Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 a. Dortmund, 22. Juli. Unsere Gemeinde hat am 18. d. M. einen schweren Verlust erlitten. Adolf Elias, Vorsitzender des Vorstandes der Gemeinde, ist ganz unerwartet, nachdem er gestärkt aus dem Bade Nauheim zurückgekehrt war, verschieden. Am 20. Juli fand unter großer Beteiligung der Verwaltungsmitglieder und der ganzen Gemeinde die Beerdigung statt. Der Verstorbene hat sich um die Gemeinde und ihre Institutionen große Verdienste erworben: seiner Energie war es zu verdanken, daß das schöne Gotteshaus, an einer der Hauptstraßen der Stadt gelegen, vor drei Jahren seiner Bestimmung übergeben werden konnte. Den Frieden in der Gemeinde wahrend, hat er das Interesse für verschiedene humanitäre Institute betätigt und bei anderen geweckt. Dem gemeinnützigen Wirken in Dortmund und auswärts hat der Prediger Rothschild in der am Grabe gehaltenen Rede vollen Ausdruck verliehen, er wies hin auf das mustergiltige Familienleben, auf die Leitung der Vereine durch den Heimgegangenen, auf seine ausdauernde Tätigkeit, die er als Vorsteher der Gemeinde entwickelt hatte, auch sein Interesse für die allgemeinen Bedürfnisse der Juden in Westfalen, so das Marks- Haindorffffche Seminar in Münster, das geplante Alterversorgungshaus für Westfalen rc. Auch für das Wohl der Juden im weitesten Sinne fand der Verstorbene Zeit und Kraft, so unter anderem für die Alliance israelite universelle, deren Centralkomitee er als Mitglied angehörte. In Anerkennung seiner Verdienste um die Alliance hatte das Zentralkomitee in Paris Herrn Rabbiner Dr. Frank-Köln telegraphisch ersucht, dasselbe bei den Trauerseierlichkeiten zu vertreten. Dr. Frank widmete dem Heimgegangenen am Grabe im Namen der Alliance innige Worte des Dankes und der Anerkennung, zeichnete das Wesen, den Charakter, die Zwecke und Ziele der Alliance und forderte zugleich die Gemeinde auf, das Andenken des Verklärten dadurch zu ehren, daß sie alle Vereine und Institutionen in dem Geiste des Verstorbenen fortpflege und erhalte. Durch den Heimgang dieses Mannes ist eine große Lücke in der Gemeinde entstanden, die schwer auszufüllen ist. Ehre seinem Andenken! Eg] Gießen, 24. Juli. Der hiesige Oberbürgermeister Me cum erläßt in den Gießener Zeitungen folgende Erklärung: „Der neue Friedhof und seine Weihe." In den ersten Tagen dieser Woche wurde mir von verschiedenen Seiten mitgeteilt, Herr Pfarrer Naumann habe vergangenen Sonntag in der Predigt erklärt,?r beabsichtige, die Friedhofskapelle auf dem Rodtberg kirchlich zu weihen und den Kirchenvorstand hierzu einzuladen. Mit Rücksicht darauf, daß die Friedhofskapelle konfessionslos ist, habe ich Herrn Pfarrer Naumann in einem Schreiben vom 8. Juli darauf aufmerksam gemacht, daß ich eine derartige Weihe nicht zulassen könne. Es heißt oami weiter: Der Friedhof ist nicht interkonfessionell oder allgemein lonfessionell, sondern nach allen bisherigen Beschlüssen der Stadtverordnetenversammlung, die allein hierüber zu bestimmen hat, ist er konfessionslos. Ferner ist es unrichtig, daß die Friedhofskapelle das Kreuzeszeichen erhalten hat, weil die Juden einen besonderen Platz wünschten, sondern umgekehrt, nachdem infolge eines Versehens die griedhofskapelle mit dem Kreuzzeichen versehen war, wurde für die luden ein besonderer Platz bestimmt. Es besteht jedoch kein Zwang, -»aß die Juden nun auf diesem besonderen Gebiet beerdigt werden nässen, sondern auch der Jude wird auf dem, den Juden nicht be- 'anders vorbehaltenen Teil des Friedhofs beerdigt, wenn die Hintervliebenen dies wünschen und bei einem Reihengrabe darauf verzichten, >aß das Grab von vornherein auf 90 Jahre unberührt bleibt. Es ist erner nicht richtig, daß die Juden nach ihren Grundsätzen ihre Toten nicht mitten unter die Christlichen in denselben Reihen begraben vollen, vielmehr ist mir von zuständiger Seite (doch jedenfalls von nicht orthodoxer Seite. Red.) wiederholt versichert worden, daß dem ein Hindernis entgegensteht. Weiterhin ist für die Evangelischen acht ein besonderes Gebiet des Totenackers bestimmt, sondern Evangelische, Katholische, Juden, Andersgläubige und Ungläubige werden der Reihenfolge nach durcheinander beerdigt. a. Dietz a. d. £., 20. Juli. Der Jahresbericht des Deutsch- Lsraelitischen Kinderheims für das Jahr 1902 (Verein zur Erziehung israelitischer Waisen und Kinder unbemittelter Eltern aus dem deutschen Reiche ist erschienen. Die ruhige und stetige Weiteren!