Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 356 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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356 von einem Gotteshaus?, im Beisein hervorragender Vertreter der politischen, konfessionellen und militärischen Behörden und sonstiger Notabilitäten unter großen Feierlichkeiten einweihte. Aus allen Reden, die bei diesem Anlasse von verschiedenen Celebritäten gehalten wurden, wehte der Geist warmer Nächstenliebe und rückhaltloser Anerkennung des Patriotismus der ungarischen Juden. Die Krone dieser Anerkennung bildete das von unserem Kultus-und Unterrichtsminister Dr. Julius W lass ich au den Szegediner Rabbiner Dr. JmmanuelLöw gerichtete überaus huldvolle Handschreiben, worin er in schmeichelhafter Weise auch auf die Verdienste des sel. Rabbiners Leopold Löw (Vater des Adressaten) um die Magyarisierung der ungarländischen und im besonderen der Szegediner Juden hinwies. Daß Minister Wlassich, ein Mann ohne jedes Vorurteil, sein Ressort auch im neuen Ministerium beibehalten, ist für den Liberalismus von unschätzbarem Werte, und auch unseren konfessionellen Angelegenheiten, insoweit sie der behördlichen Einmengung unterliegen, gewiß nicht von Nachteil. Der Zionismus, dessen österreichische Führer schon vor Jahren ihre Fühlhörner auch nach Ungarn ansstreckten und in einem Budapester Zweigverein einen Ableger auszustecken versuchten, null bei uns nicht recht prosperieren. Der berühmt fruchtbare Boden Ungarns ist dazu eben ungeeignet, und auch die freie Luft, die wir dank der stets liberalen Regierung seit einigen Jahrzehnten geniesten, ist der Entfaltung dieser uto- Pistischen Schwärmerei nicht günstig. Eigentümlicherweise gab sich dafür bisher nur unter den in den peripherischen Gegenden des Landes (Preßburg, Verba, Munkacs, Siebenbürgen) wohnenden Juden etwas mehr Neigung zum Zionismus kund und dort hatten sich auch unter der Patronanz des vegetierenden Budapester Vereins einige Filialen gebildet. Nun wurde allen diesen Vereinen vor kurzem bei uns auch die letzte Lebensader durchschnitten. Ihre Statuten wurden nämlich vom Minister des Innern nicht genehmigt mit der Motivierung, daß die Vereinstätigkeit, welche auf das im Statutenentwurf ausgesteckte Ziel hinwirkt, zur unzulässigen Einmengung in die Verfügungen und Institutionen fremder Staaten führen könnte; anderseits aber weder die vaterländischen Behörden noch die Regierung in der Lage wären, die Verwendung der durch den Verein im Auslande aufzubrauchenden Gelder vom Gesichtspunkte des Vermögensinteresses der Vereinsmitglieder kontrollieren zu können. Hagri. Johann Jarod Sachs. (Geboren 26. Juli zSOZ, gestorben 11. Januar 1846.) Von E. I. n einen zu früh vergessenen, viel zu früh verstorbenen Gelehrte» wollen diese Zeilen erinnern, der aber trotz seines Abscheidens in der Fülle der Manneskraft den vollen Glanz der Berühmtheit auf seinen Scheitel zu lenken wußte und der eine Leuchte der Wissenschaft war, wie er eine Zierde des Judentums gewesen, und der um so mehr des Ruhmes der Nachwelt teilhaftig werden sollte, weil ihm die Zeitgenossen manchen Stein in den Weg seiner Entwickelung warfen. Er starb zu früh an dem Haß der Menschen. Sachs erblickte zu Märkisch-Friedland als Sohn des Kantors der dortigen israelitischen Gemeinde das Licht der Welt. Sein Vater war ein streng rechtlicher und dabei vielseitig gebildeter Mann, seine Mutter eine sehr fromme und mildtätige Frau, die als Vorsteherin eines jüdischen Frauenvereins eine sehr rege gemeinnützige Tätigkeit entivickelte und auf ihre Kinder das Streben nach gemeinnützigem Wirken vererbte. Johann Jacob, der das jüngste Kind der zahlreichen Familie >var, zeigte frühzeitig beim Studium des Talmud und der Rabbiner eine große geistige Begabung, die sein Vater in verständiger Weise