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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 368 (sequence 10)
Language
German
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368 Begeisterung weckenden Form verkörperte und verfocht, war er es. Für Dreyfus, den Fremden, gänzlich außerhalb seines Lebenskreises Stehenden, einer angefeindeten Minorität angehörigen Verurteilten, schlug Zola Freiheit, leibliches Wohl, materielle Güter, Dichterruhm. die Liebe und Bewunderung seiner Mitbürger in die Schanze, weil das Recht, die Wahrheit, die Logik es erheischten: das brutal behandelte Recht, das an die Wurzeln seines Herzens griff und sein ganzes Hirn mit Allgewalt packte, die Wahrheit, die er nicht nur als einer der ersten und kühnsten Vertreter des Verismus, sondern auch als gottbegnadeter Wahrheitsherold verkündete. Ohne den rabbinischen Spruch zu kennen: „Wahrheit ist das Siegel Gottes" (Sabb. 55a.), mit dem Gott alle seine Geschöpfe prägte, forschte er nach diesem Gepräge bei allen Lebewesen und Lebenserscheiuungen, und da war er „kein Zwitterding zwischen Mann und Weib, gleich verdorben zum Lieben wie zum Haffen", er bekehrte sich nicht zu dem Worte des größten griechischen Tragikers „nicht mitzuhasien, mitzulieben bin ich da". In seinem Buch „Les haines“ sagte er vielmehr von sich: „Der Haß ist heilig; starke und mächtige Seelen brauchen seine Glut, um Dummheit und Mittelmäßigkeit nach Gebühr verachten zu können. Haffen ist Lieben, im Hasse erleichtert sich das Herz, der Haß übt Gerechtigkeit, der Haß erhöht uns." — La Verite betitelt sich sein letztes Werk, und la verite est en niarche, das Donnerwort, das er in der furchtbaren Krise zum Kampfesrufe machte, es konnte auf seinem letzten Gange wehdurchzittert ihm nachtönen in dem Sinne: die Wahrheit geht dahinst) Die Logik lehrte ihn aus den entsetzlichen Erscheinungen der „Affäre" den Schluß ziehen, daß die Ehre, der moralische und politische Fortbestand seines Vaterlandes gefährdet sei, daß man es von dem Abgrundsrande des Verfalles oder gar Zerfalles zurückreißen müsse. Und mit elementarer Gewalt pochte er darum an das Gewissen Frankreichs, an das Ehrgefühl lind die Denkgesetze der Welt. Siegreich kämpfte er mit dem Sturmhauche seiner hohen Begeisterung gegen die pestilenzialischen Dünste, die aus den Maremmen der finstersten Menschenseindseligkeit, der schwärzesten Lüge und Korruption, der abgefeimten Niedertracht aufstiegen — und dem giftigen Brodem eines armseligen Kamins mußte er erliegen! Sein Tod erinnert mich an einen sturmgefeiten Schiffskapitän, der die Weltmeere öfter durchquert hatte und dann auf einer Bootsahrt im Hamburger Alsterbaffin ertrank. — Zola hat seine glänzende Feder in sein Herzblut getaucht, aber der unbezivittgliche naturalistisch-veristische Trieb ließ sie auch zuweilen in die Gosse gleiten. Darob blieb ihm der palmengestickte Frack der „Unsterblichen" versagt. Doch für seine Unsterblichkeit hat er selber gesorgt. Recht, Wahrheit und Logik, die in tiefster Trauer seiner Bahre folgten, sie reichten ihm die Palme, und Palmen werden sein Grab umstehen, über seinem Haupte, über seinem Herzen wehen . . . Man verzeihe uns diese Digression und mache uns um ihretivillen nicht den Vorwurf, ,daß auch uns das Herz zu Kopfe gestiegen, weil wir uns von dem tiefen Empfinden für Zola aus der normalspurigen Gedaukenbahn in der Entwicklung unseres Themas ablenkeil ließen. Ein Herüber und Hinüber zwischen den Ansichten über die seelischen Funktionen von Kopf und Herz findet sich, wie wir später ausführlich darlegen werden, bei den griechischen Naturphilosophen von Parmeuides bis Galenus. Diese Ansichten sollen am richtigen Orte weitergeführt werden. Wie lassen ') Zolas heiligstes u»d ruhmvollstes Erbe hat nunmehr Iaures, der beredteste und lauterste Volkstribun Frankreichs angetreten: die Wahrheit wieder in Gang und dem Ziele näher zu bringen, einem Märtyrer zu seinem Rechte zu verhelfen und einen häßlichen Flecken vom Ehrenschilde seines Vaterlandes zu tilgen. sich nun diese Anschauungen