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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 376 (sequence 6)
Language
German
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376 haben wir ein in sich gutes Werk getan, weil es für sehr viel Unglückliche segenbringend, gut auch für die Kolonisation ist, weil es einlgesundes,' intelligentes, gut erzogenes, in der Arbeit ausdauerndes Volk fordert, das auch im stände sein wird, die Arbeitskonkurrenz mit den Kulturvölkern freier Länder auszuhalten. Wir tun aber nichts, was nicht die Kolonisation fördert. Die Kolonisation ist die Hauptsache; wir lassen sie niemals anher acht. Auf sie verwenden wir all unsere Mühe und den größten Teil unserer Mittel. Wir halten dies für die möglichst beste Verwendung. Mag man mit uns diskutieren, uns kritisieren, das ist das Recht jedes einzelnen, und wir werden uns bemühen, aus jeder ernsten Kritik Nutzen zu ziehen. Aber wie soll man sich jene leidenschaftlichen Angriffe erklären, deren Ziel wir gewesen sind, und die uns bis in das Parlament verfolgt haben, um die Bill scheitern zu lassen, von deren Erfolg soviel für die Zukunft unserer Gesellschaft abhängt? Man kann sich diese Liberhaupt nicht erklären. wenn man bedenkt, daß die Ablehnung der Bill das ganze Agrikulturwerk unmöglich gemacht hätte in Palästina, in jenem Lande, das gerade die zu feffetu scheint, die uns angreifen. Wir haben niemals geantwortet, da wir dachten, jene würden selbst zur Einsicht kommen, daß der Augenblick schlecht gewählt sei. um uns anzugreisen, wo wir gerade für unsere von Verfolgung zu Boden gedrückten Glaubensgenossen soviel zu tun hatten. Wir glauben wenigstens, daß wir besseres zu tun haben, als uns zu streiten, und das ist: ruhig das Werk weiterzuführen, dem wir uns gewidmet haben, um endlich die Lage unserer Glaubeilsgenossen zu verbessern. Im großeil und ganzen kann man die Ansichten des Herrn Leven nur billigen. Jnr einzelneil werden wir noch iilanches zu bemerken haben, das wir uns auf eine gelegentliche Auseinandersetzung versparell. * Aus der russischen Presse erfährt man recht Erbauliches über den Haupthelden von Kischinew, der jetzt als der spiriius rector der russischen Judenpolitik gilt. Fürst Maschterschki bringt in Nr. 48 seines „Graschdaniil" einen interessanten Artikel, unter dem Titel „Bemerkungen eilles Konservativen" zllin Abdruck. Wir entnehmen seinem Inhalte folgendes: „Ich stehe unter dem Eindrücke der erschütternden Ereignisse in unserer^. Presse. Ich beginne mit einem gewissen Herrn Kruszewan. Niemand.kannte ihn bisher, niemand wußte von ihm etwas, mit Ausnahme der Bewohner von Bessarabien, für die er seine Zeitschrift „Bessarabiez" herausgab, zwecks Rettung der russischen Bevölkerung vor der drohenden Gefahr seitens der Juden. Plötzlich fiel es denl Herrn Kruszewan im vorigen Jahre ein, Gott weiß vielleicht, weshalb er es getan, nach Petersburg zu reisen, unl dort eine zweite Zeitschrift „Znamja" zu begründen, in der gleichen Absicht, das Land von der jüdischen Gefahr zu retten. Kischinew schien ihm ein zu enges Feld für seine Tätigkeit zu sein, er verlangte nach der großen Hauptstadt. Er schimpfte und beschimpfte die Juden, bis seine Taschen leer wurden. Nachdem die Krisis eillgetroffen, wandte sich Herr Kruszewan an sein Volk mit der Bitte um Hilfe. Seinem Allliegen legte er die llach seiner Meillung triftigen Argumente zu Grunde, daß er Rußland rette, indem er gegen die Juden losgehe. — Jetzt lebte Herr Kruszewan ans, aber nur für kurze Zeit, denn die Krisis trat wieder eillmal ein. Null schrieb der Retter Kruszewan einen langen Abschiedsbrief an die Leser seiner Zeitschrift, aus deren Jllhalt ihnen bekanrlt wurde, daß er einem geheimen, mächtigen Feinde unterlag. Tags darauf, in der Zeit des regsten Verkehrs, als der Reiter Kruszewall die „Policejsky"-Brücke passierte, näherte sich ihm ein „Mörder", aus der Judenmenge fommenb, und zuckte ihm mit einem schwedischen Messer am Halse. Der Retter Herr Kruszewan, keinesfalls ein Tölpel, drehte sich um, und entriß seinem „Mörder" mit der größten Seelenruhe dessen Messer, sagte ihm sogar höflich: „Ich danke", worauf er, das Messer in der