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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-07 · Heft 32 (7.8.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 32. Allgemeine Berlin, 7. August 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITT. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philipxsoir. Verlags - Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Sie „Milche Äeberhebung". Berlin. 5. August. u seiner jetzt soviel besprochenen Monographie macht Georg Liebe dem Judentum Geneigtheit zur Ueberhebung zum Vorwurf. Er erhebt diesen Vorwurf nicht bloß gegen die Inden in der deutschen Vergangenheit, sondern spricht ihn allgemein als etwas Bekanntes, Selbstverständliches ans, als wäre diese Geneigtheit allen Juden aller Zeiten gewissermaßen angeboren. Seltsam! Andere Völker sind gewiß auch nicht von Ueberhebung frei. Man kennt sie an der „grande nation“, wir wissen von der Ueberhebung der Spanier, Engländer, Amerikaner ein Lied zu singen, der letzte slavische Volksstamm leistet darin etwas; man weiß, wie der Türke auf den Giaur, der Chinese auf die Barbaren, die ihm Kultur bringen wollen, herabsieht. Ja auch in Deutschland hat man im Chauvinismus schon tüchtige Fortschritte gemacht und hält, seitdem man selbst angefangen hat, nationalstolz zu sein, etwas nationale Ueberhebnng sogar für eine Tugend. Nur den Juden macht man es fortwährend zum Vorwurf, daß sie vor mehreren Jahrtausenden als das auserwühlte Volk bezeichnet worden sind und glaubt von jüdischer Ueberhebung als von etwas, das gar keinem Zweifel unterliegt, sprechen zu dürfen. Wenn wirklich „Ueberhebung" ein Charakteristikum der Juden wäre, eine Eigenschaft, die ihnen mehr als anderen und in ganz besonderem Maße zugeschrieben werden darf, daun haben die verschiedenen Völker und ganz besonders die Judenfeinde und Antisemiten diese Eigenschaft bei ihnen herangezüchtet. Georg Liebe spricht selbst von den „rückständigen ökonomischen Begriffen" der mittelalterlichen Deutschen verglichen mit denen der Juden. Aber auf diese rückständigen ökonomischen Begriffe stießen die Juden überall, wo sie zu den im Vergleich zu ihnen jungen Völkern in Europa kamen, und überall begingen die Regierenden den Fehler, statt die ökonomischen Begriffe der Ansässigen zu erweitern, teils die vorgeschrittenen Begriffe der Juden auszunützen, teils ihnen oft durch die unsinnigsten Gesetze entgegenzuarbeiten, nämlich durch solche, die fast regelmäßig die entgegengesetzte Wirkung hatten und haben mußten. In allen Geld- und Geschästsaugelegenheiten fanden die Juden das Volk unerfahren und ungeschickt, ja unwillig etwas zu lernen und es ist nur natürlich daß sich bei ihnen, die täglich im Geschäftsverkehr dieselben Erfahrungen machten, ein gewisses Gefühl der Ueberlegenheit herausbildete, etwa ähnlich dein. des Städters gegenüber dem Landbewohner, dem des Großstädters, der das Leben besser kennt, gegenüber dem Provinzialen. Uild wie mußte erst das Gefühl der Ueberlegenheit wachse», als die Fürsten und Regierungen mit der tolpatschigen Staatshand volkswirtschaftliche Gesetze zurechtzurücken versuchten, und gar nicht begriffen, daß beispielsweise die Festlegung eines gewissen Zinsfußes ein wirtschaftlicher Unsinn ist und das Geld nur verteuern, die Geldgeber auf Schleichwege treiben, das Geldgeschäft in die Hände immer fragwürdigerer und hartherzigerer Personen spielen müßte. Nicht minder als durch diese Erfahrungen im täglichen Geschäftsverkehr mußten die Juden auf religiösem Gebiete immer mehr über die Andersgläubigen staunen. Ihnen, denen seit jahrtansenden und tagtäglich der Blutgenuß als etwas Abscheuliches gelehrt wird, ihnen, denen ein Tropfen Tierbluts Ekel erregt und für welche Speisen, in die zufällig etwas Tierblut geraten ist, ungenießbar werden, soll allen Ernstes und mit solcher Zähigkeit der Genuß von Menschenblut vorgeworfen iverden! Es fiel ihnen schwer, alle die Menschen, die ihnen Nitualmorde vorwarfen, für böse, verbrecherische Verleumder zu halten, wenn sie auch niemals in Zweifel waren, daß die Verbreiter des Märchens von teuflischer Bosheit geleitet wurden und werden; sie mußten also aunehmen, daß Leute, die solche Märchen sich einredeu lassen, unheimlich beschränkt sind, wie wir auch die Chinesen für rückständig halten, die glauben, daß christliche Missionare Kinder zu medizinischen Zwecken morden. Nicht minder mußten die Juden den Kopf schütteln, wenn man ihre ethischen Gebote als minderwertig erklärte, wenn man von ihnen behauptete, sie seien ganz materiell gesinnt und alle beteten das goldene Kalb an. Wußten sie ja doch sehr wohl, wie tief und fein und allen Ansprüchen unserer Zeit noch genügend die in der Bibel, im Talmud, in den Sprüchen der Väter enthaltenen ethischen Vorschriften und Anschauungeil sind. Sie konnten nirgends sich überzeugen, daß die jüdische Nächstenliebe, die jüdische Mildtätigkeit irgendwie übertroffen wurden. Von der Befolgung des christlichen Gebots, die Feinde zu lieben, aber hatten sie nie etwas gemerkt. Die Juden inußteil also die Andersgläubigen für unfähig halten, ihnen Verständnis entgegenzubringen und sich für klüger halten, da sie für die christliche Ethik weit besseres Verständnis hatten, und nur manches, was die christliche Sittenlehre vorschrieb, in der Theorie wohl ganz schön fanden, für das praktische Leben jedoch ungeeignet. Sie wußten auch am besten, wie selbstvergessen, aufopfernd und gänzlich weltfrenrd viele Glaubeilsgenossen waren, und mußten geradezu lacheir über diejenigen, welche fortwährend von der schmutzigen Geldgier der Juden faselten. Noch andere Beobachtungen, die sie täglich zu machen Gelegenheit hatten, waren geeignet, bei den Juden ein Gefühl hervorzurufen, daß sie den anderen überlegen seien. Sie selbst sind nüchtern und sie mußten sehen, wie viehisch sich das Volk betrank und in der Trunkenheit benahm. Und das gerade an

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