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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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374 Sonn- und Festtagen, die sie selbst nach Vorschrift und altem Brauch soviel ernster feierten. Man mochte ihnen vorwerfen, was man wollte, so dem Alkoholteufel haben sie sich nie ergeben, so dessen entwürdigende und entehrende, wirtschaftlich und moralisch herabziehende Ketten schleppten sie nie. Ferner fiel es und fällt es den Juden schwer, nicht die sogenannte Esau-Natur geringznschätzen, die Natur derjenigen Leute, die ihre Erstgeburt für ein Linsengericht verkaufen, die, eines augenblicklichen Genusses wegen Opfer um Opfer bringen, ihr Geld, ihre Unabhängigkeit, ihre Ehre preisgeben. Das taten und hm aber sehr oft recht gebildete Männer in angesehener Stellung, wenn sie zum jüdischen Geldgeber oder Wucherer ihre Zuflucht nahmen und nehmen! Diese straften wohl, meist übrigens hinter dein Rücken, den Wucherer mit Verachtung; wenig aber ahnten sie, daß der schmutzige jüdische Wucherer nicht minder sie verachtete wegen ihres Leichtsinns, wegen ihrer Genußsucht, ihres Mangels an Selbstbeherrschung und Umsicht. Die Juden, die höchst selten sich so in die Hände von Wucherern begaben, mußten sich für klüger und charakterfester halten, als die große Zahl derer, die sich beeilten, um ein Linsengericht sich zu Sklaven von Wucherern zu machen. Am meisten aber konnte, ja mußte das Selbstbewußtsein der Juden in unserer Zeit durch den Antisemitismus gehoben werden, der die Losung ausgab, die Völker würden von den Juden beherrscht, geknechtet und sittlich verdorben. Welch eine Selbsterniedrigung seitens der Antisemiten, welche kolossale Ueberschätzung der Juden, die, eine Hand voll, hier Frankreich, dort Deutschland re. beherrschen, Kaiser, Könige, Regierungen und Gerichte lenken, Kriege und Revolutionen nach Belieben entfesseln und weiß der Himmel was noch alles zu Wege bringen sollten. Es wäre doch wahrlich nicht zu verwundern wenn hier und da Juden sich sagten: Wir müssen doch Mordskerle, ganz hervorragende Intelligenzen sein, wenn man uns so allgemein fürchtet und diese Furcht sogar laut hinausschreit. Aber nicht nur die Schwächen anderer konnten die Juden etwas eitel machen, sie können sich auch einiger wirklicher Vorzüge rühmen. Um den Babel- und Bibelstreit schon als, selbst 31t Uugunsten der Bibel entschieden anzusehen, was wir wahrlich nicht nötig hätten — haben die Juden den Monotheisinus doch zuerst und am besten gepflegt, ausgebildet und erhalten. Sie doch und nicht die Babylonier können sich rühmen, der civilisierten Welt Gottheit und Sittlichkeit gegeben, Propheten und Psalmen, Patriarchen und Heilige geschenkt zu haben. Die Juden schmückt wie wenige Völker die Patina des Alters, und sie sind dabei ein altes Volk, das verstanden hat, jung zu bleiben. Im Alter jung bleiben aber ist eine Tugend, und zwar eine sehr hoch geschätzte, nicht nur bei Individuen, sondern auch bei Völkern. Und daß gerade das jüdische Volk gesund und überhaupt sich am Leben erhalteil hat, ist doch im Hinblick auf die Leiden und Verfolgungen, die es zu allen Zeiten und in allen Ländern ausgestanden hat, eines der größten Wunder der Weltgeschichte. Und nicht nur sich am Leben und gesund erhalten hat sich Israel, es hat sich auch überall durchzusetzen und eine bedeutende Stellung zu erobern gewußt. Im Verhältnis zu seiner Zahl hat es überall eine ungewöhnlich große Anzahl großer Männer auf allen Gebieten des Wissens und Könnens gestellt. Selbst in Rußland, lvo sogar ihre Ausbildung beschränkt wird haben sie hervorragende Finanz- und Staatsmänner, Schriftsteller, Gelehrte und Künstler ihrem sie so stiefmütterlich