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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 354 (sequence 8)
Language
German
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354 verteilten, daß des einen Vortrag sich an den des anderen unmittelbar anschlösse. In den Sommermonaten ist Zeit genug, das nötige Material zusammenzutragen und durchzuarbeiten, und es dürfte selbst für den Geschäftsmann eine derartige Beschäftigung während der bekannten „Sauregurkenzeit" eine angenehme — ja erholende — Ablenkung sein. In Bezug ans Form und Ausdehnung des Vortrags mache es ein jeder ebenso gut wie er kann; von solchen Aeußerlichkeiten hängt ja das wenigste ab; die Hauptsache ist der Inhalt, und da sollte man fast meinen, daß jeder „Gebildete" in der Lage sei, unter Benutzung der neuesten einwandsfreien Feststellungen die Materie des zu behandelnden Gegenstandes in mehr oder iveniger interessanter Weise kurz darzustellen. Ans diese Weise würden schon jetzt für das ans Herrn Dr. Levins Anregung zu schassende Werk (siehe Allgemeine Zeitung des Judentums, Nummer 22, Seite 259, II. Spalte) weite Kreise interessiert.') Aufgabe des Verbandes müßte es sein, in jedem Frühjahr die Pensen für das kommende Winterhalbjahr — für alle Vereine übereinstimmend — festzustellen und dieselben mit dem genauen Literaturnachweis für jedes einzelne Thema frühzeitig deir Vereinen zugehen zu lassen, damit diese die Arbeiten unter ihre Mitglieder zu verteilen in der Lage wären. Viel wäre durch ein solches zielbewußtes Arbeitei: gewonnen! Die Vereine sparten einen großen Teil ihres Geldes, das sie seither für die Berufung von Rednern verausgabt, und könnten mehr Mittel — was von großer Wichtigkeit ist — für die Anlage der Bibliothek zur Verfügung stellen. Die Mitglieder würden mit Interesse — und daher auch mit Freude — den planmäßigen Darbietungen begegnen. Der Verbandsleitung würde dadurch allerdings eine neue und umfangreiche Arbeit aufgebürdet, die sie aber ohne Zweifel gern bewältigen würde Nebenher mag noch bemerkt werden, daß alsdann die Vereine ihren Beitrag an die Verbandskasse auch pünktlicher und regelmäßiger abführen dürften, weil sie einmat nicht mehr so sehr wie seither mit dem Pfennig zu geizen brauchten und dann, iveil sie mit dem Verbände in engere Beziehungen träten. Des weiteren müßte es der Verband als seine Pflicht betrachten, darüber zu wachen, daß über jede epochemachende oder jüdische Kreise besonders interessierende Erscheinung die Vereine so schnell wie möglich in geeigneter Form — durch Schriften oder am besten durch ausgesandte Redner — nebenher unterrichtet ivürden. In letzter Zeit sind von andersgläubigen Gelehrten eine Menge Schriften verfaßt worden, die sich zum Teil sogar eingehend mit Juden oder Judentum befassen — um nur einige Namen zu nennen, erinnere ich u. a. an Paulsen, Harnack, Bousset, Delitzsch — deren Kenntnis für jeden von uns von Wert und Bedeutung ist. Der Verband würde nun am besten einen Teil der ihm zur Verfügung stehenden Redner veranlassen, sich derartiger Stoffe zu bemächtigen, um die Kenntnisse darüber in die Vereine tragen zu können; während der andere Teil der Redner die Theniata bearbeiten müßte, die der Verband als Jahrespensum aufstellt, um den Vereinen zu Hilfe kommen zu können, die diese Arbeit gar nicht oder nur zum Teil in vorher geschilderter Weise mit eignen Kräften leisten könnten. Dabei wäre es von größter Bedentnng, daß diese Männer sich der Sache nicht nur d*1B blpb nJB bff annähmen. Gewiß ist es wahr, daß jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist, und kein Mensch kann und wird verlangen, daß der Einzelne Zeit und Kraft ohne Aeguivalent der Gesamtheit opfere. Aber, wer eine Kulturaufgabe ihrer Lösung näher bringen will, wer sich berufen fühlt, an dem