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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 372 (sequence 14)
Language
German
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372 Er küßte ihn unter Tränen und segnete ihn und empfahl ihm die Mutter und die Schwestern, — „hier, Jsückche," schloß er, „nimm meine Gabe, es ist die Uhr vom seligen Vater, die die Mammy mir zur Einsegnung geschenkt, das einzige Andenken, das sie damals aus Rußland mitgeschleppt hat — ich, ich brauch sie nicht mehr . . Die andern gingen in die Synagoge. Nur Säre blieb bei ihm. Sie mußte den Kasten aufschließen, in dem das Schofarhorn lag, mußte es ihm reichen, ... er liebkoste es mit Blicken und Händen . . . Darm setzte er's all die vom Fieber .trockenen Lippen und versuchte zu blasen . . . aber es kaut kein Ton heraus, nnr ein ganz schwaches, zitterndes Geräusch . . . Ohnmächtig fiel er zurück.! Schewuoth war gekommen, die Linden blühten und der Flieder urrd die Andächtigen eilten in die Synagoge, mit das Frühlingsfest zu feiern. Tovidche Posaun aber toar zur Ruh gegangen, zu jenen Hohen war er heirngekehrt, wo man den Odem Gottes näher spürt, als in den Bethänsern der Welt. Bei diesem Heimweg hat ihtl sein Hinken rticht mehr gestört. Die treue, zarte Seele flog mit Engelsflügeln irr den Himmel. Das Andenken an Dovidche Posaun aber ward zum Segen für die Seilten. Littrsrilche Mitteilungen. — Heller: Die echten Hebräischen Melodien. Breslau 1903. S. Schottländer. II. Auflage. Die erste Auflage dieses ausgezeichneten Buches, das der sel. David Kaufmann mit einer Einleitung in poetischer Prosa herausgegeben, die zu seinen besten Arbeiten gehört, wurde seinerzeit von dem gleichfalls inzwischen verstorbenen Dr. Albert Frankel in diesem Blatte ausführlich besprochen. Seither sind die Briefe Seligmann Hellers an David Kaufmann auch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlicht. Man konnte daraus ersehen, was er selbst in oer Vorrede zur ersten Auflage leicht angedentet hat. welch ein gewichtiger Anteil Kaufmann an dem Entstehen und Erscheinen dieses merkwürdigen Buches zukommt. Die Herausgeberin der zweiten Auflage, die treue und verehrungswerte Witwe Kaufmanns, schreibt darüber in der neuen Vorrede: „Nur wer wie ich die Mühseligkeiten, ja die aufregenden Gemütsbewegungen eines vieljährigen Kampfes mit dem ebenso wunderlichen wie hochbegnadeten Uebersetzer mitangesehen und den Triumph miterlebt, als es endlich meinem teuren Manne gelungen, als Siegespreis die herrliche Uebertragung der hebräischen Poesie des Mittelalters von dem echten Poeten S. Heller zu erringen, nur der kann es recht verstehen, mit welcher Begeisterung David Kaufmanns Seele an dieser Veröffentlichung hing, deren Plan seinem Geiste, deren Vollendung seinem Drängen zu verdanken ist." Wer Seligmann Heller gekannt hat, wird das verstehen. Er war in der Tat ein wunderlicher Heiliger, und Kaufmann muß sehr viele Mühe und Geduld aufgewendet haben, um ihn zu dieser Arbeit förmlich zu zwingen. Eigentlich stand Heller, als Kaufmann ihn kennen lernte, schon außerhalb des Judentums. Es ist das Verdienst unseres sel. Freundes, daß er den seltsamen, eigentümlichen und schwer zu behandelnden Mann wieder zu den alten Traditionen und alten Liedern der längst verlorenen Heimat zurück-- geführt hat. Wer wiederum Kaufmann gekannt hat, wird es allerdings begreifen, daß auch Heller seinem liebenswürdigen Drängen nicht widerstehetl konnte. Wer konnte ihm überhaupt widerstehen? So dürfen wir diese zweite Auflage als das Vermächtnis zweier ringenden Geister ansehen, die von verschiedenen, ja man kann wohl sagen, von entgegengesetzten Standpunkten aus schließlich doch zu einem gleichen Ziel gelangten. Es ist nicht übertrieben, wenn Kaufmann damals sagte, daß es sich bei diesen Uebertragungen eigentlich gar nicht um Uebersetzungen im herkömmlichen Sinne des Wortes handle. Es scheint manchmal in der Tat, als sei das Original der Uebersetzung nachgefolgt und Kenner werden bezeugen, daß die Uebersetzung manchmal viel poetischer ist als das Original, obwohl Heller zweifellos mit philologischer Schärfe die Treue gegen das Original mehr zu bewahren gewußt hat als je einer der früheren Uebersetzer neuhebräischer Dichtungen. Es sind mehr Nachdichtungen und poetische Aneignungen eines fremden Stoffes als Uebersetzungen der alten hebräischen Melodien. Wenn man