- Wickelung des Kinderheims, die uns der Rückblick aus das vergangene Jahr wahrnehmen läßt, macht die Pflicht, von der Tätigkeit des Vereins Rechenschaft abzulegen, zu einer wahren Freude. Im vergangenen Schuljahre 1902/3 zählte die Anstalt 41 Zöglinge, die sich aus allen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes rekrutieren: 19 aus Preußen (aus Hessen-Nassau 6, Rheinprovinz 3, Westpreußen 3, Sachsen 3. Brandenburg, Hannover, Posen, Schleswig-Holstein je 1), aus Bayern 6, Königreich Sachsen 5, Hessen-Darmstadt 5, Elsaß-Lothringen 2, Koburg- Gotha, Anhalt, Hamburg, Bremen je 1. Die Zeugnisse der Zöglinge, welche die Volksschule in Dietz besuchen, bekunden die Zufriedenheit ihrer Lehrer sowohl mit deren Leistungen, als auch ihrem sittlichen Verhalten. Für die Unterweisung im Hebräischen und in der Religion wurde durch einen Unterricht im Hause unter Inspektion des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Weingarten vorgesorgt. Auch der Handfertigkeits- Unterricht fand, wie früher, unter der Leitung eines Lehrers eingehende Pflege, und es wurden recht schöne Arbeiten in Pappe ausgesührt. An einem Kursus in Stenographie, Rundschrift und Buchführung, der im Hinblick auf eine bessere Vorbereitung für das praktische Leben eingeführt wurde, nahmen 6 Zöglinge teil. Entlassen wurden fiebeit Zöglinge, von denen 4 dem Kaufmannstande sich widmen, 1 zu einem Buchbindermeister, 1 zu einem Bäckermeister in die Lehre traten und 1 in eine Präparandenanstalt eintrat, um sich für den Lehrerberuf vorzubereiten. Die Kaddischstiftungen wurden um 3 vermehrt. Bei so manchem Erfreulichen, welches uns das vergangene Jahr gebracht, haben wir aber leider auch eines schweren Verlustes zu gedenken, der uns betroffen. Am 19. Juli (14. Thamus) 1902 verschied das langjährige und um unsere Anstalt so verdiente Vorstandsmitglied, Herr D. H. Apelt, in Halle. Derselbe gehörte seit Gründung der Anstalt der Verwaltung an, und es ist nicht zu sagen, mit welchem Eifer itut> welcher Aufopferung an Zeit und materiellen Leistungen er sich der Anstalt widmete, für sie warb und ihre Zwecke förderte. An Stelle dessen wurde sein Sohn, Herr Max Apelt-Halle, und an Stelle des wegen vorgerückten Alters aus dem Vorstand geschiedenen Herrn Louis Goldschmidt-Leipzig Herr Alphons Jacobson-Leipzig in den Vorstand gewählt. Die Verwaltung besteht aus den Herren: M. Apelt-Halle, Herm. Cramer-Frankfurt a. M., Louis Feist (Fa.: Beer, Sondheimer & Cie.), Frankfurt a. M.. Jul. Goldschmidt (Fa.: J.L-S. Goldschmidt), Frankfurt a. M., Bankdirektor Carl Herzberg-Fraukfurt a. M.. Aron Hirsch (Fa.: Aron Hirsch & Sohn), Berlin, Alphons Jacobson- Leipzig, L. Mainz-Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Memelsdorf-Limburg, Leopold Rosenthäl-Dietz, Professor Dr. A. Sulzbach-Frankfurt a. M. M Nürnberg, 12. Juni. Seit einigen Tagen hält sich hier ein jüdischer Buchdrucker aus Jerusalem auf, um das Stereotypieren zu erlernen und sich damit eine neue Einnahmequelle zu erschließen. Er beweist damit, daß die Intelligenz, die eine Eigentümlichkeit unserer Glaubensgenossen bildet, auch unter den besonderen Verhältnissen der Einwohner der heiligen Stadt nicht geschwunden ist, und es wäre nur zu wünschen, daß auch andere Handwerker diesem Beispiele folgen möchten, und sich die Erfindungen und Entdeckungen der Neuzeit für ihren speziellen Beruf zu Nutze machten. Allerdings wird dieses Streben nur vereinzelt bleiben, solange man bei der alten Methode bleibt, nämlich der, sich zur Beschaffung etwa notwendiger Maschinen und Geräte aus die Mildtätigkeit der Glaubensgenossen in Europa zu verlassen. Die verschiedenen Vereine und Verbände, die sich mit den Verhältnissen in Palästina befassen, würden ein dankbares Feld zur Hebung der so traurigen Verhältnisse finden, wenn sie es sich angelegen sein ließen, die ökonomischen Verhältnisse aus diesem Wege zu verbessern. Wir sind überzeugt, daß gar viele Spender für Jerusalem ganz damit einverstanden wären, wenn die Pekidim und Omarkelim des heiligen Landes zu Amsterdam einen Teil der Almosen zur Beschaffung von landwirtschaftlichen und gewerblichen Maschinen und Geräten verwenden würden, und ihre Spendenlisten würden sicherlich nicht kleiner an Umfang sein, wenn man in Amsterdam es sich angelegen sein lassen würde, Thorastudium im Verein mit praktischen Lebenszielen im Lande Israels zu pflegen. Auch für die verschiedenen zionistischen Vereine würde es jedenfalls fruchtbarer sein, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf diese Punkte lenken, anstatt sich in unfruchtbaren Debatten über Tagesfragen zu ergehen, denn wer immer an die Möglichkeit der Rückkehr eines großen Teiles unserer Brüder in das Land unserer Väter denkt, der muß sich sagen» daß eine der notwendigsten Vorarbeiten dazu wäre, unsere bereits dort wohnenden Brüder auf eine höhere Kulturstufe zu heben, indem man neben der Förderung der Landwirtschaft auch die Industrie zu heben sucht. Man braucht dabei nicht gleich an Fabriken und Manufakturen zu denken; es dürste für das erste genügen, die Hand-