behandelnden Vaterlande geschenkt. So manchen Grund also, etwas stolz auf sich und ihre Vergangenheit zu sein, hatten die Juden schon. Aber Stolz, Eitelkeit und Ueberhebnng sind darum doch keine jüdischen Spezialuntugenden. Von dem Stifter der jüdischen Religion wird keine einzige Tugend gerühmt, nur daß er sehr bescheiden war, wird von ihm gesagt. Mari kann sich denken, wie die jüdischen Ausleger der Bibel daraus Veranlassung genommen haben, den Wert der Bescheidenheit zu rühmen und diese Tugend zur Nachahmung zu empfehlen. Heute könnte man nur zu vielen Juden einen 31t großen Mangel an Selbstbewußtsein, au Stolz auf ihre Abstammung und Vergangenheit vorlverfen. Man geniert sich ja, gerade in den sogenannten besseren Klassen, Jude zu sein, einen alttestamentarischen Vor- und Stammnamen zu haben, betrachtet es als ein Unglück, gar Cohn oder Leivy zu heißen und selbst ein hebräisches Buch oder eine jüdische Zeitschrift zu besitzen. Allerdings nennen Leute vom Schlage des Herrn Georg Liebe bei den Juden Ueberhebnng, was Ueberhebnng nicht ist. Man macht es beispielsweise den Juden zum Vorwurf, wenn sie höhere Schulen besuchen, lieber in die guten Theater als in die Tingeltangel, lieber in die anständigen Restaurants als in Budiken gehen, und nennt das Ueberhebnng. Nein! Wenngleich die Juden gar nicht so üble Gründe hätten, sich etwas zu überheben, sie tun es nicht mehr, eher weniger als andere Völker, und manchmal fühlen ivir uns gedrungen zu wünschen, sie wären etlvas stolzer als sie wirklich sind. Die Mache. Berlin, 5. August. § ist jetzt viel die Rede von einer Verschmelzung der national-sozialen Partei mit der Freisinnigen Vereinigung. Mit Recht wird darauf aufmerksam gemacht, daß die nationalsoziale Partei ihren Ursprung auf den pietistischen Leiter des Rauen Hauses in Hamburg, Wiehern, zurückführt; dessen Werk, so erklärte Professor Sohin, sei die innere Missioii; aus der inileren Mission unter Stöckers Führung sei die christlichsoziale, aus dieser die nationalsoziale Bewegung elrtstandeu. Herr Naumann stand ursprünglich Herrn Stöcker sehr nahe; Herr v. Gerlach war Redakteur des Stöckerschen „Volk", unter den 153 Mitgliedern des Parteitages vom 2. bis 5. Oktober 1902 filrdeu sich nicht weiiiger als 81 Pfarrer und Lehrer. In ß 7 der „Grundlinien" der nationalsozialen Partei heißt es: „Im Mittelpunkt des geistigeir und sittlichen Lebens unseres Volkes steht uns das Christentum." Herr Naumann hat einen nationalsozialen Katechismus herausgegeben. Darin heißt es: „Besteht eine Judenfrage? Ja. Worin besteht sie? Darin, daß die Israeliten ein anderer (Stamm sind als die Deutschen. Voir dem „Gegensatz zwischen Deutschen und Israeliten" wird gesagt: „Er ist begreiflich und wird als gesellschaftlicher Gegensatz nur insoweit überwunden iverden, als die Israeliten deutsche und christliche Denkweise annehmen.". Herr Naumann erklärt, daß in einzelnen Gegenden und Berufsziveigen die soziale Frage eine Jndenfrage sei. „Wird sich nicht eine Schließung der Ostgrenze gegen nichtdeutsche Elemente überhaupt empfehlen? Wenn es möglich ist, den Wandertrieb von Osten nach Westen durch staatliche Mittel einzuschräuken, so iverden wir ohne Zweifel zustimmen." Es fragt sich nach alledem, ob eine Verschmelzung der beiden Parteien in der Tat möglich sei, sofern die Nationalsozialen nach der Versicherung des Herrn Naumann an ihren Anschauungen festhalten und ihr „Grundbekenntnis" „Nationaler Sozialismus auf christlicher Grundlage" bleibt. * Zwei Dementis, die in diesen Tagen durch die Tagesblütter gingen, hätten uns aufrichtige Genugtuung bereiten können, wenn nicht Erwägungen sich daran geknüpft hätten,

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