Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 355 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Ministerium SM, dem von mancher Seite antisemitische Neigungen zugemutet wurden, mußte infolge der unbezwinglichen Obstruktion seine Demission geben und an der Spitze des neuen, rekonstruierten Ministeriums letzt der frühere Banus von Kroatien, Graf Khuen-Hederväry. Nit den Vermutungen und Kombinationen über die neue Richtung der jungen Regierung wurde von Zeitungsschreibern -chon ein Meer von Tinte vergossen. Niemand wird es daher uns verdenken, wenn auch wir, von unserem Standpunkt aus, an den Regierungswechsel Meinungen und Hoffnungen knüpfen, oie sich uns in dem Ausblick, über unsere Lage unter dem neuen Regime von selbst aufdrängen. Nun, wir haben allen Grund anzunehmen, daß sich die politische und soziale Lage der ungarischen Judenschaft unter per Regierung des neuen leitenden Staatsmannes nicht verschlimmern wird. Dazu berechtigt uns nicht nur die bei seinem Regierungsantritte gehaltene Programmrede, nicht bloß seine iner jüngst bei ihm vorsprechenden jüdischen Deputation gegebene freisinnige Antwort, sondern vielmehr seine sich immer strenge im Rahmen echten Liberalismus bewegende politische Vergangenheit als einstiger Obergespan des Raaber lomitates und langjähriges Oberhaupt der kroatischen Regierung. Ohne Zweifel wird er diese schöne Tradition auch n seine neue weit größere Machtsphäre mit hinübernehmen md nicht zugeben, daß der hie und da auch bei uus schon eimende Antisemitismus in die Halme schieße. Drückte er weh während seines Regimes in Kroatien mit eiserner Faust ien Antisemitismus nieder, der vor einigen Jahren dort sein äaupt zu erheben versuchte. Hoffentlich erweist er sich nach nefev Richtung hin auch bei uns als Mann der rechten Tat. jum Aufräumen auf diesem Gebiete fordern ja einige von -er unter der früheren Regierung zu einem ansehnlichen Häuflein angewachsenen christlichen Volkspartei soutenierten stntisemitenblätter geradezu heraus; ihre znm Klasseumd Rassenhaß hetzenden Artikel wurden von dem früheren Rinisterpräsidenten Koloman SM wahrscheinlich aus Ueberiberalismus und aus Mangel eines Klägers geduldet. Allein, was eine dieser im Zeichen der christlichen Nächstenliebe ercheinenden Zeitungen, ein täglich erscheinendes auch zur Ztraßenkolportage berechtigtes Sndelblättchen sich an Verletzung gegen unsere Glaubensgenossen erlaubte, war offenbar ein reines Wetteifern mit dem berüchtigten „Bessarabetz" des dlen Kruschevan, der nicht viel blutrünstiger zu sein scheint, als sein ungarischer Redakteurkollege, welcher kein Mittel untersucht läßt, um der nüchternen und toleranten ungarischen Bevölkerung Haß und Feindschaft gegen ihre jüdischen Mitbürger einzuflößen. Nichts charakterisiert die gemeine Art der Verhetzung dieses im Solde unserer christlichen Volkspartei stehenden Journales, als die rohen, gefühllosen Bemerkungen, oie darin zu den Kischinewer Schlächtereien zu lesen waren. Damit der antisemitische Geruch dieser giftigen Preßblüte der reinen Volksseele zugänglicher gemacht werde, wurde dieses anfangs unbeachtete Blättchen an allen Straßenecken affichiert, iedem Passanten gratis in die Hand gedrückt, den Käufern in den christlichen Konsumvereinen als Makulaturpapier zu den Waren ins Haus geschmuggelt. Und all dies wurde von unserem früheren Ministerium des Innern, in dessen Preßburean-Abteilung sogar ein jüdischer Sektionsrat sitzt, mit vornehmem Schweigen übergangen. Der Zeitspiegel reflektierte in jüngster Zeit einige überraschende Strahlen auf die seinerzeit viel Staub aufwirbelnde Ruthenen-Hilfsaktion, an deren Spitze der