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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 362 (sequence 4)
Language
German
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362 der Konfession gefragt wird, wo man für die Forderungen unserer religiösen Bedürfnisse in keiner Weise auch nur die geringste Fürsorge trifft! Da -sollten wir nicht klagen über den Untergang eines Reiches, in dem ein Gesetz, ein Recht galt, wie für de» Einheimischen so für den Fremden, sollte unser Herz nicht bis ins Tiefste erschüttert werden beim Gedenken dessen, was unsere Bekennerschar der Welt geleistet hat und wie schlecht ihm gedankt wird? Das Heiligtum in Jerusalem sank in Schutt und Trümmer, auf daß Israel inmitten der Völker Gott das Heiligtum seiner Erkenntnis und Verehrung errichte — es hat diesen Tempel mit allen Kräften, unter den schwersten Opfern rmd Entsagungen gebaut, nun will man niis nicht blos dieses Zugeständnis versagen, man schließt uns gerade aus von den Strahlen der Beseligung, die von eben diesem Heiligtums ausgehen! Und darob sollten wir nicht trauern? Aber nur trauern und klagen, nicht etwa verzweifeln und unmutig sein! Der 9. Ab fällt immer ans den Wochentag, an dem das Passahfest seinen . Einzug gehalten. Durch dieses zeitliche Zusammentreffen gewinnen wir die sinnbildliche tröstliche Deutung: Gottes Vaterliebe hat Israel in Mizraim die Fesseln gelöst und ihm das dort erfahrene Leid zur erhebenden Erinnerungsfeier des Passah gewandelt, sollte er nicht die Kraft besitzen, das noch fortdauernde Weh, das mit dem 9. Ab des Jahres 78 begonnen, ein für allemal zu beseitigen und zu einem Quell neuen Segens zu gestalten? In diesem Vertrauen gewinnen >vir Mut und Standhaftigkeit, auf unserer Stelle zu verharren, weiter für die Ideen der Bibel zu schaffen und zu wirken, zu leiden und zu dulden. Wir grollen nicht und ziehen uns nicht scheu vom Getriebe der Welt zurück, sondern führen fort den Kampf des Geistes für alles Gute und Edle, für Gottesfurcht, Menschenliebe und Sittlichkeit. Hierzu möge uns der 9. Ab von neuem anspornen, dann erblüht uns aus der Trauer der einzig wahre Trost! s-SB* Sir Woche. B Berlin, 28. Juli. chon jetzt beginnt die Arbeit für die Landtagswahlen. Für uns ist es natürlich von besonderem Wert, die Stinunung der einzelnen Parteien kennen zu lernen. Hören wir zunächst, was die Regierung allen Parteien gleichmäßig verkündet. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", deren Organ, widmet nämlich in einem Rückblick auf die Reichstagswahlen den politischen, sozialen und konfessionellen Gegensätzen folgende Betrachtung: „Daß wir die politischen und sozialen Gegensätze nicht ans der Welt schaffen können, dessen sind wir uns durchaus bewußt. Wir sind aber auch der Meinung, es sei kein patriotisches Beginnen, die auf seiten der bürgerlichen Parteien vorhandenen Gegensätze noch durch künstlich geschaffene zu vermehren oder die bestehenden zu verschärfen, wie es z. B. durch die Betonung der konfessionellen Unterschiede geschehe» würde, deren praktische Geltendmachung im politischen Leben kein besonnener Mann im Ernst wünschen kann." Das ist wohl an die Adresse der Antisemiten auch gerichtet, aber es wird wenig nützen. Bedeutsamer sind die Mahnungen zur Einigung der liberalen Parteien, und wir ziveifeln keinen Augenblick, daß ein solcher Zusammenschluß aller liberalen Elemente auch für den Kampf gegen den Antisemitismus von großem Nutzen sein könnte. Aber es ist auch durchaus notwendig, daß die hierzu berufenen jüdischen Kreise rechtzeitig und eingehend sich mit der Frage unserer Stellung zu deil