Hand, in Begleitung des „Mörder" aufs ilächste Polizeirevier eilte. Und hier begiilnt die Kette der Schicksale des Herrn Kruszewan. Erster Teil: Seine Freunde besuchen ihn und sagen: „Gestehe Liebster, du hast dir einfach einen Juden im Wirtshaus bestellt und die garize „Mordgeschichte" selbst eingesädelt, danlit die Aktien deiner Zeitung steigen und du interessant wirst, gelt?" Der Retter Kruszewan behauptete daraufhin drei Tage lang nervös, daß man ihm svlck einen niedrigen Verdacht nicht zumuten dürfte. Zweiter Teil: Nachdem der Retter, Herr Kruszewan, voll seinei „Kratzwunden" sich erholt, begab er sich nach denl Landgericht, uu sich dort nach der dein „Mörder" zugeteilten Strafe zu erkundigen Die Antwort lautete: „Zwei Wochen Haft". Herr Kruszewall begann nunmehr das Gericht zu hassen, und richtete an seine Leser (die Aermsten! eille lange Epistel, in der er seinen Klagen über die Ullnlöglichkeit ü Rußlaild zll leben Ausdruck verlieh! Jetzt sieht er wohl ein, daß e< nicht allein die Juden sind, die ihn zu töten beabsichtigen, sondern daß sich ihnell auch das Gericht allgeschlossen hat. Alles hat sic! gegen ihn verschworell! Allstatt den grausamen „Mörder" zu lebens länglicher Zwangsarbeit zu verurteilen, verkündet das Gericht zwei wöchentliche Haft. Selbstredend werdeil angesichts dieses Urteils jetz: alle Juden gegen ihil, den Retter Kruszewan, losgehen, und ihn ermorden wollen . .. Als Beilage der darauffolgenden Nummer de< „Zuamja" schenkte Herr Kruszewan einem jeden seiner treuen Lese', ein Taschentuch, damit sie mit ihm sein tralkriges Schicksal beweinen könneil. Das dritte Unglück des Retters Kruszewan bildete eille ihm seitens der Juden zugesandte Adresse folgenden Inhalts: „Wozu sollen lvir Sie töten, Sie selber tun es doch am besten." Nach Empfang dieser Zeilell verfiel der Retter Kruszewan in einen derart heftigen Wutanfall, daß er einen Artikel „Tod den Inden" verfaßte. Die Polizei hat aber den Abdruck desselben verboten. - * In Kischinew hat der neue Gouverneur, Fürst Urussow. illfolge der vollständigen Beruhigung der Gemüter das seit dein Masiakre angeordnete ständige Abpatrouillieren der Straßen durch Militär wieder aufgehoben. Dieser Uulstand sowie die persönliche Inspizierung der Ordnung in der Stadt durch den Gouverneur hat einen vortrefflichen Eindruck auf die Bewohner gemacht, die während der militärischen Maßnahmen immer in der Besorgnis lebten, daß weitere Unruhen bevorständen. Gleichzeitig ist durch einen besonderen Ukas des Zaren der russischen Geistlichkeit nahegelegt worden, durch Predigt, Wort und Beispiel gegen den religiösen Fanatismus der orthodoxen Bevölkerung den Juden gegenüber einzuwirken, damit die Massen nicht auf neue Irrwegs geraten, die sie zürn Morde führen. * In der Sitzung des Board of Deputies vom 16. v. M. teilte der Vorsitzende Mr. Alexauder mit, daß er vom Generalagenten der Kapkolonie, Mr. Füller, die offizielle Erklärung erhalten habe, wonach das „Jüdisch" fortan unbedingt als europäische Sprache anerkannt und behandelt werden soll. Gleichzeitig teilte ihm aber Mr. Füller auch mit, daß zahlreiche Juden ihn um einen Erlaubnisschein zur Allswanderung nach Südafrika bitten. Es befhiben sich jedoch unter biefeit zahlreiche Personen, die „beleidigend schmutzig" seien. Da sie nicht englisch sprechen, so ist es nicht leicht, etwas über ihre Vergarrgenheit von ihnen herauszubekommen. Der Generalagent erbittet die Hilfe des Boards, um durch die Mitwirkung Sachverständiger entscheiden zu könnell, ob die Bittsteller wirklich „Mechaniker und geschickte Handwerker und nicht „etwa bloße Verbannte" seien, die als minderwertig aus ihrer eigenen Heimat verjagt worden sind. Mr. Hermann Landau, der wegen seiner genauen Kenntnisse der russischen Juden vom Board zur Teilnahrne an der Sitzung aufgefordert wurde, gab zu, daß die Emigranten, nachdem sie 48 Stunden quer durch Deutschland vierte Klasse gefahren sind, nicht in dem Zustande sich befinden, um sich dem Agentgeneral der Kapkolonie zu präsentieren. Mr. Füller müßte schon sehr wenig Vorurteile haben, wenn er hinter der „beleidigend schmutzigen"

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