Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 379 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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379 [tagen in würdige, i Kollegin las, unb ie Abend nd kttnsls Hauseind Adoli Bernhard Hydrologe Ministerabes, die dtschulrai irus'schen durch die stlerischei >eyse att: Lazarn - bends in jmal ba eilen ein sens. n» inen Gu pomtene: eckerbisse Poetische Diehtil» i jerrschein eleher er ip, schla in einen denen in lerlin bei lienischeu [erst @ainvaltige geladenen den Fun ne gros e Lazarm gemach. machend z Geor an ihre Lege uii1 te. Fra > zu den i Ludwi i m besten Hut la»z steiningc damal beschrifte i spöttisti rhme en; der ad' n, deren s hiesig jener Zen :den sind Verlinen .ilekt urn Sen ehr ssen „Er n Preisen Lazarus ivar für ihn, den begeisterten Spinozisten, ein Ideal philosophischer Bildung und idealer Lebensführung. Einmal sagte Auerbach in größerer Gesellschaft, als nach einem längeren, kräftig bejubelten Speech auf die Wirtin — ich glaube von Bamberger — eine kleine Stille an der Tafel eingetreten war, über den Tisch zu Lazarus: „Weischt, Lazarus, Du bischt noch e Kerle unter dene Philosophe —, wann i an Di nur denk, zieg' i mir innerlich reine Wasch' a! . . Ein andermal war eine neue Zofe bei Frau Lazarus eingetreten, ivelehe die Freunde des Hauses noch nicht kannte. So kam Auerbach, seinen gewohnten Mittagsbesuch zu machen — ivährend ich in Lazarus' Arbeitszimmer war, um Bücher zu ordnen. Da hörte ich folgenden Dialog: „Kennscht mi?!" fragte Auerbach, der alles Jüngere mit Tn anzureden Pflegte. Das verdutzte Mädchen vom Lande, das den ungewohnten Dialekt wohl nicht verstand, verharrte in verlegenem Schweigen. „I mein', ob D' mi kennscht, ob D' weischst, wer i bin. . .?" Das Mädchen verneinte und wurde immer verlegener. Da ging Auerbach an ihr vorüber auf ein im Korridor stehendes Bücherregal zu, entnahm dem Fach einen Band und schlug das Titelblatt auf. „Da! Kannscht lese?" Das Mädchen las langsam: „Zur gntenn Stundeh von Bechtold Auerbach." „So, sag d'r Frau Professor, der sei dag'wese!" Aehnliche Geschichten erzählte Lazarus mehrfach von Auerbachs wunderlicher Eitelkeit, wie er im Tiergarten Kindermädchen mit elegant geputzten Kleinen angesprochen habe, mit den Kindern einige Zeit geplaudert habe und dann stets zum Schluß gesagt habe: „So, nun gang heim, mein Kind, und sag d'r Mutter, der Berthold Auerbach hat mit Dir g'sproche." Lazarus war ein vortrefflicher Erzähler, ein glänzender Redner. Seine Vorträge oder Vorlesungen in dem Saale der „Gesellschaft der Freunde", bei allerlei gelehrten Festen, bei Jubiläen und feierlichen Gelegenheiten, seine subtile Kunst, schivere ivissenschaftliche Themata zu popularisieren, hatte ihm viele Freunde und Verehrerinnen gemacht. Sein klangvolles metallisches Organ hatte eine einschmeichelnde Weichheit, seine Rede etivas rhythmisch Getragenes, seine Sicherheit in festlichen Stegreifworten war überaus fesselnd und anmutend. Aber auch im privaten Verkehr war Lazarus der geborene Redner und Erzähler. Mit geradezu virtuoser Kunst konnte er kleine komische Geschichtchen erzählen oder iviedererzählen, erlebte Späße, die er lustig ausschmückte, Anekdoten im Dialekt oder allerlei auftanchende aktuelle Schnurren, hinter denen er gern einen psychologischen Ernst zu deduzieren liebte. Ganz im Gegensatz zu dem stets impulsiven, plaudernden anregenden Lazarus war Steinthal fast immer der Zuhörende, der nur dann und wann durch eine eingeflochtene ironische oder satirische Bemerkung seinen inneren Anteil an den vorgebrachteu Scherzen und Späßen zeigte. Steinthal konnte lächern wie ich es nie wieder erlebt habe, der ernste Mann konnte über unsere altberliner Witze über Studentenstreiche in einer lauten und intensiven Weise lachen, daß auch der trockenste und verkümmertste Philister in dies innerste Urbehagen des sonst so versonnenen, weltfremden Denkers hineingerissen rvnrde. Mit seinen starken, vollen gesunden Zähnen — er hatte um die vierzigste Jahreswende sogar noch den „Weisheitszahn" bekommen, was ihm gewaltige Schmerzen verursachte — erschütterte er im Lachen