Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- Seite 369 (sequence 11)
- Language
- German
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Das mag daher rühren, weil alle Seelenakte sich am empfindbarsten in der mehr oder minder accelerierten Herztätigkeit äußern. Das Herz ist das Organ des Verstandes und der Vernunft, der Weisheit, der Kopf (Rosch) niemals. Die Bibel (A. T.). eine der ältesten und wichtigsten Urkunden des Menschengeschlechts, was selbst Delitzsch jun., den man eine»; Choragos der „Sensationswisseufchaft" nennt, anzuerkennen die besondere Gnade hatte — enthält rund 650 mal das Etymon „Kopf" (Rosch), darunter nicht ein einzigesmal als Sitz, Organ, Sinnbild oder Metapher irgend einer Seelentätigkeit, dagegen gebraucht die Bibel 800 mal das Wort „Herz" (Lebh) und darunter mehr als 750 mal als Sitz, Tropus für sämtliche Eigenschaften und Funktionen der denkenden, fühlenden und wollenden Seele! , . . Merkivürdigerweise folgt auf diese Flut in der Verwendung der beiden Wörter eine wahre Ebbe. In allen Büchern des Josefus Flavins und in allen Evangelien kommen beide. Kopf und Herz, nur höchst selten vor, aber immer nur in dem angegebenen Sinne. Schon diese Tatsache, auf die ich zuallererst hingewiesen, ist imstande, ganze Reihen tief gründender spekulativer Gedanken auf den verschiedensten Gebieten des Forschergeistes auszulösen. Biblische Redensarten und Wendungen sind durch Septuaginta, Targumim, Peschitto, Vulgata und durch die Uebersetzung Ulfilas, Luthers u. a. in fast alle Kultursprachen übergegangen. Daher rührt auch, daß der figürliche Gebrauch des Herzens für gewisse Seelentütigkeiten dominierend geworden. Wie erklärt es sich, daß die viel tausendfach durchgesiebte, exhaurierte, ausgelegte, erklärte und gedeutete Bibel keinem noch die Anregung zu der von mir aufgestellten Behauptung geboten hat? Fordert nicht die ungewöhnliche Bedeutsamkeit, welche die Bibel dem Herzen als Sitz, Symbol und Figur für sämtliche Seelenakte und -Vorgänge durch einen geradezu verschwenderischen Gebrauch beilegt, zu einer möglichst eingehenden und ausführlichen Behandlung des Gegenstandes heraus? Aus der talmudisch-agadistischeu Literatur, aus den Uebersetzern, Exegeten, Hermeneutikeru, Kommentatoren, Religions- Philosophen, Kabbalisten u. s. w. kommen nachstehende Allegate in Betracht. Ein Spruch R. Meirs lautet: „Suche mit ganzem Herzen und ganzer Seele meine (Gottes) Wege zu erkennen, an den Pforten meiner Lehre zu weilen; bewahre ineine Lehre in deinem Herzen." Beracholh 17 a. „Wer laut betet, gehört zu den Kleingläubigen, wenn er nämlich die andächtige Aufmerksamkeit seines Herzens auch leise betend auf sein Gebet richten kann." Ber. 241>. „Zwei Nieren hat der Mensch: die eine rät ihm zum Guten, die andere zum Schlechten." Es ist anznnehmen, daß die zum Guten ratende zu seiner Rechten und die zum Schlechten ratende zu seiner Linken liegt, denn es heißt (Koheleth 10, 2): „Das Herz des Weisen ist zu seiner Rechten, doch das Herz des Toren zu seiner Linken. Die Nieren raten und daS Herz erkennt, begreift und versteht." Ber. 61 b. Die Frommen richtet bestimmt und lenkt der gute Trieb, d. e. h. Psalm 36, 2: „Der Frevler sprach zum Böselvicht in meinem Herzen: Keine Furcht vor Gott ist vor seinen Augen." Ber. 61 b. „Der Kopf ist der König aller Gliedmaßen." Sab. 61„Zum Lohne dafür, daß Ahrvn neidlos frohen Herzens auf den jüngeren Brnder Moses blickte, erhielt er den Schild des Rechtes auf seinem Herzen." Sab. 139 a. „Der Gürtel des hohen Priesters brachte Sühne für die sündhaften Regungen des Herzens." Sebachim 88 a; Erachin 16 a. „Die Sonne, das ist die Stirne, der Mond, das ist die Seele." Sab. 151 b. Zwei verschiedene Ansichten, ob der Kopf oder der Leib niaßgebend sei für die Bestiiumuug des Ortes, wo ein Erschlagener gesunden wurde, finden sich Sotah 45 b. „Solange Israel nach oben blickend, ihr Herz untertänig machte ihrem Vater im Himmel, siegten sie und wurden sie von Leider; befreit." Rosch Hasch. 