pflegte. Später allerdings kam der Vater zu dem Entschluß, den begabten Sohn doch lieber dem Kaufmannsstande zuzuführen und brachte ihn nach Königsberg, wo er als Lehr' ling in ein größeres Handelshaus eintrat. Aber nur zu bald sah hier Sachs ein, daß der kaufmännische Beruf seinen Neigungen durchaus nicht entsprach und daß er in demselben niemals würde Tüchtiges leisten können. Auf eigene Faust widmete er sich in den Muße- und Feierstunden der Erlernung der alten und neuern Sprachen, und endlich sah auch der Vater ein, daß er den Bitten des strebsamen Sohnes nicht länger widerstehen dürfe, und so besuchte der Jüngling dann in Königsberg das Gymnasium. Ebenda widniete er sich auch dann dem Studium der Medizin, welche er zu seinem künftigen Lebensberuf wählen wollte, aber nebenbei betrieb er auch philosophische Studien, Während er dann in Berlin seine Studien fortsetzte, starb sein Vater, und an Sachs trat nun die Not heran. Er mußte, um weiter studieren zu können, sich nicht nur völlig selbst unterhalten, sondern auch noch seine Mutter unterstützen. Wohl hätte es ihm nicht an Unterstützungen reicher Glaubensgenossen gefehlt, aber er war zu stolz, um seine Not zu offenbaren. Er wollte aus eigener Kraft vorwärts kommen. So machte ihn die Not zum Schriftsteller. Er trat zuerst mit einigen kleinen Aufsätzen in belletristischen Zeitschriften auf, und die gute Aufnahme, welche sie fanden, ermutigte ihn zu größerer Tätigkeit, In den belletristischen Blättern Berlins aus dem Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts finden sich zahlreiche Erzählungen, Skizzen und dergleichen aus der Feder des jungen Sachs. Bald widmete er sich auch wissenschastlicheu Stoffen, und eine Reihe von Schriften pädagogischen, biographischen und medizinischen Inhalts entstanden. Er wurde selbst Herausgeber mehrerer Journale und Mitarbeiter an vielen der angesehensten periodischen Blätter. Unter seinen selbständigen Schriften sind mehrere mitAuszeichnnng zu nennen. In einer seiner ersten, die zu Berlin 1830 erschien, betrachtete er vom intellektuellen, physischen und moralischen Standpunkte aus das weibliche Leben im gesunden und krankhaften Zustande. Im Jahre 1831 erschien seine allgemeine Lehre von den epidemischen und ansteckenden Krankheiten und gleichzeitig eine Schrift über „Die Cholera auf deutschem Boden", die wegen der damaligen unheilvollen Verbreitung dieser Krankheit allgemeines Interesse erregte. Das Gebiet der Pädagogik betrat er in dem Werke „Die vielfachen Fehler und Uebel in der öffentlichen und häuslichen Erziehung, und Andeutungen zum Vermeiden derselben nach der notwendigen künftigen Stellung der Erziehungswissenschaft" (Berlin, 1830). Seinem berühmten Lehrer Christian Wilhelm Hufeland setzte er ein biographisches Denkmal (Berlin 1832), das als erste Hufeland-Biographie einen besonderen literarischen Wert hat. Er, der selbst nur von dem Ertrage seiner Feder lebte, verband noch mit dieser Schrift einen wohltätigen Zweck, indem er dieselbe zum Besten der Hufeland'fchen Stiftung für hilfsbedürftige Aerzte herausgab. Auch von dem Leben und Wirken seines Glaubensgenossen, des Dichters Michael Beer, entwarf er eine ausführliche Schilderung (Leipzig 1833). 1832 erschien sein Vorwort zu Mitteilungen über Wien in naturwissenschaftlicher und ärztlicher Beziehung und"über die daselbst stattgehabte Versammlung der Naturforscher. Ohne sich zu nennen, unterwarf er im Jahre 1828 die Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Berlin, später (1831) auch die in Hamburg, einer kritischen Beurteilung. Pseudonym schrieb er: „Die Influenza in ihrem Wesen und in ihrer Verbreitung" (Potsdam 1832), auch wohl die erste Schrift, die dieser Krankheit geividmet wurde, und ferner eine Biographie Samuel Hahnemanns (Berlin 1834), den er als den „Erfinder und