seinen ganzen kleinen, zarten Körper, die großen feurigen, braunen schönen Augen sprühten Blitze vor innigstem Vergnügen am Humor. Wie alle Philologen, ivar Steinthal ein gewaltiger Nascher — auch dieses Axiom habe ich erst damals gelernt und in späteren Jahren durch wiederholte Beobachtungen bestätigt gefunden — er konnte, so bescheiden er im Essen und Trinken ivar, unglaubliche Portionen von Süßigkeiten und Kuchen verschlingen. Eine Legende berichtete damals, der bekannte geistreiche Literaturhistoriker Richard Gosche sei eines Tages von Halle, wo er Professor war, nach Berlin gekommen, um seinen Geburtstag hier mit seinem Studienfreunde Steinthal lustig zn feiern. Da sei Gosche, nach vorheriger Anmeldung bei diesem, vom Bahnhof direkt zu Kranzler gegangen und habe dort eine Baisertorte für zwei Taler nach Steinthals Wohnung beordert. Und dieses Ungetüm von Schlagsahne und Zuckerschaum, das für ein Damenkränzchen ausgereicht hätte, sollen die beiden Sprachforscher dann im Lause des Abends bei äußerst gelehrten und angeregten Gesprächen in aller Seelenruhe und ohne jede nachteiligen Folgen an Leib und Leben verzehrt haben. Die schönsten und feinsten Abende im Steinthal'schen Hause bot das „Sanskritkränzchen", das bei einem halben Dutzend von Professoren allwiuterlich herumging. Hierzu gehörte die ganze Gilde der Sprachforscher und Sprachvergleicher, vor allem Albrecht Weber, der große Sanskritist, dessen Kollegin ich lange Semester hindurch besucht habe, dann Adalbert Kuhn vom Kölnischen^Gymnasium, der das Prinzip der Sprachvergleichung auf Mythos und Religion übertragen hatte und in einem berühmt geivordenen Schulprogramm „Die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks" den Grund zu der vergleichenden Mythologie gelegt hatte. Geradezu eine Andacht war es, wenn auf dem Sanskritkränzchen von KuhnS Entdeckungen auf diesem Gebiete gesprochen wurde: wie er den griechischen Feuerdieb Prometheus in einem altindischen Pramanta, die hellenischen Centauren in den „Gandharvas" des Rigveda wiedergesunden und beide als Wolkengötter analysiert hatte. Zu dieser wissenschaftlichen Runde gehörte der große Geograph Heinrich Kiepert, der Arabist Friedrich Dieterici, der durch seine scharfen Brillengläser stets höchst satirisch und ironisch um sich blickte und allerlei spitzig-witzige Bemerkungen in die Unterhaltung warf. So erzählte Kiepert eines Abends, er sei in der Zeit der revolutionären Bewegungen in Deutschland einmal als Student, mit einer knallroten Weste angetan, auf einem feurigen Rappen von einem der umliegenden Bierdörfer nach Halle eingeritten. . . . „Und der Kerl war von Gold," fiel Dieterici ein, „da war der schwarz-rot-goldene Revolutionär fertig!" Eine andere literarische Gesellschaft, aus der Lazarus wiederholt berichtete, da Steinthal ihr nicht angehörte, war der bekannte „Tunnel über der Spree", von dem uns Theodor Fontane in seinen Lebenserinnerungen allerlei erzählt hat und wo der junge Berliner Dichter Paul Heyse sein erstes literarisches Auftreten vor einem größeren kritischen Forum ins Werk gesetzt hat. Und mit all diesen lieben Gestalten steigen alte Kollegerinnerungen an die Alma Mater Berolineusis auf, vor der damals die beiden Humboldts noch nicht Wache standen und deren beide Flügel noch nicht nach den Linden zu vermauert waren. Weber las seine feinen, anregenden Sanskritkollegia nur vor wenig Zuhörern, um so mehr beschäftigte er sich mit diesen, denen gern, entgegen dem Kolleggebrauch, Fragen gestattet waren. Er hatte sich — ich weiß nicht, ob in Anlehnung an altindischen Sprachgebrauch — eine höchst merkwürdige Participialkonstruktion angewöhnt, indem er im Kolleg z. B. sagte: „Dieses Wort ist in der Sakuntala nicht vorliegend", oder: „Dieser religiöse Gebrauch ist erst einer späteren Knlturepoche angehörend" . .. wir Studentlein hatten das aufgegriffen und es ivar ein Sport, »ns auf dem ganzen Heimwege in derartigen Participien zu unterhalten. Lazarus' Kollegin boteu eine, mau könnte beinahe sagen, international gemischte Corona aus. Junge Herren aus den Gesandtschaften, Offiziere in Civil und Uniform, Künstler und Schriftsteller