Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.6.1903)
- Date
- 1903-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Das Leichenbegängnis fand heute in Weißensee statt. Ehre dem Andenken des trefflichen Mannes. OK. Thoim, 10. Juli. In aller Stille und Zurückgezogenheit feierte Hierselbst am 6. d. M. der über das Weichbild unserer Stadt hinaus bekannte Nendant und Sekretär unserer Gemeinde, Herr S. Caro feinen 70. Geburtstag. Er ist der älteste Sohn des vor einigen Jahren in Wlozlaweck verstorbenen Nabbiners Herrn Caro, der sich durch Herausgabe verschiedener Werke einen bedeutenden Nus erworben hat. Herrn S. Caro, der mehrere Dezennien hindurch mit regem Eist^ und seltener Gewandtheit und Berufsfreudigkeit den Jnteresseil der Shnagogengemeinde lebt, wurde in Anerkennung seiner Verdienste von der Gemeindevertretung eine prachtvoll ausgestattete Adresse überreicht. — Breslau, 9. Juli. Großes Aufsehen erregte hier in der vergangenen Woche die folgende Mitteilung der sozialdemokratischen „Volkswacht" : „Wie es in den Kreisen jener Herren mit der Duldsamkeit gegenüber Mitbürgern, ja Standesgenossen jüdischen Glaubens aussieht, davon können wir gleich noch eine ganz lehrreiche Geschichte erzählen: Der Sohn des hochangesehenen Geheimen Justizrats Freund. Vorsitzender der Breslauer Amvaltskammer, Vorsteher der Breslauer Stadtverordnetenversammlung, Ehrendoktor der Breslauer Universität rc. rc., kam vor kurzem als Assessor nach dem benachbarten Oels. Als er dort im Honoratiorenwirtshause am „Juristentifche" Platz nehmen wollte, wurde ihm von einem höheren Beamten des Gerichts — nicht etwa von einem Referendar oder Assessor — bedeutet, daß Juden an diesem Tische nicht Platz nehmen dürsten! Der schwer gekränkte junge Mann hat gegen diese unerhörte Behandlung Beschwerde erhoben, auf welche, wie es heißt, nun auch Antwort eingegangen ist. Er ist nämlich zugleich um seine Versetzung eingekommen, der Jnstizminister hat jedoch das Gesuch abschlägig beschieden, da das Vorkommnis keinen Grund dazu abgebe! — Der Leiter des hiesigen israelitischen Waisenhauses Michaelis Silberstein, welcher seit 33 Jahren diesen Posten verwaltet, feierte am 10. d. M. seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlaß fand im Festsaale der Anstalt eine Feier statt, welche mit einem Gesänge der Zöglinge eröffnet wurde. Hierauf schilderte Rabbiner Dr. Rosenthal den Gefeierten als einen Mann, dessen organisatorische Tätigkeit es zu danken sei, daß die Anstalt einen so großen Aufschwung genommen habe. Der Vorstand des Waisenhauses überreichte dem Jubilar eine auf seinen Namen lautende namhafte Stiftungssumme mit der Bestimmung, daß jährlich am 10. Juli einem männlichen befähigten Zögling eine Geldprämie in Höhe von 50 Mark verabfolgt werde. Der Vorstand des israelitischen Mädchenheims, das gleichfalls durch den Jubilar ins Leben gerufen ist, widmete dem Gefeierten sein Porträt, das von dem Maler Spiro treffend gemalt ist, und eine Glückwunschadresse. Eine Deputation der Lessing- Loge überbrachte dem Mitbegründer der Loge ebenfalls eine Adresse. Die ehemaligen Zöglinge der Anstalt und des Mädchenheims überwiesen dem Gefeierten die Stiftungsurkunde für eine „Michaelis und Malwine Silbersteinsche Stiftung". Frühere und die jetzigen Erzieher der Anstalt übergaben dem Jubilar eine Dorösche Prachtbibel. Am Abend veranstalteten die Zöglinge eine Festaufführung, und am Sonnabend beging der Verein ehemaliger Zöglinge der israelitischen Waisenanstalt eine Festlichkeit zu Ehren des Jubilars. 1. Dresden, 10. Juli. Der Verwaltungsbericht der Israelitischen Religionsgemeinde auf das Jahr 1902 weist nach, daß dieselbe Ende 1902 524 (504) stimmberechtigte Mitglieder hatte. Ausgeschieden sind 1902 34 (28), davon 13 (11) infolge Ablebens, 18 (12) infolge Wegzugs, 0 (3) wegen Steuerrestes, 3 (2) wegen Austritts aus dein Judentum. Die Religionsschule besuchten 1902 327 (325) Schüler 168 (181) Knaben und 159 (144) Mädchen. Kindergottesdienste wurden nüt Ausnahme der Ferien, an allen Sonnabendnachmittagen abgehalten. Die Religionsschule hat sechs Knaben- und sechs Mädchenklassen mit je zweijährigem Kursus für die miterfte und die oberste Klasse. An ihr unterrichten Herr Rabbiner Dr. Winter als Direktor, die Herren Auerbach, Dr. Worms, Wolfsohn, Levi und Frau Wolfsohn. Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung vom 1. Dezember 1900 befanden sich von überhaupt 12 419 (9902) Juden in Sachsen: 3059 (2547) in Dresden, 6314 (4872) in Leipzig, 1137 (995) in Chemnitz, 114 (147) in Zittau, 208 (146) in Plauen, 116 (90) in Annaberg, 65 in Bautzen, 83 in Freiberg. Die eingeklammerten Ziffern sind die der Volkszählung vom 3. Dezember 1895. Der Gemeinderat besteht seit dem 1. Januar 1903 aus den Herren: A. Vorstehern: 1. Adolph Salzburg, 2. Gustav Meyer, 3. Max Elb; B. Deputierten: 4. Max Arnhold, 5. Carl Samuel Glückmann, 6. Julius Hirsch, 7. Oscar Lesser, 8. Max Levi, 9. Eduard Richard Mattersdorff, 10. Dr. Arthur Pakscher, 11. Gustav Tuchler. Am 25. Februar v. I. fand zum drittenmale die jährliche Gedächtnisfeier zum Andenken an Emil Lehmann statt. Die Verwaltung der Emil Lehmann-Stiftung war bestrebt, dieser Veranstaltung eine ansehnliche Gestaltung zu geben, und hatte daher die Einladung nicht auf Mitglieder der Gemeinde beschränkt, vielmehr öffentlichen Zutritt bewilligt. Den ebenso inhaltsreichen als anregenden Vortrag hielt Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Cohen aus Marburg — dem auch die diesmalige Ehrengabe zuerkannt wurde — über den Stil der Propheten. — Auf mehrfache Anregung, sowohl von auswärts als auch aus der Mitte unseres Gemeinderates hat derselbe beschlossen, mit den anerkannten israelitischen Religionsgemeinden im Königreich Sachsen wegen Begründung eines Landesverban des derselben ins Vernehmen zu treten, der die Wahrnehmung gemeinsamer Rechte und Interessen, insbesondere auch die Pflege und Hebung des religiösen Sinnes und Lebens der in Sachsen wohnhaften Glaubensgenossen und nach Befinden die Begründung und den Ausbau der hierzu geeigneten Institutionen zum Zweck haben sott. Unter anderem soll der Verband für ordnungsmäßigen Religionsunterricht und soweit möglich, auch für Gottesdienst in den Ortschaften sorgen, wo Israeliten in Sachsen wohnen, ohne zu einer besonderen Gemeinde sich vereinigt zu haben. Als Unterlage der Verhandlungen wurde ein Statut für einen derartigen Verband entworfen, das den übrigen in Sachsen anerkannten Gemeinden zur Beratung übersandt worden ist, und es steht ein günstiger Ausgang der Verhandlungen zu hoffen. — Anläßlich längerer Stellvertretung, die sich im letzten Sommer infolge Erkrankung unter den Lehrkräften unserer Religionsschule nötig zeigte, beschloß der Gemeinderat die Neuanstellung eines mit Hochschulbildung ausgestatteten Religionslehrers, der auch befugt ist. Rabbinatsfunktionen zu versehen, um, gleich Herrn Lehrer Auerbach, auf Erfordern in geeigneten Fällen die Stellvertretung des Nabbiners übernehmen zu können. Nach öffentlicher Ausschreibung dieses Lehramts ist dasselbe vom Gemeinderat dem in Neustettin als Rabbiner angestellten Herrn Dr. phil. M. Worms perliehen worden, der mit Beginn des neuen Schuljahres 1903 sein Lehranlt angetreten hat. — Auch in diesem Berichtsjahre war der Religionsunterricht für die schulpflichtigen israelitischen Kinder in Fr eiberg von unserer Gemeinde aus versorgt worden. Die Religionsschule wurde daselbst von 17 Kindern aus acht verschiedenen Familien besucht. Der Unterricht wurde voll Herrn Lehrer Levi zweimal wöchentlich erteilt. Der Unterricht irr Zittau, Meißen und Bautzen wird von den dortigen Gemeinden besorgt und durch den hiesigen Rabbiner inspiziert — Auch in diesem Jahre ist wie früher in den beteiligten Kreisen mit Lust und Liebe und nicht ohne Erfolg für die Ferienkolonien gesorgt wordell, und zwar konnte eine Knabenkolonie von 22 Köpfen unter Leitung des Herrll Kantor Wolfsohn und seiner Gattin nach Langebrück, eine zweite Kolonie mit 17 Mädchen und 5 Knaben unter Leitung des Herrn Lehrer Levi nach Kliugenberg entsendet werden. Neun Kindern, und zwar fünf Knaben und Vier- Mädchen, ist für die Zeit vom 20. Juli bis 17. August der Aufenthalt in der Kolonie zu Soolbad-Wittekind ermöglicht worden. Vier- Kindern, die in Begleitung ihrer Angehörigen aufs Land gingen, wurden hierzu Geldbeihilsen gewährt, ebenso drei Kindern behufs Ermöglichung von Ausflügen in die Umgegend und zu besserer Verpfleguilg lvährend der Schulferien. Somit lourden insgesamt 60 Kinder in den Ferien versorgt. — Die Einnahmen der Gemeinden betrugen 65 538,08 Mark, die Ausgaben 58 184.64 Mark. Die 11 wohltätigen Vereille der Gemeinde sind: Die Krankenverpflegungsgesellschast (Bikur Chaulim), Beerdigungs-Brüderschaft (Gemilus Chassodim), Fond des Begräbniskassen - Vereins, Krankenunterstützuugsinstitnt (Nisedenoss Haciiaulim), Israelitischer Frauenverein (Kupas uoschim), Mendelssohn-Verein, Israel. Armen- und Fremden-Unterstützungsverein, Verein für Bekleidung der Armen, Verein zur Aussteuer armer Bräute (Hachnossas Kalo), Beerstiftung, Kasse für verschämte Arme, Herminen-Stistung. P. Nordharlseit, 12. Juli. Im Anschluß an die Notiz aus Köln in der letzten Nummer betr. Gründung des „Verein der jüdischen Jugend" teile ich Ihnen mit, daß hier bereits feit Mitte April auf