen Welt, die ltnferen Gegenständen nicht ferne liegen. Rat einer aztekischen Mutter an ihre Tochter, ans Sahazuns „Historia de nueve Espana" 6, 19: „Es sind kostbare Worte, die dein Vater zu dir gesprochell und die aus Herz und Eillgelveide gekonlnlell, worirr sie allfgespeichert lagen. Das erste, was ich dir ernstlich ans Herz lege, ist, daß du das, was dein Vater dir soebell gesagt hat, befolgen ulld llicht vergessen lnögest ... So suche denn, sie zll behalten und dir ins Herz zir legen und schreibe sie tu deine Eingeweide ... jo, daß du unser Worte aufllimmst ulld in deiner Brust bewahrst .... Hier auf dieser Welt reisen wir anf einem sehr engen, fteiien ulld gefährliche!: Wege, der wie ein hoher Bergrücken ist, über dessen Gipfel ein schmaler Fußsteig geht; auf jeder Seite ist ein großer, bodenloser Abgrund und wenn ihr von dem Fußsteig abweicht, so fallt ihr hillein, daher ist bei der Verfolgung eures Weges große Vorsicht nötig. Meille zärtlich geliebte Tochter, meine kleine Taube, schließe dieses Gleichnis in dein Herz und trachte es nicht zu vergessen, es wird dir als Lampe und Lichtfeuer dieuen, solange du anf dieser Welt lebst." Während die platonische Ansicht von der Gehirnseele die christliche Gelehrtenwelt beherrschte, findet sie nur geringe Anklünge bei seulitischen Forschern, welche sich der kann! aufgetanchten Aristotelischen Herzseelenlehre rückhaltlos gefangen gaben, aus dein einfachen Grunde, weil, lvie sich aus dem dargelegten seulitischen Schrifttum mit Evidellz ergibt, die „Herzseele" bei Semiten als die kougetliale dominierte. Mit Bezug auf die geistige Bewegung im. mittelalterlichen Kreise jüdisch-arabischer Forscher, welche sich mit denl Sitze, Organe und Symbole der Seele beschäftigten, dürfte es voll Belang sein, die gleichzeitigen und gleichartigen Ansichten anderer Gelehrten heranznziehen. Wir folgen dabei Haupt-

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