Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 380 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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380 tauschten gern den geistreichen, oft epigranunatisch zugespitzten, Psychologisch zersetzenden und erklärenden Ausführungen des gedankenreichen Lehrers. Noch klingt mir sein weicher, tiefer Bariton im Ohr, mit dem er einmal in einem ästhetischen Kursus das feine Wort prägte: . . denn die Poesie des Leberrs ist das Leben der Poesie . . Im Gegensatz zu den: künstlerischen, geschulten Rhetor- Lazarus war Steinthal mit seinem biimim Sümmchen kein besonders guter Redner. Es kostete ihm Mühe, ein für etwa vierzig Zuhörer berechnetes Kolleg stimmlich anszufüllen, und doch hörte malt gespannt seinen lvissenschaftlichen„Dithyrambelt" zu, wie ein Studiengenosse Steinthals scharfe sprachwissenschaftlich-analytische Kollegien genannt hat. Er besprach einmal den philosophischen Begriff der Apperception, und gab allerlei Beispiele dafür an. Der Gedankenvorgang der Apperception beruht nach Steinthal darin; daß eine neue im Denken auftretende Vorstellung in den Zusammenhang der bereits ut der Seele vorhandenen, aufgenonunen und assimiliert wird. Hierzu berichtete Steinthal eine hübsche philosophische Anekdote. Ein Reisender habe in einer Gesellschaft an der Table dchote oder im Conpa den Vorschlag gemacht, er wolle jeden: von beu Anwesenden leise ein Rätsel aufgeben, ohne daß die anderen es hörten. Nach den darauf laut abgegebenen Antworten wolle er daun jedem sagen, welchem Stand der Antwortende angehöre. Es geschah, und ihre Antworten lauteten nacheinander: Der Krieg, die Zeitung, Chronos, die Mode, der Saubär. Darauf sagte der Reisende alsbald: Sie sind ein Militär, Sie sind ein Schriftsteller, Sie sind ein Philologe, Sie ein Kaufmann und Sie ein Landwirt. Und nun des Rätsels Lösung. Der Reisende hatte allen Anwesenden dieselbe Rätselfrage vorgelegt, nämlich: welches Wesen verzehrt seine Kinder? Und jeder der Antwortenden hatte die neu auftretende Fragevorstellung mit der in seiuer Seele lebenden Gedankenfolge appercipiert. Der Krieg verzehrt seine Soldaten, die Zeitung ihre Tageserzeugnisse, Chronos hat seine Kinder verschlungen, die Mode tut dies bis heute, und der „Saubär", wie in manchen Gegenden Deutschlands das männliche Schwein genannt wird, frißt seine Ferkel. Klüger und drastischer konnte der wichtige Begriff der Apperception nicht illustriert werden. Aber die kleine Geschichte hat noch eine etivas derbe Pointe. Das den Berliner Studenten ungewohnte Wort „Saubär" war natürlich allgemein ausgefallen und belächelt worden. Als dann Steinthal nach dem Kolleg, das an einem äußerst naßkalten Tage im Wintersemester stattfand, sich in einen ganz unmodernen, struppigen, kurzhaarigen Biberpelz hüllte, um nach Haufe zu gehen, sagte ein Student, so daß Steinthal es hörte: „Run geht der kleine philosophische Saubür nach Hause." „Gut appercipiert. junger Freund", sagte Steiuthal, und rvaudte sich zur Türe. lkopk und her?? Von Dr. B. Plaezek (Brünn). II. 4 (nt Esra (1130) zu Gen. 1, 1: „Die höhere Seele des Menschen wird Herz benannt. Das Herz ist körperlich, die Seele unkörperlich. Und der erste Vereinigungspunkt des Körpers mit der Seele ist das Herz." (weil es im Embryo zuerst entsteht). Vgl. zii Gen. 2, 7, Exod. 5, 21. Zu Exod. 31,3, 6 0 Vgl. „Atavismus" in Nr. 8 und 9 d. Bl. Beide Aussätze sind einem größeren, unter dem Titel „Die animalische Logik" zum Drucke vorbereiteten Werke entnommen. läßt Jbn Esra Kunstverständnis, Weisheit re. im Kopfe uiid im Herzen wohnen, während er Exodus 28, 37 iu den Kopf die Vorstellungskraft und den Begiilii der Gedanken