antisemitisch angehauchte, später so tragisch endende Regierungskvmmissar Egan stand. Die ganze Not der im nordöstlichen Ungarn wohnenden Ruthenen wurde bekanntlich von ihm und seinen Genossen in erster Reihe auf den Wucher und die Ausbeutung von seiten der dortigen Juden zurückgeführt, ivelche nach seiner Angabe unter den Ruthenen als Vampyre und Schmarotzer Hausen. Nun unterbreitete jüngst Ministerialrat Kaffka, der zur Prüfung der Maramaroscher Komitatsverwaltung entsendet wurde, wie ein hauptstädtisches Abendblatt meldete, einen Bericht, dem nur nach „Egyenlösög" folgendes entnehmen: Tatsächlich erfährt man, daß ein großer Teil der Juden dort von seiner Körperkraft lebt. Sie arbeiten teils in Wäldern, teils mit ihren Familien auf Feldern, auf eigenen Feldern oder auf fremden im Taglohn; sie mähen und häufeln, sie hämmern in Werkstätten und spannen sich vor kleine Lastwagen. Die schivere Führwesenarbeit — Bretter- und Schindelverfrachtung ist unter ihnen sehr bedeutend — bildet fast ausschließlich der Juden Erwerbsquelle. Der Maramaroscher Jude würde sich schämen, mit dem Hausierbuckel wie der Jude des ungarischen Tieflandes herumzngehen, da dies darauf Hinweisen würde, daß er vermögenslos sei und die Arbeit scheue. Ihre körperliche Krast konuten sie um so eher zur Grundlage ihres Erwerbes nehmen, als ihre Lebensbedürfnisse — und dies ist ein sehr wichtiges ökonomisches Moment — so gering sind, daß nach dieser Richtung hin mit ihnen nur der chinesische Kuli konkurrieren könne. Die körperliche Arbeit bietet, besonders hier, keinen Wohlstand, keinen Uebersluß, kein Vermögen; dennoch entschließt sich der Jude sehr leicht dazu, da sein nüchternes Leben — iver hat schon einen maramaroschen Inden betrunken gesehen? — seine Ansprüche hinsichtlich der Wohnung, Kleidung und Verpflegung geringer als die der russischen und rumänischen Dorfbewohner sind. Der Slatinaer jüdische Arbeiter in der Dampfsägemühle bekommt für sechs Arbeitstage sechs Kronen Wochenlohn, und daraus erhält er sich und seine aus fünf bis sechs, zuweilen auch aus mehr Köpfen bestehende Familie. Nur Samstag esse» sie Fleisch. Kukurybrot, Zwiebeln, Bohnen und Haidekorn geben den täglichen Speisezettel ab. Das Weib kocht einen Topf Bohnen von sechs bis acht Litern, seiht sie ab, worauf die Familie über den Tops hergeht, jeder ein bis zwei Tage daraus löffelt, bis er leer wird, dann folgt Buchweizen oder Erdäpfel. Dabei wird, wenn das Kind krank ivird, der Arzt sofort gerufen, und die beste Pflege wird ihm zu teil, wenngleich es schon der 14. oder 15. Sprößling ist, denn in der Fürsorge um die Kinder und auch in der Reinheit des Familienlebens kann der Jude welcher vaterländischen Volkssamilie immer als Muster dienen." Für unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Kischinew gibt sich, wie natürlich auch bei uns, innige und iverktätige Teilnahme kund. Die Leitung der mildtätigen Sammlungen nahm der VI. Gemeindedistrikt in die Hand, nachdem deren Präsident Martin Schweiger einen vom Distriktsschriftführer Dr. Franz Mezei verfaßten ergreifenden Ausruf ergehen ließ. Einige hervorragende Zeitungen haben bereitwilligst ihre Spalten den Spendenverzeichnissen geöffnet und beträchtliche Summen sind bereits eingeflossen. Daß bei uns die Intelligenz und die amtliche Welt im großen und ganzen der Gelegenheit nicht ausweicht, den Inden mitbürgerliche Sympathie zu bekunden, beiveisen die in letzterer Zeit bei Tempeleinweihungen und Rabbinerinstallativnen gehaltenen Reden behördlicher Personen. Am glänzendsten kam dieses jüngst in Szegedin zum Ausdruck, als die dortige jüdische Gemeinde ihren neuen Tempel, ein wahres Juwel