Landtagswahlen beschäftigen. Vor allein erscheint es uns als wichtig, daß die Organisationen zur Bekämpfllng des Antisemitismus bei den nächsten Wahlen durch allgemeine Teilnahme weiterer Kreise in den Stand gesetzt werden, besser zu funktionieren und mehr in den Kampf einzngreifen. als dies bei den Reichstagswahlen, vor allem aus Mangel an Mitteln geschehen konnte. Wüßten die Antisemiten nur, welche ungeheure Lüge die Fabel ist von dem Judengeld, das bei den Wahlen eine so große Rolle gespielt hat! Vielleicht wäre es das Beste, wenn das Komitee zur Abwehr des Antisemitismus vor den Landtagswahlen wieder in Aktion treten würde. Dazu gehören allerdings Mittel — aber wir glauben, daß angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse, angesichts der drohenden Gefahren, die gerade von einem reaktionären Abgeordnetenhause zu gewärtigen sind, die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen, wenn sie rechtzeitig angerufen ivird, auch diesmal sich bewähren wird. Nur ist es notwendig, daß bald etwas geschieht. Caveanl j consiiles! * Eine dreigliedrige jüdische Deputation aus Odessa, bestehend aus dem Industriellen Grünberg, dem Advokaten Königschatz und dem Fabrikanten Goldenstein, erschien vor kurzem in Petersburg bei dem Minister des Innern v. Plehwe, um ihn auf die Lage der Juden in Rußland aufmerksam zu machen und eine Besserung dieser Lage zu erwirken. Ueber diese Audienz liegen folgende interessante Einzelheiten vor. Minister v. Plehwe hörte die Ausführungen der Deputation ausinerksam an und gab hierauf folgende Antwort: „Die Juden in Rußland sind ein fremdes Volk, sie müssen daher bescheiden sein. Doch, meine Herren, wir wollen die Lage der Juden verbessern. Allein teilt der jüdischen Jugend, euren Söhnen und Töchtern, der ganzen jüdischen Intelligenz mit, daß sie nicht glauben sollen, Rußland sei ein alter, in Verwesung begriffener Organismus; das kerngesunde Rußland wird die revolutionäre Bewegung zu bewältigen wissen. Die Ansicht der Juden als von Feiglingen ist unrichtig. Die Juden sind ein mutiges Volk. In Südrußland bilden die Juden 90, im Innern Rußlands 40 Prozent der Revolutionäre. Wohl beunruhigt uns die immer zunehmende revolutionäre Bewegung, aber wir werden sie schon vernichten. Aber wisset! Wenn es euch nicht gelingen sollte, die jüdische Jugend von der Teilnahme an der revolutionären Bewegung zurückzuhalten, werden wir eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß die Juden bis auf den letzten Mann Rußland werde»: verlassen müssen. . . ." Die Bitte der Deputation, den Zar zur Gewährung einer Geldspende zu Gunsten der Juden von Kischinew zu bestiminen, wies Plehive zurück. Das Ersuchen der Deputation, ihr eine Audienz beim Zar zu erwirken, erklärte Plehive nur unter der Bedingung erfüllen zu wollen, »venn die Deputation dein Kaiser den Dank der Juden für die ergriffenen energischen Maßnahinen zur Unterdrückung der Uilrilhen in Kischinew ausdrücken werde. . . . Eine viel deutlichere Antwort gab jedoch der jüdischen Deputation Senator Gerard, das einflußreichste Mitglied des rilssischen Reichsrates. Ersagte ihr,wiedieStuttgarter„Osswoboschdenje" meldet, wörtlich : „Ich persönlich bin davon überzeugt, daß es für Rußland ein Glück ivüre, ivenn mau den Juden das Wohnrecht in ganz Rußland eiiiräumen wollte. Das russische Volk ist unbeweglich, unwissend, die Juden dagegen sind unternehmungslustig, energisch. Sie würden den Handel und die Industrie auf gebührende Höhe bringen. Es rväre jedoch ein großes Verbrechen, den Juden in dieser Beziehung irgen

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