Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.6.1903)
- Date
- 1903-06-17
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Anregung des Herrn Rabbiners Dr. Schönberger ein gleicher Vereiw gegründet wurde. Der Verein führt den Namen: Verein Moses Mendelsohn und bezweckt die Förderung eines engeren geistigen Zusammenschlusses und eine regere Betätigung geistigen Lebens innerhalb der jüdischen Jugend durch regelmäßige Vortrags- und Diskussionsabende, Verbreitung von Zeitschriften und jeder sonst geeigneten Mittel.' Der Verein zählt bereits einige 20 Mitglieder und hat insofern schon einen Erfolg zu verzeichnen, als an Stelle des bisherigen bedauerlichen Jndifferentismus tatsächlich hier ein frisches Interesse für das Judentum getreten ist. Gesterretch-Nngam. □ Wien, 14. Juli. Vor einigen Tagen hielt der bekannte Gelehrte Hofrat Professor Isidor Neu mann seine Abschiedsvorlesung, da er von der klinischen Tätigkeit znrücktritt. Neumann, der jüngst durch die Verleihung des Komturkreuzes des Franz Josefsordens ausgezeichnet wurde, ist einer der genialsten Nachfolger Hebras und aus dem Gebiete der Dermatologie eine anerkannte Autorität. Seine Hörer werden den verehrten Meister ungern scheiden sehen. Aus St. Wolfgang wird uns über die kühne Tat eines jungen Wieners, Otto Pollak, Sohn des kaiserlichen Rates Armin Pollak, berichtet, der sich beim Anblick einer ertrinkenden Bäuerin vom Balkon ferner Villa in den See stürzte, und die Frau mit Gefahr seines Lebens rettete. — Der Kaiser hat dem Großindustriellen Kommerzienrat Richard Elbogen in Prag und dem Fabrikbesitzer Isidor Braun in Schöndorf das Ritterkreuz des Franz Josefsordens, dem Budapester Advokaten Dr. Bela Bamberger taxfrei den erblichen ungarischen Adel und endlich dem Gerichtsarzte in Gitschin Dr. Samuel Klein den Titel eines kaiserlichen Rats verliehen. — In der Angelegenheit der ohne Wissen ihres Vaters getauften unmündigen Kinder Reiß hat vor einigen Monaten der Magistrat in Krakau die Taufe der beiden älteren Kinder als ungesetzlich, hingegen die des jüngsten für rechtmäßig bestehend erkannt. Gegen die letztere Entscheidung hat der Vater des Kindes durch seinen Rechtsfreund Dr. Raphael Landau in Krakau all die Statthalterei in Lemberg rekurriert. Diesem Rekurse wurde stattgegeben und die Taufe dieser dreier Kinder als ungesetzlich erkannt. Die Kinder werden jetzt dem Vater durch das Gericht zurückgestellt werden, wenn sie nicht etwa wieder plötzlich unauffindbar sein sollten. — Herr Ed mu nd Klein, Chef des Preßbureaus im königlich ungarischen Ministerium des Innern, ist zum wirklichen Ministerialrat avanciert. Klein ist seinerzeit einer der besten Bachurim einer ungarischen Jeschiba gewesen. Amerika. Newyork, im Juli. Spät, doch nicht zu spät, melde ich Ihnen das Hinscheiden eines wackeren Mannes. Ein alter Achtundvierziger, Herr Leo Eloesser, ist in seiner zweiten Heimat in San Francisco, Kalifornien, im Alter von 86 Jahren vor einiger Zeit gestorben. Herr Eloesser war nach dem Zeugnis der „California-Staatszeitung" einer der bekanntesten und angesehensten Deutschen in San Francisco, dessen höchster Lebenszweck während eines Menschenalters die Förderung aller humanitären Bestrebungen war. In Bischofswerder in Preußen am 16. Dezember 1816 geboren, studierte Leo Eloesser an der Universität zu Königsberg. Nach seiner anl 23. März 1847 in Marienwerder erfolgten Verheiratung mit Fräulein Jda Friedländer siedelte Eloesser mit seiner jungen Gattin nach Berlin über. Wegen seiner Teilnahme an der achtundvierziger Bewegung mußte er das Heimatland verlassen, und nachdem er längere Zeit in London gelebt hatte, siedelte er nach San Francisco über, wohin ihm seine Familie folgte. In San Francisco nahm er an den Bestrebungen und Unternehmungen der deutschen Bevölkerung, wie der „Allgemeinen deutschen Unterstützungsgesellschaft", dem „Deutschen Altenheim" u. a. m. bis ins hohe Alterregen Anteil. Seit vielen Jahren war er Ehrenmitglied der „Allgemeinen deutschen Unterstützungsgesellschaft". Sein Hauptwirken auf humanitärem Gebiete widmete er der „EurekaBenevolent Association", deren Sekretär er 30 Jahre hindurch war. Außerdem war er 28 Jahre lang Sekretär des Israelitischen Frauenvereins und des Israelitischen Waisenhauses. Herr Eloesser war bis zum Jahre 1870 in San Francisco auch an einer deutschen Zeitung in leiteuber Stellung tätig und war einer der Gründer der dortigen Akademie der Wissenschaften. Mit der tiefgebeugten Gattin und dem Sohne betrauert eine Schar