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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 365 (sequence 7)
Language
German
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365 I schließlich auf den Kleinhandel zu beschränken. Daher kommt cs, daß, während bei den Nichtjuden erst der 600. Mensch Handel treibt, bei den Juden schon der 120. Mensch Händler ist. Der Verdienst dieser jüdischen „Kaufleute" ist minimal und erreicht bei vielen von ihnen kaum einen Rubel täglich. Ueberhanpt erhält sich der jüdische Kaufmannsstand l>ei dem drückenden Mangel an Kapital nur dadurch, daß der Jude direkt vom Produzenten bezieht und nach dem Prinzip des raschen Umsatzes bei minimalem Gewinn verführt. Der Verdienst des jüdischen Händlers bewegt sich daher;wischen 2—5 Prozent, während der russische Kaufmann bei einem Verdienst von 10—15 Prozent noch schwört, daß er an dem Geschäft nichts verdiene. Es ist also ohne weiteres verständlich, warum der jüdische Kaufmann als ein rühriger und gefährlicher Konkurrent von dem christlichen bitter gehaßt wird, ebenso jedoch ist es ersichtlich, daß vom Standpunkte des Konsumenten, das ist dem Gros des russischen Volkes, aus betrachtet, der jüdische Kaufmann ein wahrer Segen ist; werden ja durch sein Vorgehen die notwendigsten Bedarfsartikel wesentlich verbilligt. Aber auch für den Produzenten ist der jüdische Kaufmann von unschätzbarem Wert. Der auf dem flachen Lande wohnende jüdische Händler tritt nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Käufer auf. Er versieht nicht blvs den Bauer zu billigen Preisen mit Bedarfsartikel», sondern kauft ihm zu guten Preisen seine Erzeugnisse ab und setzt diese im Auslande ab. Die jüdischen Kaufleute sind auch die Träger des auswärtigen Handels, und Rußlands Aus- und Einfuhr mürben ungeahnte Dimensionen annehmen, wäre es den Juden gestattet, überall in Rußland wohnen zu dürfen. Welcher Segen der Jude für den kleinen Produzenten ist' bat Bloch an der Hand eines einzigen grellen Beispiels beiviesen. Im Gouvernement Nishegorod gibt es ein mehrere Tausend Familien zählendes Dorf Pawlowo, dessen Beoölkerung Hausindustrie treibt. Bis zum Jahre 1889 waren die Bewohner von Pawlowo im Grunde nichts weiter als die unglücklichen Lohnsklaven einiger russischer Kapitalisten, die die Notlage der Bauern aufs Gewissenloseste ausbeuteten und ihnen für ihre Produkte geradezu Hungerlöhne zahlten. Da kamen eines Tages einige Juden ins Dorf und begannen den armen Heimarbeitern für ihr Produkte Preise zu zahlen, wie üe sich die Leute nicht einmal in ihren kühnsten Träumen gedacht haben. Natürlich konnte dies den christlichen Ausveutern nicht passen, und sie ruhten nicht eher, als bis die Juden aus Pawlowo ausgewiesen wurden, wodurch die Bauern >on neuem gezwungen waren, ihr Produkt zu den früheren Preisen zu verkaufen. Nun geschah aber etwas unerwartetes: Die im Judenhaß großgewordenen Bauern schickten eine Deputation an den Gouverneur, um den Juden das Wohnrecht in Pawlowo zu erwirken. Die Juden in der Industrie. In der Industrie lehmen die Juden Rußlands keinen hervorragenden Platz An. Denn noch weit mehr als im Handel ist der Kapitalbesitz >l der Industrie eine conditio sine qua non, und die als so - eich verschrieenen Juden haben kein Geld, um als Industrielle hervorzutreten. Daher kommt es, daß sie in Rußland nur zu!6 Prozent an der Industrie beteiligt sind, während sie in den Dtadten des Ansiedelungsrayons doch über 42 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Daß es nur Mangel an Kapital ist, was die Juden von der Industrie fern hält, beweist die Tatsache, daß die Beteiligung der Juden an industriellen llnternehmen in umgekehrtem Verhältnis zu den in diesen llnternehmen steckenden Kapitalien steht. Je mehr Kapital dies Unternehmen erfordert, desto geringer wird die Beteiligung der Juden au demselben. In Mittelzahlen