Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 358 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Dovidche Kolaun. Eine Geschichte aus dem jüdischen Familienleben. Bon B. Herwi. IV. Deines Tages war ein Abgesandter aus der St. Johns Wovd- Shnagogne gekommen und von Hampstead auch, um ihn zuin Probeblasen aufzufordern, und weil Beile Menkoivske gerade in jener Gegend bedeutende Kundschaft hatte, vor kurzem sogar von einer Stockbroker Frau ein wirkliches Velvetkleid erstanden, aus dem sie ein Dutzend Winterhüte gemacht, gab sie den Ausschlag, daß ihr Dovidche dort Probe blas^ sollte. Der große „Rabbi", der extra deswegen in die Schul gekommen war, um ihn zu hören, klopfte ihm nachher auf die Schulter und begann sein Lobrede: „Never in my life . . ." Wenn er freudig erregt war, sprach er immer englisch und Frau Beile verstand ihn und ivar glückselig. Aber ihr Dovidche siedelte nicht nach Hampstead über, trotzdem er gewiß viel bedeutenderes Gehalt bekommen hätte. Er wollte sich nicht von den Seinen trennen, er blieb der ersten Schul,'.in der er zu Ansehen gekonnnen >var, treu und wurde deshalb draußen in Whitechapel auf Händen getragen. Er half auch nach wie vor seiner Mammy in seiner freien Zeit und lebte sich so in das Geschäft ein, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Es wob sich in seinem Kreise ein ordentlicher Nimbus um ihn. An dem hinkenden Gang nahm niemand mehr Anstoß. „Wird er überall ein bißchen später kommen," sagte einer ans der Medine, der immer Witze machen wollte, „er hat ja doch seinen Weg schon gemacht." Auch mit Andersgläubigen kam er in Berührung. Alle mochten den gesitteten, bescheidenen Jüngling gern. Auf seine Kunst, so nannte er gern das Schofarblasen, war er aber stolz. Die hatte ihm doch den Weg geebnet. Er erklärte es den Richtjuden, aber er blies ihnen nie vor. Das wäre ihm Entweihung gewesen. Am besten hatte er ihnen den Schofar mit Posaune übersetzt, und es dauerte gar nicht lange, da wurde er nicht anders genannt, weit und breit: Dovidche Posaun. Der Mutter ivar'8 nicht recht, und die Geschwister ärgerten sich darüber, aber das half nichts. Es blieb dabei, ganz im Gutmütigen. Die Posaun gehörte eben zu ihm. Dovidche Posaun, das war sein Beiname geworden. Der kleine Jsükche vergötterte den Bruder. Er ivar nun selbst auch herangeivachsen und sollte demnächst auch die Barmizwah feiern. Dazu hatte David ihm eine silberne Uhr versprochen, von den kleinen Ersparnissen, die er gemacht, denn sein Gehalt und jeden Verdienst gab er der Mutter ab, und sie war eine gute Haushälterin, die alles zusammenhielt. Da trat ein Ereignis ein, welches anfangs rosiges Licht, dann aber schwärzesten Schatten auf sein Leben werfen sollte. An den Vergnügungen der Jugend hatte er wenig Teil genommen. Die Geschwister amüsierten sich gern einmal. Sie gingen spazieren, machten auch Wasserfahrten in freien Stunden auf dem Fluß. Die Mutter erlaubte es, aber sie wunderte sich gewaltig darüber. „Lieber Gott," pflegte sie zu sagen — seufzend, erstaunt — „ein jüdisch Kind soll aufs Wasser gehen, wenns nicht nötig ist." Und sie schüttelte den Kopf. „Nur Du, mein Dovidche, bist der Vernünftige, Du bist viel zu gediegen dafür, zu solide, weißt Dovidche — für Dich wärs bald Zeit zuin Heiraten... Du Eaimft schon anklopfen, unser Geschäft ist gut, wir werden uns dann einen Laden nehmen, ja ja, dann werden >vir Shopkeeper und richten uns fein ein, denn ohne Nedan wirst Du nicht heiraten, oßer wirst Du sonst heiraten, und dann kannst Du mit der Zeit fnr Liä und Säre sorgen, ivie's einem guten Bruder zukommt..." „Aber Mutterleben, ich und heiraten . . ." Er lachte herzlich auf. „Ich bin noch so jung und ich kenne doch niemand, und wer sollte mich wohl lieb haben, ich hinke doch . . . nem, nein, davon rede nur nicht .. ." Vtnb er stand auf und bürstete die Sachen aus, die die Mutter am Morgen erstanden. Ein prachtvolles Stück war darunter, eine dunkelrote, kurze Sammetjacke mit Goldlitze besetzt und mit goldenen Knöpfen garniert. Bon einem Maskenanzug einer reichen Frau stammte sie her und war so gut wie neu. Dabei hatte sie nur dreieinhalb Schilling gekostet, das mußte ein gutes Geschäft geben. Und richtig, das seltene, weithin leuchtende Stück ivurde enorm bestaunt. Junge Mädchen schleuderten vorbei und konnten sich nicht satt sehen. Frau Beile Menkowske pries das Jäckchen in allen Tonarten, sie hielt es den begehrlichen Beschauerinnen dicht vor die Nase. „Echter Sammet ist's aus Paris und echtes Gold daran und die Knöpfe, wahrhaftig Gott, will ich leben und gesund sein, haben allein ein Vermögen gekostet und für acht Schillinge will ich doch das ganze Jäckchen geben. .." „Jane, das wär >vas für Dich!" sagten die andern, „Du würdest prächtig darin anssehen." David dachte sich dasselbe, er konnte keinen Blick von dein reizenden Geschöpf wenden. Nie vorher hatte er sie gesehen. „Sie wohnten früher in anderer Gegend . .." erzählte eine der Mutter, jetzt wären sie auch nach Whitechapel gezogen, sie wäre eine Waise und wohnte bei einer alten Verwandten, aber sie verstünde das Leben zu genießen, sei immer vergnügt und fröhlich und etwas Geld solle sie auch haben, denn es verginge kein Tag. wo sie nicht die anderen traktiere mit gedörrten Pflaumen oder Ginger bread oder gar Schokolade ... sie hätte immer etwas für die weißen Zähnchen zu knabbern ..." Diese Zähnchen . .. zwei weiße Perlenreihen bewunderte Dovidche eben auch, gleich dazu den roten Mund, die fein ge-, bvgene Nase und die prachtvollen Augen. Auf Bildern hatte er so etwas schon erblickt, in Wirklichkeit noch nie. . . „Was wäre das billigste für die Jacke?" Lieblich fragte sie ihn, „Sie werden sie mir gewiß ganz billig geben, ich möchte sie gern, sehr gern haben, aber mehr wie drei Schillinge könnte ich nicht zahlen.. Dovidche gab keine Antwort, er schaute entzückt in das schöne Gesicht, er hätte ihr am liebsten das dunkelrvte Prachtstück geschenkt und es noch als eine Ehre betrachtet, daß sie es tragen würde.. . Mrs. Beile Menkowske aber dachte anders. Sie umwob den Gegenstand mit einem phantastischen Zauber .. . „Bon einer wirklichen Herzogin Hab' ich sie erstanden, die sie bei der Königin auf einem Maskenfest getragen, als (jusen of the Schnorrers ist se gegangen, sie hat's ihr selbst erzählt." Die schöne Jane ließ die nicht ganz saubere Hand über den weichen Sammet gleiten, liebkosend, dabei gierig das Stück betrachtend. Frau Beile verstand den Handel.