tum Freunden das Dahinscheiden des großherzigen Mannes. Ehre seinem Andenken! Von Aah und fern. — Der Direktor der Bank für Handel und Industrie, Geheimer Justizrat Dr. I. Ri eher in Berlin hat das Komturkreuz zweiter Klasse des Grobherzoglich Hessischen Verdienstordens Philipps 5 des Großmütigen erhalten. — Ueber die Mischehen in Berlin werden folgende statistische Angaben gemacht. Es waren unter 19138 heiratenden Männern 737 jüdische und unter ebensovielen Frauen 695 jüdische. Bei den Juden wurden 615 Eheschließungen zwischen Personen gleicher Konfession gezählt; von den 737 jüdischen Männern blieben hiernach 122 (----17 v. H.), von den 695 jüdischen Frauen 80 (—12 v. H.) übrig, die eine Frau bezw. einen Mann anderer Konfession heirateten. — Direktor Dr. Silbergleit, der seit dem Jahre 1890 dem statistischen Amte der Stadt Magdeburg vorsteht und auf den verschiedensten Gebieten der städtischen Verwaltungsstatistik hervorragende Arbeiten geleistet hat, ist zur Leitung des in Schö neberg bei Berlin begründeten städtischen statistischen Amtes zum Herbst d. I. berufen worden. Silbergleit ist ein Schwiegersohn von Professor Senator. — Der Kaufmann D avid Mendelsohn in Allenstein hat die Rote Kreuzmedaille dritter Klasse erhalten. — Die beiden Vorstandsmitglieder des neuen jüdischen Krankenhauses in Breslau, Eduard Sachs und Theodor Oschinsky, haben den Kronenorden vierter Klasse erhalten. — Rabbiner Dr. Fried mann in Lublin itz O.-S. ist von den städtischen Behörden zum Mitgliede der Schuldeputation gewählt worden. — Der Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt hat dem Bankdirektor N. Czarnikow zu Arnstadt aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums der von ihm gegründeten Arnstädter Bank den Titel „Finanzrat" verliehen. — Rabbiner Dr. Plaut in Frankfurt a. M. tritt aus Gesundheitsrücksichten am 1. Oktober d. I. in den Ruhestand. — Herr Jacob L. Beer, Seniorchef der Metallfirma Beer, Sondheimer & Co. in Frankfurt a. M., ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Als dritte Dame in diesem Sommersemester erwarb sich dieser Tage Fräulein Clara Hamburger aus Breslau die Doktorwürde an der Universität Heidelberg. Ihre Dissertation ist betitelt „Beiträge zur Kenntnis von Traclielius ovum Ehrbg." Fräulein Dr. Hamburger bekleidet seit zwei Semestern die Stellung eines zweiten Assistenten am Heidelberger zoologischen Institut und Museum. — Neu hinzugefügt sind der Liste der antisemitischen Kurorte die Orte Wildbad und Königsfeld im Schwarzwald und Mün chw e iler, Reg.-Bezirk Pirmasens. In einem den „Mitteilungen des Vereins badischer Jsraeliten" vorliegenden Prospekt des Luftkurorts Königsfeld wird nämlich nach Hervorhebung aller Vorzüge dieses- Bades betont, daß die christliche Ordnung aufrecht (!) erhallen werden müsse und daß daher (!) Israeliten der Aufenthalt in Königsfeld nicht zu empfehlen sei. — Die sozialdemokratische „Fränkische Tagespost" in Nürnberg leitet einen Artikel: „Zur neuesten Bernsteiniade" mit den Worten ein: „Wie Genosse Bernstein in talmudistischer Art neuerdings die Präsidialfrage für den neu zusammentretenden Reichstag behandelte, hat viel Staub aufgewirbelt." — Die Union der jüdischen Literaturvereine in London hat auf Antrag der Herren Mocatta und Spielmann beschlossen, der Idee der Begründung eines jüdischen Museums näher zu treten. — Dr. Hartwig Hirschfeld in London ist zum Lektor für semitische Epigraphik am University College daselbst ernannt worden. — Der König von Belgien hat dem italienischen Kriegsminister General Ott ol eng hi das Großkreuz des Kronenordens verliehen und den Senator Malvano zum Groß-Offizier desselben Ordens ernannt. — Der jüdische Bäckermeister Hirsch Frenkel in Kibarty, der seit Jahren Backware an die kaiserlich russische Küche liefert, hat, wie die Ostdeutschen Grenzboten schreiben, vom Zaren eine goldene Uhr und Kette mit entsprechender Widmung für den Gewerbefleiß erhalten. — Der Polizeimeister von Kiew erließ an alle Pristawe den strengen Befehl: 1. Alle Gasthäuser, Hotels. Restaurants rc. zu inspizieren und die darin gefundenen Juden ohne Wohnrecht sofort auszuweisen. 2. Alle während des Sommers in Kiew sich aufhaltenden, jüdischen Schauspieler, Musiker, Diener rc., die kein Wohnrecht haben, sofort aus Kiew auszuweisen. 3. Alle jüdischen Schlächter ohne Wohnrecht sofort auszuweisen. — Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner hat am 29. und 30, v. M. in Detroit stattgefunden. 140 Teilnehmer waren erschienen. Bericht folgt.