Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Werker in den Stand zu setzen, ihre Produkte zu vervollkommnen, die weitere Entwickelung wird sich dann mit der Zeit ergeben. Für den Augenblick ist es allerdings noch erforderlich, die Mittel für die Eingangs erwähnte Stereotypiermaschine auf dem üblichen Wege der Sammlung auszubringen, wozu die in Frage kommenden Vereine die Hand zu bieten sicher gern bereit sein werden. München, 17. Juli. Eine seltsame Meldung bringt hier die „Frankfurter Zeitung": „Ganz merkwürdige Dinge hört man über die Beziehungen hiesiger prinzlicher Palais zu der antisemitischen, d. i. christlich-s ozialen Bewegung. Von einem dieser Palais wird erzählt, daß es einen in neuester Zeit in den Vordergrund getretenen antisemitischen Streiter materiell unterstützte. Von einem anderen Palais — und hier soll die Dame des Hauses die treibende Kraft sein —erzählt man sich, daß sie versucht habe, die österreichischen christlich-sozialen Parteiführer vor den Reichstagswahlen hierherzuziehen, um den hiesigen Christlich-Sozialen auf die Beine zu Helsen. Die Dame soll geglaubt haben, damit den Sozialdemokraten Abbruch tun zu können. Man wird nun die Differenzen, welche in München m Lager der Christlich-Sozialen entstanden sind und zu einer vorwiegend auf persönlichen Gründen beruhenden Spaltung geführt haben, vor Gericht zum Austrag kommen sehen, denn Wengg, der Führer des alten Vereins, kündigt an, daß er gegen Kuhn, den Führer des neuen Vereins, Verleumdungsklage erhoben habe. Der heftige Kuhn, der schlüpfartige Wengg, das kann eine interessante Verhandlung werden. Professor Schnepper, der Vorsitzende des neuen Vereins, ist ein Geistlicher und Professor a. D. Er war früher Religionslehrer an einem Gymnasium." Hoffentlich werden diese Mitteilungen des Frankfurter Blattes ein bündiges Dementi erfahren. Der bayerische Hof hat nach dieser Richtung stets eine vorurteilsfreie und alle Konfessionen in gleicher Weise befriedigende Haltung eingenommen. Möge es immer so bleiben! Gesterreich-Angarn. El Wien, 27. Juli. Ich habe Ihnen jüngst über den Rücktritt des Hofrats Dr. Isidor Reumann von der klinischen Lehrtätigkeit berichtet, heute habe ich dazu als Kuriosum ben Beschluß des hiesigen Stadtrates nachzutragen, der gesonnen ist. mit allen Mitteln die Berufung des Geheimrats Professor Reißer aus Breslau als Nachfolger Reumanns zu hintertreiben, angeblich weil Geheimrat Reißer eine der scheußlichsten Krankheiten der Menschen mittels Heilserum zu behandeln suchte. Sollte dies wirklich der einzige Grund für die Ablehnung Reißers sein, der die Wiener Stadträte — die ja tu dieser Angelegenheit nicht viel zu sagen haben — dazu bewogen hat? Sie wußten wohl nicht, daß der Mann jüngst getauft ist. — Der Mörder der reichen jüdischen Witwe Orange in Lemberg wurde bei dem Orte Skalat von der Geusdarmerie ergriffen m\b dem Gericht übergeben. Groszüritsnnien. t. London, 22. Juli. Am 3. d. M. wurde das in London- Tottenham belegene jüdische Siechen haus unter großen Feierlichkeiten und unter kolossalem Zulauf der zahllosen Zuschauer von der Prinzessin Luise, Herzogin von Argyll, eröffnet. Rach einem einleitenden Gebet des Chifrabbi hielt das Mitglied des Unterhauses Stuart M. Samuel als Vorsitzender des Komitees eine Ansprache, aus der hervorging, daß die Anstalt schon seit 1889 besteht, wo 10 Insassen in zwei gemieteten Räumen untergebracht waren. Die Anstalt wurde zu Ehren des Diamantenjubiläums der Königin Victoria durch eine veranstaltete Sammlung, welche 35 000 Mark ergab, in das gegenwärtige Gebäude übertragen und zur Aufnahme von 25 Insassen eingerichtet. Jetzt ist das Gebäude wiederum beträchtlich erweitert und für 55 Patienten eingerichtet worden. Rach dieser Ansprache enthüllte die Prinzessin eine steinerne Tafel, welche die Inschrift trägt: „Dieses zur Erinnerung an das Diamantenjubiläum der Königin Victoria errichtete jüdische Siechenhans wurde von ihrer kölnglichen Hoheit der Prinzessin Lllise lHerzogin voll Argyll) am 3. Juli 1903 eröffnet." Darallf nahm die Prinzessill die bei dieser Gelegenheit für das Heim veranstalteten Sammlungen aus der Hand einiger Damen eiltgegen, ulld der Schatzmeister konnte ullter lautem Beifall verkünden, daß die Sammlullgen einen Betrag von 830 Pfund Sterling (etwa 120 000 Mark) ergeben haben. Nachdem rlvch Lord Rothschild und Sir Edward Sassoon gesprochen hatten, ergriff drr Gemahl der Prinzessin Luise, der Herzog of Argyll das Wort, um zunächst im Namen der Prinzessin