ausgedrückt, beträgt der Wert einer jüdischen Fabrik in Rußland 32 000 Rubel, während jede im Besitz eines Nichtjndeu sich befindende Fabrik einen Wert von 78 000 Rubel repräsentiert. Die Juden als produzierende Arbeiter. Sehr wenig für die „jüdische Ausbeutung" spricht die Beteiligung der Juden an allen körperliche Arbeit erfordernden Beschäftigungen. Nach Professor Subotin waren im Jahre 1898 in Rußland 139 000 Juden in allen Zweigen der Landwirtschaft, 176 000 in der fabrikmäßig betriebenen Industrie (und zwar waren 64 000 in Wochenlohn und 112 000 im Tagelohn) beschäftigt. 450 000 Juden waren als Meister, Gesellen und Lehrlinge tätig. Das macht schon allein 765 000 Inden aus, die ausschließlich vor» ihrer körperlichen Arbeit leben. Rechnet man noch die Zehntausende von Juden hinzu, welche als Kutscher, Erdarbeiter, Last- und Wasserträger, sowie sonstige ungelernte Arbeiter leben, so ergibt sich die enorme Zahl von mindestens 800 000 Arbeitern. Während erst jeder 120. Jude im Handel tätig ist, ist schon jeder 6. Jude in Rußland ein unbestrittener Produzent. Die erdrückende Mehrheit des jüdischen Volkes in Rußland erwirbt sich nicht als Ausbeuter, sondern im Schweiße ihres Angesichts als Ausgebeutete ihr tägliches Brot. Die Juden als Handwerker. Auffallend und geradezu anormal ist die starke Beteiligung der Juden am Handwerk. Schon die Pahlen'sche Kommission hat herausgefunden, daß es in Rußland 235 000 jüdische Meister und Gesellen, sowie 67 000 Lehrlinge gibt. Diese erschreckende Zahl von Handwerkern hat sich in den letzten 17 Jahren noch ganz bedeutend weiter vermehrt, da durch die Maigesetze viele Tausende von Inden verarmt und gezwungen worden sind, zum Handwerk zu greifen, was sie sicherlich vermeiden würden, wenn sie eine Wahl hätten. So waren 1897 im Gouvernement Kowno 12,4,im Gouvernement Wilna 13,1 und im Gouvernement Grodno gar. 18,1 Prozent aller Juden Handwerker. In manchen Gegenden erreichte die Zahl der jüdischen Handwerker geradezu monströse Dimensionen. So sind in Schawly (Gouvernement Kowno) 42 Prozent, im Städtchen Molodetschna bei Wilna gar 76 Prozent aller Juden über 14 Jahre Handwerker. Es ist ein Rätsel, wovon alle diese Handwerker nur leben, und weshalb sie zu Hause bleiben, statt nach dem ihnen als Handwerker doch offen stehenden Innern Rußlands auszuwandern! Die Juden als Landwirte. Die Zahl der jüdischen Landwirte ist in Rußland sehr gering. Die Gründe dafür sind allbekannt: Die Juden dürfen im Ansiedelungsrayon außerhalb der Städte weder wohnen noch Land erwerben. Dennoch haben sie, vermöge ihrer phänomenalen Energie, das Wunder vollbracht, quasi auf.dem Straßenpflaster der Städte Landwirtschaft zu treiben, wie die große Zahl der jüdischen Gärtner, Winzer, Tabakpflanzer und Obstzüchter in Rußland beweist. Daneben haben sie es verstanden, bei günstiger Gelegenheit auch außerhalb der Städte Grundbesitz zu erwerben. So wurden in Polen, wo ihnen seit 1860 der Landankauf gestattet ist, von den Inden bis zum Jahre 1901 im ganzen 292 000 Hektar Land erworben. In den 15 Gouvernements des übrigen Anfiedelungsrayons erwarben sie einschließlich der zahlreichen jüdischen Familien im ganzen 983 000 Hektar. Dazu kommen noch die von den jüdischen Kaufleuten außerhalb des Rayons erworbenen 1120000 Hektar, so daß der gesamte Grundbesitz der russischen Inden zur Zeit etwa 2 936 000 Hektar betragen dürfte, von dem freilich ein ganz erheblicher Teil unzugängliche Waldungen darstellen dürfte, die, im Besitze christlich er Gutsbesitzer nahezu wertlos, im jüdischen Besitze jedoch sehr ertragreich werden würden. Aber selbst dieser umfassende Grundbesitz ist im Verhältnis zu der großen jüdischen Bevölkerung Rußlands nahezu verschwindend klein. So beträgt der jüdische Grundbesitz im Ansiedelungsrayon nur 1,4 Prozent bei einer jüdischen

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