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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 357 (sequence 11)
Language
German
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Zahlreiche Abhandlungen, Aufsätze, Skizzen mtfr Fragmente naturwissenschaftlichen, medizinischen, philosophischen, technologischen und biographischen Inhalts ließ Sachs teils mit, teils ohne seinen Namen in verschiedenen angesehenen Zeitschriften erscheinen, zum Beispiel in Gubitz' „Gesellschafter", im „Jreimüthigen", im „Kometen", in der Haude-Spenerschen und und Vossischen Zeitung, in dem Preußischen Stadt- und Landboten, in der „Gemeinnützige", preußischen Gewerbszeitung re. Nach dem Muster von Pierer's „Medizinischen Annalen", welche damals in Leipzig erschienen und die angesehenste medizinisch-wissenschaftliche Zeitschrift war, begründete Sachs die „Berliner medizinische Centralzeitung". Damals gehörte noch zur Herausgabe einer Zeitung eine behördliche Konzession, und diese wurde ihm als Jude unter so ungünstigen Bedingungen bewilligt, daß ihm ziemlich allgemein das Mißlingen seines Unternehmens prophezeit wurde. Aber diese Schwierigkeiten stachelten nur um so mehr seinen rastlosen Eifer an. Durch unermüdliche Tätigkeit wußte er die „Medizinische Centralzeitung" schnell zu einem führenden Blatt der Heilwissenschaft zu machen, die nicht nur eine Verbreitung fand, wie sie damals noch keine andere medizinische Zeitschrift hatte, sondern auch unter den Aerzten großes Ansehen und eine gelvisse epochale Bedeutung hatte. Ebensolchen Beifall fand auch sein medizinischer Almanach, den er seit dem Jahre 1835 alljährlich herausgab. Im Jahre 1837 übernahm Sachs dann noch die Redaktion der vordem von Bluffs heransgegebenen Jahrbücher der Fortschritte der Medizin, die seitdem unter dem veränderten Titel eines repertorischen Jahrbuchs für die Leistungen der gesamten Heilkunde erschienen und 1843 mit dem vorhin erwähnten Almanach verschmolzen wurde». Diese vielseitig literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit blieb für Sachs nicht ohne Anerkennung der weitesten Kreise. Die Universität Erlangen ernannte ihm zum Doktor der Philosophie; die Hochschule zu Gießen zum Doktor der Medizin. Mehrere gelehrte Gesellschaften nahmen ihn unter ihre Mitglieder auf, so die Lociete medicale demulation in Paris, die Kaiserlichen und Königlichen Gesellschaften der Aerzte in Wien und St. Petersburg, die Lociete de Liences medicales et naturelles und bet Cercle medico-cliirurgieal in Brüssel, die medizinische Sektion der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur in Breslau, die Sozietäten für Natur- und Heilkunde in Bonn uild Dresden, die Gesellschaft zur Beförderung der Naturforschung zu Halle und zu Freiburg im Breisgau, die inedizinischen Gesellschaften zu Gent, Leipzig und Warschau und andere mehrere. Er war auch Ehrenmitglied der Kaiserlich russischen medizinisch-chirurgischen Akademie in Wilna und St. Petersburg; der Wetterauischen Gesellschaft für die gesamte Naturkunde in Hanau; des Vereins der Medizinalbeamten im Großherzogtum Baden; der naturforschenden Gesellschaft im Haag; der Societe medico-chirurgicale zu Brügge und der medizinisch-chirurgischen Gesellschaft im Kanton Zürich. Alle diese Mitglied- und Ehrenmitgliedschaften beweisen das hohe Ansehen, dessen sich Sachs in den internationalen Gelehrtenkreisen erfreute. Während seines Aufenthalts zu Dobberau im Jahre 1841, wo er das dortige Seebad besuchte, verlieh ihm der Großherzog vcm Mecklenburg-Schwerin den Titel eines Medizinalrats. Aber wo Ansehen nnd Anerkennung blüht, pflegt auch der Neid zu gedeihen. Und gerade als Sachs im Zenit seines wissenschaftlichen Ruhmes stand, nahm sein Schicksal durch Neid und Mißgunst der Menschen eine ungünstige Wendung. Der Buchhändler Hirschwald, bei dem die Centralzeitung erschienen war, dem aber Sachs aus irgend einem Grunde den Vertrieb entzogen hatte, wurde ihm feindlich gesinnt, und eine größere