Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 378 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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378 erläßliche Einrichtungen für unseren Gottesdienst zu treffen, damit wir nicht die beschämende Tatsache Fonftatieven müssen, daß unsere Gotteshäuser immer leerer werden, und diejenigen, die sie besuchen, sie mit einer gewissen Herzensleere verlassen. Das Judentum in Oesterreich krankt an vielen Gebrechen, zu diesen gehören nicht am welligsten die Schäden der Gotteshäuser. Mögen diejenigen, die vor allen dazu berufell sind, aufnlerksanl luerbcu auf diese Schäden, sie bessern und heilen. „Um des Hauses des Ewigen, unseres Gottes willen, wüllsche ich dir Gutes", es liegt eine große Wahrheit in diesem Psalmworte, man lnuß sie nur erkennen und erfassen. Iwri. lErinnmmrrcn an Lazarus und Steinthal. S3on Gotthilf Weisstein. er geistreiche und froimne Sinn der Hellellen hat die Brüder Castor und Pollux ullter die Sterne und Götter verseht, wohl um damit anzudenten, daß ihre brüderliche Freundschaft über alles Irdische dauern müsse, daß ihre geistige Ulld seelische Gelneinschaft nicht auf dem Endlichen beruhe, sondern über Vergängliches hinaus eille elvige Zusammengehörigkeit bedellte, die über alles lllellschliche Maß hinausrage. Vielleicht stärker und inniger als Blutsbrüderschast, fester als frelmdschaftliche Seeleilbündnisse einigell den moderilellMenschen mit denl anderen wiffenschaflliche Erkenntllis, gerneinsam gesimdene neue Quellell des Wissens, zu Zweien llnternommenes Vordringen in unbebaute Gelände philosophischen Spürens und Forschells, gegenseitiges kongelliales Durchdringell neuer spekulativer oder elllpirischer Gedankenreihen. So kann ich llicht an Moriz Lazarus denkell, lind allerlei kleine persönliche Erinnerungen an biefen Meister Psychologischen und phylosophischell Köllnens nachzuzeichnen versllchen, ohne daß das Bild seilles Lebensfreundes, Hehmanll Steinthal, daileben tritt, — der dann später sein Schwager lvurde. Beide teure Schattell drällgen sich herbei, lviederum das Blut des Lebens und der Eriunerullg zu trinken, wieder lebendig zu lverden für die Nachlebenden. Ueber dreißig Jahre sind es her, daß der junge Berliner Studellt das zllvörderst ullverstandene Glück hatte, diesem Kreise näher zll Eomuien, zllerst der Hausgenosse Steiuthals zu lverdell und dadurch auch bald in enge herzliche Beziehullgen erst wissenschaftlicher ulld bald freundschaftlicher Art zu Lazarus lind feinem Hallse zu treten. Gerade damals, um 1872, beganllell Steillthal llnd Lazarus eilte allgenleiner anerkannte wissellschaftliche Bedeutllng zu gewinnen, eine Bedeutullg, die Lazarus und seine geistreiche Gattin ans gesellschaftlichem Gebiet schon längst einnahmen. In ihrem stillen, feinen Heim am Königsplatz hielt Professor Lazarus damals einen der letzten „Saloits", den Berlilt gekallnt hat. Oder eigentlich hielt ihn seilte Gattill, die sich in ihrer klugen Schlagfertigkeit, ihrem phantasievollen Eillgehen auf alles Neue und Hohe in Poesie, KlUlst ilnd Wissenschaft, ihrem Wohltätigkeitssinn und ihrem sarkastischen Humor mit jenen Begründerinnen der Berliner „ästhetischen Geselligkeit" messen konnte, den Henriette Herz, Rahel Levill-Varnhagen, Marialure Solrnar ulld Elise von Hohenhausen. Nicht etwa, daß man bei Lazarus' ästhetisch schwatzte ulld medisierte, dazir warell beide, er ulld sie, viel Zu kräftige Wirklichkeitsmenschen, aber llnausgesprochen wurde dort von Wirtell wie Gästen eilt Kult des Edlen getrieben, der alles Unvornehme voll Anfang an als ausgeschlossen erscheinen ließ ulld verbanliell nlußte. Wenrl nlall die Namen der Freunde des Lazarns'schen Hallses dllrchnlustert, so geht einem alten Berliner das Herz auf, in dieser glallzvollen Reihe erste Vertreter des literarischen, wissenschaftlichen, poetischen Alt- Berlills erscheinen zu sehen. An