für die reiche Sammlullg zll danken. Im Namen der Prinzessin darckte er allch feinen alten Freunden Lord Rothschild und Sir Edward Sasfooil für die in ihren Ansprachen der Prinzessin gesagten Liebenswürdigkeiten, um dann sortzufahren: Es war ihm stets ein lluerklärlich es Rätsel, wie es die Juden fertig bekommen, nicht bloß die umfassellden Bedürfllisse ihrer eigenen Armen zu befriedigen, sondern noch große Summen! für die Armen anderer Konfessionen zu erübrigeil. In Bezug auf Organisatiollstalellt und Großmut können die Juden allen anderen Konfessionell als Muster dienen. Er kann sich gar nicht ausdenken, was sein würde, wenn alle Menschen so wären wie die Juden. Würde ihr Beispiel überall Rachahmullg finden, die segensreichen Folgen lvären unübersehbar. Sicherlich hätte das Oberhaus llicht llötig, sich mit dem vorliegenden Gesetz einer Altersrente zu plagen. Von Sah und jfroi. Die durch das Ableben des verstorbenen Professors Dr. Hamburger erledigte Dozentur für Mathematik ist dem bisherigen Privatdozenten bei der Abteilung für allgemeine Wissenschaften Dr. Ernst Steinitz, übertragen worden. — Der verstorbene Abgeordnete Kommerzienrat Richard Noesicke war ein entschiedener Feind des Antisemitismus; noch eine seiner letzten Spenden für wohltätige Zwecke war für die Opfer von Kischinew bestimmt. Ehre seinem Andenken! — Der Stadtrat a. D. Louis Hirschberg in Sch ö lieb erg, bisher in Kulm, hat ben Roten Adlerorden IV. Klasse, der Religionslehrer Jacob Silberstein zu Gollnow im Kreise Raugard den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — In Dramburg sind von ruchlosen Händen fast sämtliche Denkmäler des ziemlich umfangreichen jüdischen Friedhofs demoliert worden. Denkmäler, die ca. 1000 Mark gekostet haben, liegen in Trümmer. Die Gräber sind verwüstet, und sogar die Umfassungsmauer ist teilweise zerstört. Bis jetzt sind drei Leute als verdächtig inhaftiert. — Graf Pückler-Kl.-Tschirne, der wegen Herausforderung des Geheimen Sanitätsrat Reumann-Glogau zum Zweikampf zu zwei Monaten Festungshaft verurteilt ist. hat seine Strafe aus der Festung Weichselmünde jetzt angetreten. — Fräulein Grete Schüler aus Fürth, die vor einigen Wochen in München das medizinische Staatsexamen absolvierte, wurde nach bestandenem Rigorosum zum Doktor der Medizin promoviert. Es ist das erstemal, daß die Münchener medizinische Fakultät den Doktorgrad an eine Dameverleiht.—Irl Essen ist der bekannte Bankier. Kommerzienrat Moritz B eer, im 77.Lebensjahre gestorben. — Dr. Max Rordau in Paris hat das Kommandeurkreuz des griechischen Erlöserordens erhalten. — In Warschau soll eine große hebräische Enzyklopädie für allgemeines und jüdisches Wissen erscheinen. Herausgeber ist R. Sokolow. — Rach dem neuen Gemeindegesetz für Petersburg dürfen alle, die mindestens 33 Rubel Wohnungssteuer zahlen, wählen — nur die Juden nicht! — Der Minister des Innern hat den General-Gouverneuren eine Entscheidung des Senats zur Kenntnis gebracht, daß zu Kronsrabbinern nur diejenigen zuzulassen sind, die entweder eines der Rabbinerseminare, welche früher in Wilna und Shitomir bestanden, oder eine allgemeine höhere resp. mittlere Hochschule absolviert haben. — Die „Kiewskoje Slowo" publiziert einen Tagesbefehl des Polizei- Meisters von Kischinew, welcher den Juderr das Spazierengehen in den Straßen verbietet und den Polizeiaufseher Bebello, welcher das Spazierengehen von Juden geduldet hat, zu einer Disziplinarstrafe verurteilt. — Am 4. v. M. kam ein Schiff mit 20 jüdischen Familien in den Hafen von Jaffa an. Die Hasenpolizei weigerte sich aber die Einwanderer ans Land zu lassen, da angeblich den nichttürkischen Juden das Betreterr palästinensischen Bodens verboten wäre. Der Vertreter der Polizei wollte jedoch diesmal eine Ausnahme machen und die 20 Familien ans Land lassen, wenn sie 3000 Francs ga^len wollen. Glücklicherweise erfuhr davon der österreichische Konsul in Jerusalem, der für seine Landsleute Bürgschaft leistete. Gleichzeitig aber richtete er nach Konstantinopel eine telegraphische Anfrage, ob tatsächlich ein den Juden das Landen in Jaffa untersagendes Verbot bestehe. Die Antwort erfolgte umgehend und lautete, daß man von einem solchen Verbote in Konstantinopel nichts weiß. So fabrizieren sich die bakschischlüsternen türkischen Beamten eigenmächtig judenseindliche Gesetze, weil sie sehr gut wissen, daß die überall unter Ausnahmegesetzen leidenden Juden sich leicht einschüchtern lassen und am ehesten den geforderten Bakschisch zahlen.