Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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67. Jahrgang. No. 31 Berlin, 31. Juli 1903. Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" korrrlponLrn?rn unv Nschrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 26. Juli. Die Beisetzung des jüngstverstorbenen Generalsekretärs der hiesigen jüdischen Gemeinde, des Herrn Philipp Wertheim, dessen Lebensgang wir bereits tu der vorigen Nummer skizziert haben, fand unter zahlreicher, ehrender Teilnahme weiter Kreise am 21. d. Mts. auf dem Friedhofe Schönhauser Allee statt. Um dem Beamtenkollegium, das sehr zahlreich erschienen war, die Möglichkeit der Beteiligung zu gewahren, war die Bestattung zum späten Nachmittag auberaumt worden. Die Anordnung der Trauerfeierlich" feit hatte sich der Gemeindevorstand bei den Angehörigen des Verblichenen ausbedungen; als Vertreter des Vorstandes erschien Justizrat Dr. L a ch m a n n , als Redner war Rabbiner Dr. M a h b a u m delegiert worden. Vom Rabbinatskollegium waren die Herren Dr. R o s e n z w e i g und Dr. Stier zugegen. In der würdig geschmückten Leichenhalle entwarf nach dem einleitenden Chorgesang der Redner, welcher mit dem Verstorbenen in langjähriger Freundschaft verbunden war, ein lebenswahres Bild des Wirkens und des Charakters des Verblichenen. Er rühmte seine glänzenden Fähigkeiten als Schöpfer der Verwaltung, welche er in der schwierigen Zeit des Aufschwungs der liberalen Ideen, zu leiten übernommen, schilderte die Stellung, welche der Tote dem Vorstande gegenüber eingenommen und ans Grund seiner juristischen Vorbildung und seiner hervorragenden Kenntnisse in der hebräischen Sprache und Literatur auch hatte beanspruchen dürfen. Er erinnerte, daß Wertheinl mit den damaligen beiden Rabbinern zu den Synoden in Leipzig und Augsburg von der Gemeinde delegiert wurde, daß er in seinem schweren Arnte, das seine Tätigkeit voll in Anspruch genommen, doch noch Zeit gefunden, in den 50 er Jahren einen Kalender und Jahrbuch für die jüdischen Gemeinden Preußens herauszugeben. Mit Nachdruck wies Dr. M a y b a u m darauf hin, daß der Tote, wenn er kein weiteres Verdienst hätte, als daß er nach jahrelangen, mühevollen Kämpfen die Berufung von Abraham Geiger als Rabbiner nach Berlin durchgesetzt Hütte, auch damit schon genug geleistet hätte. Mit warmen und innigen Worten des Trostes an die Leidtragenden schloß der Redner. Als Beauftragter des Standes, dessen erster und berufenster Vertreter der Entschlafene war, gab alsdann der jetzige Bureaudirektor der hiesigen Gemeinde, Herr Arnold B u d w i g, den Gefühlen Ausdruck, welche die Verwaltungsbeamten an der Bahre des Toten erfüllen, und rief dent Dahingeschiedenen Worte innigen Dankes nach. Den Beamten, so führte der Redner aus. war der Verstorbene Muster und Vorbild, ihnen hat er den Pfad gezeigt, den sie wandeln sollen, zugleich aber auch der Weg geebnet und die Bahn geöffnet für das Vorwärtsschreiten seiner Berufsgenossen. Was seinem Wirken die Eigenart gab und es so überaus gedeihlich gestaltete, das war die hohe Anffassung, die Werth ei m von seinem Berufe hatte. Er hatte sich dem Dienste der jüdischen Gemeinde geweiht, geweiht im wahren Sinne des Wortes. Nicht allein Pflichterfüllung, sondern Herzensneigung war ihm die Ausübung seiner Amtstätigkeit. Es erfüllte ihn mit Stolz, gerade der Berliner jüdischen Gemeinde zu dienen. Denn diese Gemeinde und ihren Vorstand erkannte er als die Stelle der Entscheidung für alle höheren Fragen im Gesamtleben des Judentums, und die Wichtigkeit der Stellungnahme Berlins als Vorbild für die übrigen Gemeinden Preußens und Deutschlands erweckte in ihm ein Gefühl erhöhter Verantwortlichkeit. Daher die peinliche Sorgfalt in der Ausführung der Beschlüsse der Gemeindebehörden, eine Sorgfalt, die sich in gleicher Weise auf das Wesentliche wie auf das anscheinend Unwesentliche bezog; denn für ihn gab es diesen Unterschied nicht. Mit Recht rühmte einst ein hervorragendes Mitglied des Gemeindevorstandes Wertheims Kunst zu fragen. Durch seine Fragen verstand er es, selbst bei scheinbar winzigen Vorgängen und Beschlüssen deren Bedeutsamkeit und programmatische Wichtigkeit für die Gemeinde hervortreten zu lassen, und gern wurde seinem durch die Erfahrung gereisten Urteil von den beschlußfassenden