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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 366 (sequence 8)
Language
German
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36« Bevölkerung von 11,7 Prozent, in Polen beläuft er sich auf 2,4 Prozent, bei einer Bevölkerung von 14 Prozent. Dazu kommt noch, daß die jüdischen Landivirte ihren Boden nicht immer als Eigentümer, sondern in sehr vielen Fällen nur als Pächter bearbeiten. In einer Reihe von statistischen Tabellen beweist Staatsrat Bloch, daß die Juden sowohl als Eigentümer wie auch als Pächter Vortreffliches leisten, daß in Polen von den 320 großen Gütern im jüdischen Besitze 147 glänzende und 103 gute Erträgnisse liefern. Aus diesen Gründen hat die Pahlensche Kommission mit 11 .gegen 4 Stimmen damals beantragt: In Anbetracht dessen, daß die jüdischen Pächter den Pachtzins pünktlich bezahlen, wohlhabend und vertrauenswürdig sind, daß ferner ein Verbot der Landpachtung durch Juden 1. die Gutsbesitzer ruinieren, 2. die Steuerkrast des Volkes herabsetzen und 3. die ökonomische Lage der Juden selbst untergrabeil würde, den Juden zu gestatten, Land zu erwerben und zu pachten. Die jüdische Armut. Leider hat die antisemitische russische Regierung die Anträge der Pahlenschen Kommission ohne weiteres verworfen. Das Ergebnis war eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende jüdische Armut, welche schließlich Dimensioilen angenommen hat, vor denen es selbst einem Herrn v. Plehwe gruselig zu werden beginnt. Professor Subotin hat über diese Armut Zahlen erbracht, bei deren Lektüre man sich an den Kopf faßt und sich entsetzt fragen muß, ob so was in eillem „Kulturstaat" wirklich denkbar ist. Schon die Pahlensche Kommission hat festgestellt, daß 90 Prozent aller russischen Juden in schweren Nahrungssorgen lebt. Seitdenl sind siebzehn Jahre verflossen und die Verhältnisse haben sich noch weiter zugespitzt. Die Vertreibung der Juden aus Moskau u. a. O., ihre rationelle Austreibung aus den Dörfern, wodurch nahezu eine Million Juden erwerbslos wurden, haben den Prozentsatz der jüdischen Armen inzwischen noch weiter wesentlich erhöht. Ferner sind durch die Einführung des Branntweinmonopols circa weitere 70 000 Juden brotlos gemacht. Dadurch, sowie durch die zahllosen Sommerbrände, welche alljährlich Millionen von Rubeln in Asche verwandeln, sind die Juden schließlich derart verarmt, daß sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Wohnhäuser zu reparieren und ein großer Teil von ihnen buchstäblich in Ruinen haust. Nach den von der 4. C. A. letzthin gesammelten Zahlen haben im Jahre 1898 nicht weniger als 132 855 jüdische Familien 709000 Seelen zum Paffahfeste die unter „Moös cliitim" bekannte Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Nach den Angaben Borodowskis sind unter den 150000 Juden der großen Handelsstadt Odessa 33 Prozent reine Proletarier, die heute nicht wissen, ob sie morgen noch zu effen haben werden. Wer alle diese Zahlen liest, muß mit der Pahlenschen Kommission zu dem Ergebnis gelangen, daß die Beschränkung der Rechte der Juden einen Rückschritt bedeutet und Gesetz, Vernunft und Gerechtigkeit es gebieterisch fordern, daß jedem menschlichen Wesen in seinem Vaterlande sein natürliches Recht werde, das Recht, überall wohnen zu dürfen. Das ist das erste Menschenrecht. Dies natürliche Recht hat Rußland wider „Gesetz, Vernunft und Gerechtigkeit" bis jetzt den Juden vorenthalten. Die Zukunft wird lehren, daß es selbst dabei an, schlechtesten fahren wird. Denn jede Schuld rächt sich auf Erden. örirk aus Italien. ie Augen der Welt sind zur Zeit riach R o m gerichtet, der „Hauptstadt der Welt", wie sie auch Goethe einst genannt hat. Wir Juden zollen dem Charakter und der Seelengröße des dahingeschiedenen Papstes Leo Xlll. volle Anerkennung; von ihm gilt das Wort der heiligen Schrift, daß die Gerechten noch im Alter blühen. Dieses außergewöhnlich hohe Alter verhinderte aber auch Leo XIII. bei aller Geistesfrische, auch in solchen Fragen der Gegenwart die Autorität seiner weltumspannenden" Kirche zur Geltung zu bringen, wo es für das Ansehen des Katholizismus durchaus notwendig gewesen wäre. Hatten doch frühere Päpste zur Abwehr der schändlichen Beschuldigung des Ritualmordes ihre Stimme erhoben. Inwieweit Leo XIII. in der Dreyfusaffaire und bei dem Vordringen der Antisemiten um Lueger in Oesterreich noch nach eigenen Intentionen den Klerikalismus zu leiten im stände war, wird die Geschichte lehren. Jedenfalls ist heute in der Welt dafür gesorgt, daß selbst einem intransigenten Papst die Weltherrschaft etwas schwerer fallen dürfteals in jenen dunklen Zeiten, aus denen uns jeder Stein im römischen Ghetto von trüben Stunden für unsere Glaubensbrüder berichtet. Eher ist zu hoffen, daß ein künftiges Oberhaupt der universellen römischen Kirche die Sorge für die gemeinsamen Grundlagen der Religion und deren Erhaltung höher stellen wird und muß, als vereinzelte politische Schachzüge. Das wirkliche Ansehen der Kirche, welche moralisch die Herzen der Menschheit zu leiten als ihre Aufgabe betrachtet, hätte nur gewinnen können, wenn das Papsttum zum Beispiel gegen solche schändliche Greuel wie das Gemetzel in Kischineiv scharfe Worte der Verurteilung gefunden hätte. Tolstoi dagegen hat trotz der Ausschließung aus der griechisch-orthodoxen Kirche schon heute in der Welt ein gewaltiges Ansehen, ohne den mächtigen Apparat der Kirche. Aller Pomp und Macht kann dem Papsttum, deffen Ansehen in der imponierenden Persönlichkeit Leos XIII. sich zu stolzer Höhe erhob, nicht soviel nützen, wie der einfache Weg der Menschenliebe und Gerechtigkeit. Die Welt geht nun einmal vorwärts — das predigt jeder Stein auch im heutigen Rom. Trotzdem das Ghetto bereits gefallen ist — oder vielleicht auch gerade deshalb. Etwas davon ist freilich noch geblieben. Im ehemaligen Ghetto gab es noch vor 20 Jahren eine Mazzenstraße (via delle azzimelle), wo zum Paffahfeste die ungesäuerten Vrode, die pa»e8 azymi, gebacken wurden. Gibt es sogar ein italienisches Sprichwort, wonach die Juden das meiste Geld zu ihrem Paffahfeste ausgeben, die Mauren ans Hochzeiten und die Christen bei Prozessen. „I Gindei in pasqua, i Moni in nozzo, i Christiani in piatire.1* Auf der Mazzenstraße wohnt auch der sogenannte Schabetbäcker, der das schon von Heinrich Heine gerühmte Göttergericht bis Sonnabend mittag in seinem eigens dazu eingerichteten Backofen der Vollendung entgegenführt. Für zwei Gerichte genießen die römischen Juden, die einst hier im Ghetto so verachtet waren, daß sie an einer Kirche an einem Festtage in ihren Vertretern drei Maulschellen in Empfang nehmen mußten, heute sogar einen Weltruf, für — Fische und Artischocken. Dieser Tage erst beschrieb wieder der römische Korrespondent eines großen Weltblattes die seit Jahrzehnten bestehende altberühmte Trattoria des Vater Abraham, gelegen unweit des Tiber auf dem Gebiet des ehemaligen römischen Ghetto, wo jetzt im Frühling alle Welt Fische und Artischocken ä la gintlea (auf jüdische Art) ißt. Diese „eartiofolata“ im April ist für Hoch und Gering Tradition. Gern erzählt „Vater Abraham", wie die Mitglieder der Aristokratie und die Fremden sein Haus aufsuchen, darunter die

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