Werk- und Sonntagen in den Mittagsstunden erschienen sie zu fröhlicher, liebenswürdiger Zwiesprache mit der Wirtin, während der Gatte seine Kollegm in der Kriegsakademie und später an der Universität las, und dann gab es jeden Winter einigemale einige fröhliche Abend gesellschaften, lvo die ersten Sterne der literarischen und künstlerischen Republik über den Familienmitgliedern des Hause.' ilnd ein Paar Studellten glänzten. Ernst Curtius Ulld Adoli Menzel, Berthold Allerbach und Theodor Fontane, Bernhard von Lepet Ulld Ludwig Bamberger, der große Hydrolog? General Baeyer und feine Schwester, der schweizerische Ministerresident Krüger und einige Offiziere des Generalstabes, bie bei Lazarus hörten, der ausgezeichllete Pädagoge Stadtschulrat Bormanll u. a. nt. gehörten zu den Getreueil des Lazarus'schen Hauses und belebten die kleinen Abendgesellschafteil durch bi ' Mannigfaltigkeit ihrer wissenschaftlichen ulld künstlerischen Interessen. Als ganz Getreller fand sich Palck Heyse au- München alle paar Wochen einmal brieflich ein, und Lazarulas uns seine geistreichen und lustigen Episteln oft abends im intimeren Kreise vor. Auch fanbte Heyse wohl manchmal da lloch unveröffentlichte Malluskript einer seiner Novellen ein, die Lazarus dann, ein Meister des rhetorischen Vorlesens, um abends hier, beim Glase Wein, oder in seinem kleinen ®m Schönefeld bei Leipzig, auf der stiller: ephenumsponnenea Verallda als besollders erlesenen literarischen Leckerbissen kredenzte. So erinnere ich mich eines besonderen poetischen Genusses, als er uns Heyses berühmte novellistische Dichtung „Der Märtyrer der Phantasie" vom Blatt ganz textbeherrschen? zu Gehör brachte, eine feinaesponnene Novelle, in welcher a ein paar Strophen eines Vagantellliedes — „Haderlunlp, schlag ein!" — sofort beim Vorlesen aus der Handschrift in einen musikalischen Rhythmus brachte. Auch die Schauspielkunst gehörte zu beu Musen, denen in diesem Hause geopfert wurde. Hier ging zuerst in Berlin bei Stern der, wie man jetzt sagt, veristischen, neuen italienischen Kunst der Komödie auf, hier am Königsplatz hat zuerst Savini, der Vorgänger Ernesto Rossis in Berlin, seine gewaltigen dramatischen Accente erklingen lassen, vor einer eingeladene i Gesellschaft, von hier aus wurde es ihm ermöglicht, den Fng auf eine Berliner Bühne zu setzen. Auch für die neue groß? zuerst verblüffende Kunst der Meininger wurde im Lazarrttschen Hause zuerst eine weittönende Propaganda gemach'., nachdem Karl Frenzel bereits, ehe noch die epochemachend? Künstlertruppe des fürstlichen Regisseurs Herzog Georg von Meiningen selbst nach Berlin gekommen war, sie an ihrer Heimstätte gesehen und von dort aus die neuen Wege um Ziele ihrer großzügigen Kunstübungen geschildert hatte. Fra t Lazarus stand in verwandtschaftlicher Beziehung zu bevt technischen und geschäftlichen. Leiter der Meininger, zu Ludnn i Chronegk, der des Herzogs künstlerische Absichten am beste.: kannte und verstand, und der dann ein Jahrzehnt lang und darüber der künstlerische Quartiermacher der Meininge gewesen ist. Lazarus und seine Gattin brachten! der damal zu stürmischen Zeitungsdebatten, Streit- und Fehdeschrifte i aller Art Anlaß gebenden „Meiningerei", rvie inan spöttiß > sagte, die größte Begeisterung und sympathische Teilnahme eim gegen und konnten noch mit Freuden den Umschwung der ab' gemeinen Meinung zu gunsten der Meiniuger erleben, deren Regie- und Jnseenierungsprinzipien dann durch das hiesig „Deutsche Theater" (1883) geklärt und gemildert, seit jener 3ei: zum Kodex der Theaterkunst in der gebildeten Welt geworden sind. Berthold Auerbach mit seinem trotz langjährigen Berliner tums bewahrten oder etwas posierten schwäbischen Dialekt um seiner unverwüstlichen Erzähler-Phantasie gehörte zu den ehr liehen Bewunderern und Verehrern von Lazarus, dessen „Er findung" der Völkerpsychologie er nicht müde wurde zu preisen