bedenkt, wie der eigentümliche Geist und die Sprache der nenhebräischen Dichter eine Uebertragung in andere Sprachen erschwert, wenn man andererseits gestehen muß. daß die meisten Dichtungen sehrfließend und schwunghaft übertragen sind, so daß sie sich wie deutsche Originalgedichte lesen, so muß man die Kunst Hellers aufrichtig bewundern. Gerade in diesem Werke hat er ein wahres Meisterstück geliefert, das von dem höchsten Grad sprachbeherrschenden Virtuosentums, aber auch von einer nicht geringen Höhe eigener dichterischer Begabung Zeugnis ablegen kann. Der scharf ausgeprägte Charakter der neuhebräischen Poesie kommt hier zur vollsten Geltung und erhebt sich in einzelnen dieser Dichtungen zu einer Größe, die sich den erhabensten Schöpfungen der religiösen Poesie innerhalb der Weltliteratur ebenbürtig an die Seite stellt. Es ist deshalb dringend zu wünschen, daß dieses Werk auch im neuen Gewände viele Freunde und Leser finden möge. Wir hören so oft die Klage darüber, daß es an geeigneten Werkelt fehlt, die unsere Jugend und die Frauenwelt tvie alle des Hebräischen weniger oder gänzlich Unkundigen in den Kreis der poetischen Literatur des Mittelalters, namentlich der spanischklassischen Zeit eiuführen könnte. Nun denn, hier ist ein solches Werk gegeben, das den höchsten Anforderungen nach jeder Nichtung zu entsprechen geeignet ist. Hoffentlich findet es die Verbreitung, die es verdient und deren es bedarf, um seine volle Wirkung ausüben zu können. — Dr. S. Bern selb: Die Heilige Schrift. Ausgabe für Schule und Haus nach dem massoretischen Text neu übersetzt und erklärt nebst einer Einleitung und einem Teil der Apokryphen. (Berlin 1903, 2. Bde.) Die Bibelübersetzung Bernfelds ist bereits von maßgebender Seite in diesem Blatt besprochen worden. Was der fleißige Autor uns hier bietet, ist aber etwas ganz neues, nämlich eine Bearbeitung und Ausgabe für die Schule. Das ist ein hohes Ziel, und die Pädagogen werden darüber zu entscheiden haben, ob Bernfeld dieses Ziel erreicht hat. Wie es uns scheint, hat er im Plan und in der Anordnung jedenfalls das Nichtige getroffen, daß er nicht die Lesestücke und einzelne Teile, sotidern die ganze heilige Schrift in ihrem geschichtlich feststehenden Umfang der Jugend geboten hat. Deshalb hat er sich nur wenige Kürzungen in den historischen Büchern, in den Propheten, in den Sprüchen und im Hohenliede gestattet; mit den letzteren Kürzungen können wir uns am wenigsten einverstanden erklären, dagegen finden wir es sehr richtig, daß er auch die beiden Makkabäer- Bücher und größere Auszüge aus den Sprüchen des Ben-Sira gegebeit hat. Die Bibelübersetzung geht von denselben Grundsätzen aus wie die erste, aber es ist überall Rücksicht genommen auf die Jugend. Die Ausdrücke sind sorgfältig erwogen und in den meisten Fällen ist, ohne dem hebräischen Text Zwang anzutun. der richtige Ausdruck gefunden worden. Mit der .Verdeutschung selbst kann man wohl einverstanden sein. Sie ist vornehm und verständig, ohne die Eigenart der Darstellung und der alttestamentarischen Redeweise zu verwischen. Die Einleitungen sind knapp und übersichtlich, der Autor steht auf konservativem Standpunkt und von diesem aus beurteilt er das jüdische Schrifttum. Damit werden natürlich diejenigen nicht einverstanden sein, die da glauben, daß man auch die feststehenden Resultate der Bibelkritik der reiferen Jugend nicht vorenthalten dürfe. Es ist schwer zu sagen, wer hier Recht hat, denn adüue 8ub judice lis est. In jedem Falle ist die Arbeit Bernfelds eine verdienstliche zu nennen und das von der Verlagshandlung vorzüglich ausgestattete Werk zur Einführung in Schulen wie zur Anschaffung für Familien in hohem Grade geeignet. — Dr. Schuster: Die Reformation und der Talmud. Dresden 1903. E. Pierson. Die Ausführung eines sehr interessanten Vortrags, der namentlich mehr bietet, als man nach dem Thema erwarten konnte. In der Einleitung gibt der Autor in kurzen aber treffenden Zügen eine Geschichte der Juden in Deutschland; dann folgt eine hübsche Schilderung der Kämpfe um den Talmud zwischen Reuchlin und den Kölner Dominikanern. Die Stellung der Humanisten und Luthers zum Judentum wird kurz besprochen. Die Arbeit zeugt von redlichem Streben und tüchtiger Begabung. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für dir Redaktion: Ma? Lauchwitz in Berlin.

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