verlegt. Deut. 6, 5 meint er: „Das Herz ist die Erkenntnis, es ist auch die Bezeichnuiig für die verliüiiftig denkende Seele". Ebenso Nachmani ziir Stelle. Vergleiche auch Pseudo-Jonathan zur Stelle. Zu Eccl. 1, 16: „Weil das Herz die Wohliurig des Geistes ist lind zuerst im Leib erschaffen wurde, derm es ist der Köiiig urrd das Gehirn sein Feldherr, (Hegemonicon), ward das Herz die Beiieniiiliig für Weisheit, Verstand, Einsicht, vernünftige Gedanken, als erster Sitz der höheren Seele". Jed P. Bedaresia, 1300, den man in christlichen Kreisen den jüdischen Cicero nannte, apostrophiert in seinem früher vielgelesenem Volksbuche Bech. Olam 12—14, das Herz in einer Weise, die als förmliche Apotheose des Herzens gelten kann. In diesem Selbstgespräche mit dem Herzen zieht er die Summe aller seiner moralisch-philosophischen Betrachtungen. Meir Aldabi, um 1360, (Sch. Emuna 4, 2): „Der Kopf ist das erste Organ, der Sitz der Seele und die Wurzel der Sittneswahrnehmnng. Das zweite ist das Herz, als Sitz der Lebenskraft und Wurzel des Lebens." Gleich darauf heißt es jedoch: „Das Herz ist der König und alle Organe seine Diener. Drum ist ihm der Ort bereitet worden in der Mitte des Körpers, denn es ist die Art des Königs, in der Mitte seiner Völker zu weilen, damit er alle Angehörigen des Reiches in gleicher Weise regiere." Jsak Arama, starb 1494, (Akeda IV, 7, 8, V, 98) stellt das Herz als Organ der Seelentätigkeit dem Kopfe voran, anknüpfend an Sprüche IV, 23: „Mehr als alles bewahre Dein Herz, denn von ihm geht alles Leben aus." Lizmann aus Mühlhausen, 1400, (Nizachon 50a) vergleicht, auf Jbn Esra sich beziehend, die Seele mit Gott, der bei seiner Allgegenwart sich doch an einzelnen Orten mehr offenbart als an anderen. Obgleich die Seelenkraft den ganzen Leib durchdringt, gibt es doch Stellen im Leibe, wo die Ausflüsse, die aus dem Gehirne kommen, mehr empfunden werden, wie in den Augen und den Ohren. Das Herz aber hat von der Seelenkraft mehr empfangen als alle übrigen Organe. Abravanel, 1497—1503, Ex. 13, 9, weist der denkenden Seele Herz und Kopf an, zn Ex. 28, 33, referierend, den Kopf, wogegen er sich jedoch ausspricht. Zu Deut. 6, 5, betont er: „Das Herz ist die göttlich vernünftige Seele," ivie es heißt: „Das Herz der Vernünftigen sucht Erkenntnis." (Sprüche 15,14). Der Originalität wegen sei noch eine Bemerkung des Manasse beu Israel (N. Ch. [um 1690] II. 12) erwähnt: „Es lehrt auch die Erfahrung, wenn einer sich vorbereitet, sicher über eine Sache nachzudenken irnd zu forschen, dam: rieigt er sein Haupt aus den Arm, um eine innige Verbindung zwischen dein Herzeir und dein Gehirn herzustellen, baiuit der Ausfluß der vernünftigen Seele gehörig emporsteige." Der allzufrüh der Wissenschaft des Judetttunts und einein Kreise von Verehrern entrückte Professor Dr. David Kaufmann hat in seiner belangreichen, wertvollen Schrift „Die Sinne"! (Bttdapest 1884 Seite 2—69) den Sitz der Seele behandelt. Abgesehen davon, daß ihm die Stellungnahme Platons unb feiner Vorgänger unbekannt war, ließ er sich eilten lapsus linguae entschlüpfen, der bei seiner sonstigen Akribie selbst belanglosen Manuskripten und obskuren Drucklverken gegenüber und bei seilter erstaunlichen Belesenheit umso verwunderlicher ist. „Während Aristoteles," meint Kanfmamt, „den Sitz, das Zentralorgart der Wahrnehmllng noch im Herzelt erblickte, setzte Galenus zuerst das Gehirn in seine Rechte ein, indem er zugleich die sekundäre Rolle eines Kühlapparates der Lebenswärme, die Aristoteles ihm zugestandelr hatte, dem edelsten aller Organe, aufs elltschiedenste abstritt. In der Entscheidung dieser Streitfrage zeigt sich mm an einem bezeichnten Beispiele,