29 a. „Den Staub, ans dem Adam erschaffen ward, hat Gott aus der gauzen Welt zusammengehäuft: (Terresterische Ubiquitüt). Der Staub zu seinem Kopfe ward aus Palästina genommen." Sanhedrin 38 a. Rabba zu Een. 8, 5: „Abraham sprach zu den Engeln: stärket euer Herz! Es heißt nicht, wie bei den Menschen B222*? sondern mit. einen; 3, weil die Engel keinen bösen Trieb (also nur einen Trieb in; Herzen) haben. Rabba zu Lev. 24, 50 erblickt im Ethrog als dem ersten in; Feststrauße, das Syinbol des Herzens. „Sie habe;; gesündigt durch das Herz, sie wurden gestraft am Herzen und getröstet in; Herzen." Echa rabba 1.: „Ich schlafe, doch mein Herz ist wach, für Synagogen und Lehrhäuser ... in der Hoffnung und Erlösung." Gott wird das Herz Israels genannt. Rabba zun; Hohenliede 5, 2. „Warum schlägt;;;au bei Unglücksfällen reuig ans Herz? Uin zu bedeuten, daß alles vom Herzen konuut." Rab zu Koh. 7, 2. Bechai zu Exodus 28, 17, erteilt den; Boreketh in; Brustschilde des hohen Priesters die Eigei;schaft, das Herz weise zu machen. Nach Ob. Sforno zn Deuter. 6, 6. ist das Herz Sitz der Erinnerung. „Der beste Weg, an den der Mensch sich halte, ist ein gutes Herz; der ärgste Weg, von dem sich jeder ferne halte, ist ein böses Herz." Aboth 2, 13 und 14. Zu den 48 Dingen, durch welche die Thora (Gottesgelehrtheit) erworben wird, gehören die Vernunft des Herzens und Güte des Herzens. (Von; Kopfe geschieht keine Erwähnung.) Ab. 6, 6. „Die Thora beginnt mit einem 2 und endigt mit einem b, umgekehrt gelesen 2b Herz. „Die ganze Thora;vendet sich an das Herz." Othijoth d. R. Ak.: „Du sollst lieben den Ewige», deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, d. h. mit beiden Trieben, mit dem guten und den; bösen Triebe." Sifre zu Deut. 6, 5. „Das Meer hatte kein Herz, doch Gott gab ihm ein Herz, denn es heißt: „Es stauen die Fluten im Herzen des Meeres." (Exod. 15, 9.) Die Terebiuthe hatte kein Herz, doch Gott gab ihm ein Herz, denn er sprach: „Das Meer, das kein Herz hatte, komme und strafe die Aegypter, welche ein Herz hatten und dennoch Israel grausan; behandelten; die Terebinthe, die kein Herz hatte, konune zur Strafe für Absalon, der ein Herz hatte und gleichwohl die Herzen anderer gestohlen; der Himmel, der kein Herz hatte, den; aber Gott ein Herz gab, komn;e und lasse das Manna regnen für Israel zun; Lohne dafür, daß sie mit ganzem Herzen sich der Thora gewidu;et und Gott gedient." Mechilta und Tanchuina zu Exod. 15, 9. In einen; legendären Kounnentar zu Proverb (Mischle Rab. 1, 1) wird, angeknüpft an Hiob 28, 12: „Die Weisheit, woher wird sie gefunden, wo ist die Stätte der Vernunft?" erzählt: „König Salomo grübelte über den Sitz der Seele. Zwei Schriftgelehrte stritten viel später darüber, zu welchem Ergebnis Salomo gekoinmen iei. Der eine meinte, Salomo hat sich für den Kopf entschieden, der andere hingegen behauptete, für das Herz. So lautete auch die Entscheidung; denn Salomo bekannte sich zur Ansicht seines Vaters David, der da gerufen: „Ein reines Herz erschaffe mir, 0 Gott, und einen festen Geist erneuere in meinem Ji;;;ern!" (Ps. 51, 12.) Saadja, 892—942, (Ein. wed. VI. 98) läßt Wahruehinungen und Bewegungen von; Herzen ausgehen. Für Bachja Jbn.