Werke der Belehrung und Er- >) Es soll das selbstredend nicht heißen, daß sie als Mitarbeiter zu betrachten wären. ziehung seiner Glaubensgenossen, an der Kräftigung ihres Selbstbewußtseins »und der Hebung ihrer Selbstachtung mitznarbeiten, der wird das doch zum Teil wenigstens auch 2DL! DüS tun müssen. „Den lohnt nicht Gold." Man hat nun darauf hingewiesen, daß in kaufmännischen Vereinen ganz andere Honorare für Redner gezahlt werden wie in unseren Literaturvereinen. Man sollte meiner Meinung nach einen solchen Vergleich überhaupt nicht anstellen, weil die Bestrebungen beider Vereine grundverschiedene sind. Die Vorträge in kaufmännischen Vereinen zielen doch regelmäßig auf einen praktischen — materiellen — Vorteil ab. Der Geschäftsmann kommt dorthin in der bestimmten und berechtigten Erwartung, über die Technik seines Berufes etwa belehrt zu werden, derart, daß er direkt oder indirekt Nutzen davon hat. Sei es, daß ihn der Vortragende unterweist, wie er vor Schaden bewahrt bleibe, wie er manche Ausgabe zu sparen vermag, oder wie er seine Einkommenverhültnisse direkt zu verbessern in der Lage ist; jedenfalls ist der Kaufmann gern bereit, einen größeren Beitrag zu den Vortragskosten zu leisten, er macht ja augenscheinlich ein gutes Geschäft dabei: „Der Bortrag bringt's ihm reichlich wieder ein." Die Vorträge in unseren Literaturvereinen dienen auch zur Belehrung, aber sie zielen doch nicht auf einen materiellen Vorteil ab; sie haben vielmehr einen ideellen Wert, bestimmt, Gemüt und Verstand der Zuhörer zu bilden. Für den Literaturverein können und dürfen wirkeinen allzu großen Beitrag verlangen, schon deshalb nicht, weil keinem der Beitritt zum Verein dadurch zur Unmöglichkeit gemacht werden darf. Ja, es wird selbst bei sehr niedriger Normierung der Jahresbeiträge immer noch nötig werden, einem Teil von Gemeindemitgliedern den Eintritt ganz und gar unentgeltlich zu gestatten. Man vergesse nie, daß die Vereine eine Kulturaufgabe zu lösen haben, von deren Genuß man niemanden — vielleicht die geringsten unter uns am allerwenigsten — ausschließen darf. Daher erklärt es sich, daß unsere Vereine nicht genügend Mittel haben und keine großen Honorare zahlen können. Ja, wenn unsere Gemeindebehörden sich dieser Ansicht erst allgemein anzuschließen vermöchten und in den Etat neben der Position für die physische Armut auch eine solche für die geistige aufnehmen wollte», möchte es etwas besser werden! Zuguterletzt aber wolle man doch auch nicht vergessen, daß nicht jeder Vortrag eine ganz neue Arbeit bedeutet, vielmehr kann ein und derselbe Vortrag so und so oft wiederholt werden, und daß dieses bisher geschehen ist, wolle man ans den verschiedenen Berichten über die literarische Tätigkeit der Vereine ersehen! Also dürfte sich selbst bei mäßigem Honorar die Arbeit, wenn auch nicht sofort, so doch nach und nach lohnen. Dürste ich mich kaufmännisch ausdrücken — man verzeihe mir das, ich erlaube es mir nur, iveil man von anderer Seite aus geschäftliche Verhältnisse exemplifiziert hat — so würde ich sagen: Der Umsatz müsse es bringen! Schließlich möchte ich noch auf eine schöne Aufgabe Hinweisen, die der Verband ebenfalls zu der seinigen machen sollte. Den einzelnen Vereinen sollte er nämlich Anregung und Anleitung zur Erforschung und Feststellung der Geschichte der Juden am Orte des Vereins und in seiner Umgebung geben. Sv würde durch die Vereine mit der Zeit vielleicht ein klares, weil lückenloses und zuverlässiges Bild von der Geschichte der Juden in Deutschland gewonnen werden können. Alles in allem dürften durch eine derartige Organisation gesundere, stabilere Verhältniffe für die Vereine eintreten, die für ihre Zukunft keiner Befürchtung mehr Raum ließen. Man mache den Versuch!

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