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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-31 · Heft 31 (31.7.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 31. Berlin, 31. Juli 1903. eitung desAudenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 9** Ludwig PHMpxsoir. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lum neunten Ab. Berlin, 28. Juli. us den Trümmern der zerstörten Gottesstadt sitzt der Mann, der das Elend mit eigenen Augen geschaut hat, der Prophet Jeremias, und sinnet über vergangene Tage. Da tritt ihm das ganze Weh seines Volkes vor seine Seele, und voller Wehmut klagt er ebenso innig wie ergreifend: „Er sättigte^mich mit bitterem Kraute und füllte mich au mit Wermut." Anknüpfeud an diesen Satz aus den Klageliedern entwickelten des Midraschs Weisen in knappen Worten einen gar schönen Gedanken, der uns mehr denn je in diesem Jahre vertraut erscheint. „Er sättigte mich mit bitterem. Kraut" -- das weist hin ans die Nacht des Passahfestes, wo bittere Kräuter zur Erinnerung auf den Tisch des Israeliten kommen sollen, — „und füllte mich mit Wermut," — in der Nacht des 9. Ab näinlich, in jener Unglücksnacht, da Elend und Not über unsere Glaubensgemeinschaft hereinbrach. „Des Passahfestes erster Tag," so schließen die Alten, „und der Tag der Zerstörung Jerusalems werden alljährlich an dem gleiche»» Tage der Woche begangen." Ziveierlei Arten von bitteren Empfindungen gibt es, welche die vom Stamrne Juda durchzukosteu haben. Neben den Erinnerungen an überstandene Not ruft das Leid, das Israels Bekennerschar immer von neuem erfährt, Schmerz und Wehmut in ihrem Herzen hervor. An» Passahabende geivahren »vir das Bitterkraut auf dem Tische, und damit schweifen unsere Blicke in die fernste Vergangenheit nach Aegypten zurück, wo das Volk Israel unter Leid und Druck geboren »vurde, und das Fest der Befreiung könnte leicht in uns die Vorstellung erwecken, als ob für uns alle Not uird Verfolgung der Vergangenheit angehört. Kommt dan>» der 9. Ab heran mit seine»» traurig-ernsten Weisen, so belehrt er uns, daß unsere ganze Geschichte bis in die neueste Zeit eine ununterbrochene Kette von Leiden und Entbehrungen bedeutet. Welcher Tag »väre auch mehr geeignet, uns diese tiefschmerzliche Kunde zu bringen als ebendieserü.Ab? Er ist ja nicht bloß derTag, ai» dem mit der Einäscheruilg des Heiligtums Judas Reich zusainmenbrach, auch i>» der »veiteren Geschichte hebt er sich ernst und finster ab; an einem 9. Ab war es auch, wo im Mittelalter Hunderttausende von Juden, nur »veil sie Juden ivaren, von Jberiens lachenden Fluren Abschied nehmen »nutzten, um sich auf unbekannter Erde eine neue Heimat zu suchen. In diesen» Jahre niußte es jedem durch das ain Freiheitsfeste Gescheheile klar werden, »vie »venig frei »vir sind, »vie »vir noch immer der Laune und Willkür der Menschheit preisgegeben, wie der Funke des Hasses beständig gegen uns glimmt und es nur eines leisen Lufthauches bedarf, um zur hellen, lohen Flainme angefacht zu werden. Die da bisher mit stolzer Geberde es als überlvunden erachteten, »>»» den einstigen Untergang des Reiches Juda zu trauern, es als we»»ig zeitgemäß ansahen, in die alten Klagen des Propheten Jeremias um den Ruin der heiligen Stadt einzustiinmen, sollte ihnen nun nicht die Binde von den Augen genommei» sein? Wer könnte wohl an diesem 9. Ab nicht mit Schrecken zurückdenke»» a»» all' das unsägliche Elend, das »»nsere Glaubensgenossen im finsteren Osten noch heute zu erdulden haben? Was anders ist dann unsere Klage um Zion als die Trauer darüber, daß all' die herrlichen Ideen, die von Zion ausgegangen, noch inliner nicht allgemeine Anerkennung gefunden? Darüber zu klagen sollte nicht zeitgemäß sein? Zeitgemäß ist allerdings nicht der Grund zu unserer Trauer. Ach, daß »vir jene Klage in »»nsern Tagen noch in gleicher Schärfe erheben »Nüssen! Daß sich den Märtyrern von ehedem die hinzugesellen, die aus ne»»ester Zeit, — die von Kischinew! Wollte »nan sich etwa mit der Unkultur der Anstifter jener Frevel trösten, — auch das ist u»»s benommen, irachdem auch nicht ein Fünkchen von Zweifel übrig geblieben, daß jene Greuel nicht etwa der plötzliche Ausbruch der elelnentaren Volkswut »vareu, sondern von längerer Zeit vorbereitet wurden und unter den Augen der Behörden, ja auf ihr Betreiben sich abspielten. Klagen »vir nur aufrichtig und innig; schließlich brauchen »vir nicht bis nach de»»» Osten z>» gehen, um hierzu Vera»»lassung zu finden. In unser»» eigenen Landen geivahren wir ja gleichfalls soviel des Niederdrückenden und Beschämenden! Was bedeutete der ganze Kampf, der u»»» die Bibel geführt wurde, im letzten Ziele a»»deres als eilten Kainpf gegen die, »velche ihre Bringer und Träger si»»d? Die Ideen der Bibel haben die Welt erobert, haben die Kulturlverke der Menschheit begründet, sind der Pulsschlag alles Seins gelvorden, das kann nicht in Abrede gestellt »verden, da vollzieht sich das Schauspiel — eine Tragödie ist's zu uenneu — daß mau entiveder der heiligen Schrift jede Originalität abspricht oder die Mutter so tief als nur möglich herabsetzt, um die Tochter in desto hellerem Glanze erstrahlen zu lasser». Das ist in unseren» lieben Vaterlande erfolgt und zwar von» hohen Koth»»rn der Wissenschaft herab. Es ehrt unser deutsches Reich auch keineswegs, wenn sich in seiner Volksvertretung noch immer Leute finden, die zun» Klasse»»- und Rassenhaß mit allen nur erdenklichen Mitteln aufreizen und zur Erreichung ihrer Pläne vor nichts zurückschrecken. Solange solches noch »»»öglich ist, wird es immer n»»r Wunsch bleiben, »vas »vir zu fordern berechtigt sind: daß die Gleichberechtigung uns gegenüber endlich auch in der Praxis durchgeführt »verde. Wie »veit sind wir noch davon entfernt in eiuern Lande, »vo bei Besetzung von Aemtern nach

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