Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. Seite 377

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 377 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228560--60024-3296584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

rulle den gesunden Kern erkennen und zur Gewißheit gelangen i llte, daß er hier nicht mit „minderwertigen Verbannten", inidern mit wirklich wertvollen Einwanderern zu tun habe, , elche als geschickte Handwerker und kräftige Arbeiter ihrer reuen Heimat zum großen Vorteile gereichen könnten. Es i»rde beschlossen, Mr. Füller in einer neuen Unterredung die ( forderliche Aufklärung zu geben. Ferner wurde mitgeteilt, i aß der Board sich an den Generalagenten von Natal mit der ' itte gewandt hat, dem „Jüdisch" in Natal dieselbe Gleichberechtigung wie in Kapland eiuzuräumen. löriek aus L elterreich. Juli 1903. it dem 17. Thainus kehrt die große Stille in die Mitte unserer Städte ein. Das ist die Zeit in der in früheren agen unsere Vorfahren zu trauern anfingen, ob der Er- - berung der heiligen Stadt Jerusalem, ob der Zerstörung und Verbrennung des Tempels und Auflösung unseres Staatsi esens. In diesen Tagen hören für drei Wochen die Trau-! ngen auf, und Rabbiner und Kantoren, an der Spitze die berkantoren, können in die Bäder gehen. Besonders die berkantoren haben es notwendig, die arg mitgenommenen ehlen zn reparieren, um an den „furchtbaren Tagen" dann ie so mannigfach vertonten Gesärige steigen zu lassen, zur ihrenweide, zwar nicht immer für die vielgeplagten Zuhörer, inner aber, um wieder ein Ruhmesblatt zu flechtell in den ie verwelkenden Lorbeerkranz der Herren Sänger. Wie die »dacht dabei lvegkommt, das ist freilich eine andere Frage. >ibt es für die Wiederherstellung der Andacht gar keine Kur? in Preisrätsel, mit dessen Beairtlvortung sich wahrlich unsere cmii Rabbiner, Kantoren und Oberkantoren in der Muße, ie ihnen die „drei Wochen" gelvähren, beschäftigen könnten. Mit unserem Gottesdienst ist es im allgemeinen schlecht (stellt. Man hört über diesen nichts als Klagen. Und wie t diese gottesdienstliche Misere zu erklären? Die Antwort ist ir den, der im Judentume steht, nicht es nur aus der Bogelerspektive betrachtet, für den, der mit dem Judentum unserer rage stets in Fühlung kommt, nicht schwer zu geben. Unsere Zerren Rabbiner und Kailtoren Predigen und singen, ob aber as Volk, das ihnen zuhört, oder zuhören soll, auch versteht, aas sie sagen und singen, das kümmert sie wenig. Mit anderen Sorten: die vollständige Teilnahmslosigkeit am Gottesdienste ißt sich daraus erklären, daß das Auditorium ihn nicht veracht, daß es einem Unbekannten gegenübersteht, und durch ieses Unbekannte durchaus nicht zur Andacht bewogen werden mn. Fangen wir bei der Vorlesung aus der Thora an. Sie auert >/» bis 3/4 Stunde, und die Mehrzahl der in der Synaoge Versammelten weiß. nicht, was mit der Zeit anfangen, inige Männer folgen der Vorlesung mit Verständnis, aber ie Frauen? Diese lassen sich inzwischen in hochwichtige Disussionen ein, die die Dienstboten-, Magen- oder Toilettenfrage (treffen. Auch die lieben Nächsteil kommen da nicht gut weg. er gute Ruf gar mancher Frau wurde in dieser Zeit, während nten von der Empörung der Kundschafter oder der Korahs ud Genossell oder das interessante Kapitel von Balak uild ileam verlesen lvurde, in gar unbarmherziger Weise zerzaust, ine opernhaft zngestutzte Aufführung derKeduschah ist wahrich auch nicht danach angetan, die Teilnahme der andächlig (in Sollenden zu steigern. Musikkundige — und wer meint es ii unserer Zeit nicht zu sein — Pstegen da dem Herrn Oberanger nachzuspüren, woher dis Motive in der allerneuesten leduschah wohl zusammengestohlen sein mögen; man verzeihe das harte Wort. — Unsere Herren Prediger vermögen schon lange nicht die von ihnen als „Andächtige" angesprochenen Zuhörer zur Andacht zu bewegen. Ihrem Worte fehlt meist jene Einfachheit und Schlichtheit, rvelche der ivahren, aus dem Herzen kommenden Predigt die eigentliche Weihe verleihen. Mit einem Worte: Unser ganzer Gottesdienst ist auf den äußeren Effekt berechnet, man merkt die Absicht und lvird sehr verstimmt. Dabei diese fortwährenden Eifersüchteleien zwischen Kantoren und Rabbinern. Wie dadurch jede Autorität vernichtet ivird, das können lvir schaudernd oft miterleben. Es wird bei uns wenige Gemeinden geben, in denen ein einträchtiges Zusammenleben zwischen den Funktionären zu beobachten ist. Natürlich werden bei allen diesen Streitigkeiten die Herren Vorstände als Schiedsrichter angerufen, aber ihre Urteile haben oft den unseligen Erfolg, Oel ins Feuer gegoffen zu haben, und die Verwirrung wird noch größer. Es ist kein Ziveifel, durch das Ueberwuchern des opernhasten Gesanges in unserem Gottesdienste hat man jede Teilnahme an diesem bei der großen Menge erschlagen. Die älteren Leute inöchten andächtig beten, sie können es nicht, denn sie stört der Singsang und der Orgelklang; die jüngeren, die unsere heilige Sprache meist nicht verstehen, kommen in den Tempel und benehmen sich hier wie bei Opern- oder Konzertanfführungen, lassen es auch nicht an der bekannten Kritik fehlen, in der wir Juden so stark und kräftig sind. Vielen unserer Rabbiner behagt auch Damenchor und all' dies opernhafte Beiwerk im Gottesdienste nicht; es kommt zu Reibereien und Kämpfen, und es ist jammervoll anzusehen, wie das einzige, wodurch das Judentum unserer Tage in die Erscheinung tritt, der Gottesdienst, darunter leidet. Wie läßt sich dies ändern? Wann wird hier Besserung gebracht werden? Es ist höchste Zeit, darüber nachzudenken und einige Worte zu sprechen. Vor allem kehre man wieder zur alten Einfachheit zurück. Unser Gottesdienst ist keine Messe. Die Heroen der Musik haben gewaltige Werke zur Verherrlichung des Gottesdienstes geschaffen; mit Mozart, Bach, Händel, Beethoven, Brahms können sich wohl unsere Kantoren- Komponisten nicht messen. Darum mögen sie die uralten Gebete in einfacher, schlichter Weise recitieren, ohne jene Eitelkeit und und jenes Selbstbewußtsein, welches darauf zielt, daß man in ihnen die großen Sänger, die Heldenkantoren und Stimmgewaltigen bewundere. Wir hörten noch den alten Sulzer. Der war ein Stimmhervs noch in seinem 80. Lebensjahre. So sehr er auch durch seine gewaltige Stimme ivirkte, die Innigkeit und Andacht, die er in seinen Gesang legte, sie waren es, welche die größte Wirkung bei den Zuhörern und Betern hervorbrachten. Was uns aber jetzt geboten wird, dieses Durcheinander von Männern- und Frauenchören, diese Paradeaufführungen von Tenören, Bässen und Baritvnsängern, diese aus allen möglichen Opern, Messen und Konzerten zusammengetragenen Kompositionen vermögen niemand zu erheben oder andächtig zu stimmen. — Mehr Einfachheit, mehr Natur, mehr wahre Andacht und weniger eitle Selbstgefälligkeit könnten unserem Gottesdienste nur zum Nutzen gereichen. Worauf wir aber immer zurückkommen müssen, ist: Der Rabbiner ist die erste Person im Gottesdienste, er ist sein Leiter, er muß seine Seele gleichsam fein. Da ist es nun freilich notwendig, daß er auch seine Autorität wahre. Seine Aufgabe sei es, den Gottesdienst so zu gestalten, daß ein jeder und auch jede, die an ihm teilnehmen, zur wahren Andacht angeregt werden und belehrt und gehoben das Gotteshaus verlassen. Wird der Gesang eingeschränkt, dann kann der Belehrung mehr Platz eingeräumt werden. — Die „stille Saison" ist jetzt auch für die Syuagogen gekommen. Gönnen wir allen, welche ihrer bedürfen, die oft so nötige Erholung. Diese stille Zeit könnte aber auch mit Vorteil dazu benützt werden, um gewisse un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.