Behörden Beachtung geschenkt.' Die hohe Meinung, die Wertheim von seinem Berufe hegte, erzeugte aber auch in ihm den Wunsch, der Tätigkeit des Genleindebureaus nach außen hin zu einer besonderen Anerkennung zu verhelfen. Nicht nur sollten alle Schriftstücke, welche aus der Amtsstube der jüdischen Gemeinde Berlins hervorgingen, durch Korrektheit mustergültig sein, auch aus die wohlgefällige Form und die äußere Schönheit wurde hoher Wert gelegt. Die Grundsätze der ordnungsmäßigen Bureauverwaltung, wie er sie vorher im Amtsdienste der Preußischen Gerichtsbehörden erlernt hatte, übertrug er auf die Gemeindeverhältnisse, und indem er für diese Bestrebungen bei dem Gemeindevorstand ein williges Ohr fand, legte er schon in den damaligen engen Grenzen den Grund zu der umfangreichen Organisation, deren die Gemeinde sich heute rühmt. Milde gegen seine Untergebenen, streng gegen sich selbst, wirkte er erziehlich und aufmunternd durch sein Beispiel; sein Bild wird den Erben seiner Pflichten auch fürderhin vor Augen stehen, sein Geist sie umschweben und ihnen die rechte Bahn weisen. Nach abermaligem Chorgesang und nach einem kurzen Gebet an der Gruft wurde alsdann die irdische Hülle der Erde übergeben. — Als historisch interessant verdient noch hervorgehoben zu werdeu, daß in dem oben citierten, von Wert heim heransgegebenen Kalender und Jahrbuch, von dem drei Jahrgänge anfgefunden worden sind, zum erstenmal die berühmten Erzählungen Aron Bernsteins „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" erschienen sind. Nachdem sich eine Erzählung eines Breslauer Autors als ungeeignet erwiesen hatte, bat Wertheim den ihm befreundeten Ar o n Bernstein, für das Jahrbuch etwas zu schreiben, und Bernstein lieferte innerhalb zehn Tagen für beit ersten Band des Jahrbuches die „Vögele der Maggid". Erst nach vielen Jahren sind dann die Separatausgaben jener Erzählungen veröffentlicht worden. Auch unsere Zeitung hat Veranlassung, den Heimgang Wertheims tief zu beklagen. Gerade als er es .unternehmen wollte, für unsere Zeitung Erinnerungen aus der Berliner Gemeinde zu schreiben, traf ihn der erste Schlaganfall, der ihn auf ein langes Krankenlager warf, von dem er sich nicht wieder erholen sollte. Keines anderen Feder wäre geeigneter und gewandter gewesen, ein Bild jener schweren Zeit, in der er die Verwaltung der Gemeinde leitete, zu entwerfen. In den Annalen der Berliner Gemeinde ist dem Verblichenen ein dauerndes, ehrendes Andenken gesichert. Berlin, 27. Juli. Bei der hiesigen Universität werden im nächsten Winterhalbjahre eine Reihe öffentlicher oder unentgeltlicher Vorlesungen gehalten, die von Interesse für uns sind. Eine Auslese daraus sei hier vermerkt, mit dem Hinweise darauf, daß die Bedingungen für die Teilnahme an diesen Vorlesungen von Seiten Nichtstudierender durch die Satzungen der Universität festgelegt sind. Es lesen: Dr. Winkler: „Ueberblick über die babylonisch-assyrische i Geschichte"; Prvsessor G eiger: „Die Juden in der deutschen Literatur"; Professor Oppert: „Ueber die Religion der'alten Inder"; Professor: Sachau: „Ueber Ausgrabungen in semitischen Ländern"; Dr. Horovitz „Der Islam in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung"; Professor Gunkel: „Hebräische Urgeschichte." --- Berlin, 26. Juli. In der Berliner Gesellschaft für Anthropologie fand Sonnabend vor Eintritt in die lange Sommerpause eine Extrasitzung statt, in der Hauptmann Merker von der ostafrikanischen Schutztruppe eine seltsame Mitteilung machte. Dieser Offizier ist mehrere Jahre auf Station Moschi im Kilimandscharogebiet kommandiert gewesen und hat seine dienstfreie Zeit benutzt, um in die Sprache, Weltanschauung und Ueberlieferung der Massai einzudringen, bekanntlich der beweglichsten und am schwierigsten zu behandelnden Bevölkerung von Deutsch-Ostafrika. Da fand er zu seinem Erstaunen, daß sowohl die Vorstellung von der Gottheit als die Morallehre, ja sogar die Tradition sich getreu an die israelitischen Vorbilder und die biblischen Erzählungen anlehnen. Nun ist es zwar bekannt, daß die Massai semitischen Ursprungs sind und die bei ihnen lebende Ueberlieferung, daß sie vor langer Zeit von Osten her eingewandert seien, das Richtige treffen mag, allein eine so bis ins einzelne gehende Uebereinstimmung würde zur Annahme nötigen, daß