Anzahl jüngerer Aerzte und Chirurgen, die er einmal wissenschaftlich angesehdet hatte, bildeten schließlich mit dem genannten Verleger ein förmliches Komplott. Daß es Sachs, der in seinen Schriften gegen jede Charlatanerie zu Felde zog, ohnedies nicht an Gegnern und Feinden fehlte, kann man sich denken. Sv wurde denn plötzlich ein heißer Kampf daraus, in welchem außer dem genannten Buchhändler noch besonders der Geheimrat Dieffenbach, Professor Bischof, die Doktoren Jppel nnd Vetter als Hauptgegner von Sachs beteiligt waren. Aber aus dem Federkriege entstanden eine ganze Anzahl Prozesse, und Sachs, der durch diesen Kamps in seiner Gesundheit geschwächt, noch dazu an einem hartnäckigen Augenübel erkrankte, das ihn mit gänzlicher Erblindung bedrohte, war durch alles dies so gereizt, daß er sich zu Aeußerungen verleiten ließ, die mindestens als formelle Beleidigung anzusehen waren, so daß er in verschiedenen Prozessen verurteilt wurde. Freilich hatte er die immerhin zweifelhafte Genugtuung, daß anch seine Gegner bei den beiden Klagen nicht ganz frei ausgingen. Indessen hatten diese Umtriebe ihn so mitgenommen, daß er an einem Nervenleiden schwer erkrankte, in dessen Folge er im besten Mannesalter dahinstarb. Dr. W. Hoffbauer hat seine Krankheitsgeschichte im 11. Stück der Allgemeinen medizinischen Central- Zeitung vom Februar 1846 genau geschildert. In der Rede, welche der Lehrer der israelitischen Gemeinde A. I. Cohn an seinem Grabe hielt, äußerte er unter anderm: „Des Schicksals Schläge, Kränkungen nnd Verfolgungen von seiten erbitterter, unversöhnlicher Feinde, körperliche Schmerzen und geistige Leiden umnachteten seinen Todespfad. Dennoch blieben drei freundliche Sterne, die ihm nie erloschen: Religion, die Achtung edler Menschen, die seinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren ließen, und die Liebe und Treue seiner Gattin, mit der er seit 1839 in einer sehr glücklichen, durch mehrere Kinder gesegneten Ehe lebte." In den „Biographien berühmter Zeitgenossen" (Altenburg 1849) heißt es noch über Sachs: „Seine Religiosität bestand weniger in der strengen Beobachtung formeller Gebräuche, als in dem unerschütterlichen und tröstenden Glauben an die Allmacht, Weisheit und Güte Gottes nnd in gewissenhafter Erfüllung seiner moralischen Gesetze. Die Religion seiner Väter zu verlassen und sich zum Christentum zu bekennen, harmonierte nicht mit seinen Grundsätzen, obgleich ihin sein Ehrgeiz sagte, daß er dadurch sich Hütte höher emporschwingen und seinen Wirkungskreis erweitern können. Er wollte beit Schein des Egoismus vermeiden, in den er durch einen solchen Schritt leicht geraten konnte. Die ihm übertragene Stelle eines Sanitätsbeamten bei der im Jahre 1831 in Berlin konstituierten Oberverwaltungsbehörde des Gesundheitskomitees gab er auf, weil seine Glaubensgenossen daran keinen Anteil nehmen dursten. Ein achtenswerter Zug in seinem Charakter war echte Humanität, die er nicht bloß in Worten zur Schau (trug, sondern durch Taten bewährte. Er war immer bereit, Hilfsbedürftige zu unterstützen und scheute in dieser Hinsicht kein Opfer. Seine rechtliche Gesinnung verschmähte den schlüpfrigen Weg, sich einer Partei anzuschließen und um ihre Gunst zu buhlen. Dadurch legte er den Grund zu seinen Verfolgungen, seinen Leiden und seinem frühzeitigen Tode. Ein zuverlässiger Freund war er allen, die er seiner Liebe und Achtung wert hielt. Unter rastlosen Anstrengungen, unter dem bitteren Kampf mit Not und vielfachen Hindernissen hatte er ein ehrenvolles Ziel erreicht, dies Gefühl gab ihm eine verzeihliche Selbstgefälligkeit, durch die er die Zahl seiner Gegner und ihre Erbitterung vermehrte. Dabei fehlte es ihm an Selbstbeherrschung, ihre Angriffe zu ignorieren. So ließ er sich in einen Kampf ein, der seine Körper- und Seelenkräfte vor der Zeit ausrieb, und dem Staat einen seiner nützlichsten Mitglieder, seiner Familie ihren Versorger raubte."

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