von Kopf und Herz mrt der Lokalisierung der Sinnesfunktionen in einer bestimmten Gehirnpartie und in anderweitigen Assoziationscentren, wie sie Meynert, „der große Epiker des Gehirns", Munk, Charcot, Nothnagel, Flechsig u. a. bestimmten, in Einklang bringen? Sollte Pflügers Rückenmarkseele in gewissem Sinne als eine besondere „Rumpf- oder Herzseele" gelten können? Damit hat es folgende Bewandtnis: Pflüger wies, wie F. A. Lange anführt, mit vielem Scharfsinn und experimentellem Talente nach, daß enthauptete Frösche und andere Tiere, selbst abgetrennte Eidechsenschwänze, noch längere Zeit hindurch Bewegungen machen, denen wir den Charakter des Zweckmäßigen nicht absprechen können. Der interessanteste Fall ist dieser: Ein Frosch, enthauptet, wird auf dem Rücken mit Säure betupft; er wischt den Tropfen ab mit demjenigen Fuß, der dazu am bequemsten dient. Nun wird ihm dieser Schenkel abgeschnitten; er versuchts mit dem Rumpfe, und da mehrere Versuche vergeblich sind, nimmt er endlich den Fuß der entgegengesetzten Seite und vollführt mit diesem die Bewegung. Dies war keine bloße Reflexbewegmlg mehr; der Frosch scheint zu überlegen. Er macht den Schluß, daß er mit dem einen Fuß sein Ziel nicht mehr erreichen kann und deshalb versucht er's mit dem anderen. Es schien bewiesen: es gibt Rückenmarkseelen. Nur eine Seele kann ja denken! Wenn es auch eine materialistische Seele ist, darum wird nicht gestritten; der ganze Frosch ist aber in seine»: Rückenmark repräsentiert. Dort denkt er und entschließt er sich, wie eben Frösche pflegen. — Ein wissenschaftlicher Gegner uimiut nun einen unglücklichen Frosch, köpft ihn und kocht ihn langsam. Zur vollen Exaktheit des Experimentes gehört, daß ein Frosch, der sich noch seines Kopfes erfreut, mitgekocht wird, und daß noch ein geköpftes Exeinplar zur genauen Vergleichung neben das Geschirr gesetzt wird. Nun ergibt sich, daß der geköpfte Frosch sich ruhig kochen läßt, ohne gleich seinem vollständigeren Schicksalsgenossen gegen sein Unglück auzukänlpfen. Schluß: es gibt keine Rückenmarkseelen; denn wäre eine da, so hätte sie die Gefahr der steigenden Hitze merken und an Flucht denken müssen. Was sagen uns nun die Linguistik und die Sprachenphysiologie über „Kopf und Herz"? Bei den Semiten galt das Herz als Sitz und Organ des Denkens, überhaupt aller Seelentätigkeiten. Das hebräische und arabische Wort lebli, syrisch liba, Herz, bedeutet Seele in: Gegensatz zuin Leibe. Herz wird gebraucht für alle Gefühle, Affekte, Triebe und Begierden, Tugenden und Laster, Besinnung und Gesinnung, Wissen und Gewissen, Gedächtnis, Willen und Entschließungen, Pläne, Entwürfe und Vorsätze, Glauben und Forschen, für alle Seeleuakte. Denken heißt „sprechen im Herzen" und Nachdenken, erwägen, überlegen — „sprechen zum und mit dem Herzen". Keine Literatur hat so beweiskräftige Stellen hierfür auszuweisen als die Bibeln) >) Besonders nachfolgende Stellen: Gen. 17, 17; 20, 5. Exod. 7. 3, 13, 22; 35, 25. 34, 35; 36. 21. Lev. 26, 41. Rum. 15, 89; 16. 28; 24. 30. Deut. 4. 39; 5, 26; 8,5; 9. 17; 15, 9; 25. 28; 29, 4 und 18; 30. 14. Josua 22, 5; 23, 14. Richter 5. 15, 16; 16, 18. Sam. 1.2, 35; 7. 3; 13, 14; 16, 7. Sam. II. 6, 16. Kön. I. 3, 6; 9. 4. Kön.II.20, 3. Jes. 6, 10; 10. 7; 14, 13; 21. 4; 32, 4; 44. 18. Jer. 13, 22; 24, 7; 32, 40; 51, 50. Ezech. 3. 10; 13, 17; 28. 6; 32, 9; 38. 10. Hos. 10, 2. Chab. I. 5. 9. Zeph. 1. 12. Sech. 7, 10. Psalm 4. 5; 12. 18; 13, 3; 15. 2; 17, 15: 20, 5; 24, 5; 30, 2; 31, 13; 40, II; 44. 29; 45. 2; 49, 4; 73, 7; 77, 7; 83, 6; 84. 6; 90. 2; 95, 19; 112, 7; 119, 7, 69; 139, 23. Sprüche 2. 2; 4. 4; 5. 14; 6, 18; 8, 5; 10, 8, 11, 20und 28; 12, 20; 13. 12 und 32; 14, 16; 18, 15; 19. 5, 21; 20, 5; 21, 1. 28, 30; 22. 15; 28. 2, 9, 21 und 23. Hiob. 1, 5; 5, 10; 9, 4; 14. 28; 17. 4, 11, 16; 25. 3. Hoh. L. 5. 2; 8. 6. Koh. 1, 16; 2, 20, 22; 3. 11; 4, 2. 3. Esth. 6, 6. Dan. 8, 25; 10. 12; II, 25, 28. Esra 7, 10. Reh. 5. 7; 6, 8; 9. 5. Chron. I. 27. 17, 18, 19. Chron. II. 19. 9; 29. 34; 30,19.

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