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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-17 · Heft 29 (17.6.1903) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 29 (17.6.1903)
Date
1903-06-17
Page
Seite 345 (sequence 11)
Language
German
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345 als eben nur Silberlinge, sie wußte, daß sie hundert Prozent herausschlagen mußte, und da sie eine überzeugungsvolle Suade hatte — beim Einkauf an dem Gegenstand kein gutes Haar ließ und ihn beim Verkauf als ein höchst wertvolles Objekt herausstrich, so war der Gewinn klar. Der ins Auge springende Erfolg wurde auch bei diesen kleinen jüdischen Handelsleuten hoch geachtet und gepriesen, und so erwarb sich Beile Menkowske bald einen guten Namen unter ihren Genossen. Dovidches Barmizwah kam jetzt in den Vordergrund des Interesses. Sie meldete ihn beim Vorstande der nächsten Synagoge beim Rebbe an, er ward geprüft und man war erstaunt über feine Kenntnisse. — Unterricht mußte er dennoch nehmen, und so ungern die Mainme ihn auch entbehrte, so ging er doch regelmäßig in die Schule. Das waren wieder gute Tage für ihn. Bald hatte er herausgefunden, wo der Schofar aufgehoben wurde. Mit dem alten Vorbeter schloß er Freundschaft. Ihm vertraute er seine Kunst, mit dein Widderhorn umzugehen — an; ihn entzückte er durch die Art, wie er erst die wuchtigen, dann die gebrochenen Töne, das berühmte Tekioh herausbrachte, wie er sie an Kraft anschwellen, in Sanftmut ausklingen ließ, ihn enthusiasmiert^ geradezu die Reinheit, mit der er blies. „Man sieht dem Bocherchen nicht an," wunderte sich der Alte, der über 50 Jahr im Dienst der Gemeinde war und ihm i gern und freudig die feinen Unterschiede im Schofarblasen, von denen sie in Königsberg jetzt nichts Rechtes mehr wußten, erklärte. Bis zur Steigerung von vierzig Stößen während eines Gottesdienstes waren sie in früheren Zeiten gekommen, zu Festtagen, ausgenommen am Sabbat, mußte das Horn erklingen, zur Mahnung, zur Ermunterung . . . Davids' treue Augen glänzten . . . „Wenn das noch so wäre, wenn ich das dürfte!" Als nun der Tag der Barnüzlvah kam und Mrs. Beile Menkowske im zurechtgemachten grauseidenen Kleide, das sie von der Getreidehändlerfrau Liwei (als sie nach England gekommen waren, hießen sie einfach Levy) gekauft und für sich zurechtgemacht hatte, fühlte sie sich stolz >vie eine Lady. Und als ihr Dovidche da vorn am Altar stand und die gelben Wachslichte ihm ins blasse Antlitz schienen, daß es wie verklärt aussah, da füllten sich die Augen mit Tränen. „Wenn's der selige Schmul erlebt hätte," dachte sie und faltete die Hände, für die sie sich zu dem feierlichen Tage zwei unechte goldene Ringe gekauft und über die dicken Finger gezwängt hatte. Am anderen Tage zog Dovidche wieder das alte Kamisol, die vielfach geflickten Hosen an, sab er wieder neben der Mutter auf dem Markt, notierte Adressen, wechselte Geld, trug den Käuferinnen auch mal ein Kleiderpack nach, ging auch mit der Mutter in die Häuser und wunderte sich nach wie vor, wie sie gerade die sorgenvollste Miene aufsetzte, wenn sie das günstigste Geschäft abgeschlosien hatte. Auf dem Nachhausewege baute er dann tüchtig mit ihr an den Luftschlössern herum, und wenn Beile Menkowske dabei angelangt war, irgendwo im Nordosten Londons als 'wohlhabende Rentnerin zu sitzen und sich ein Mädchen halten zu können, dann verloren sich Dovidchens Phantasien in der Möglichkeit, ein Synagogenamt zu erhalten und außerdem so viel Musik zu hören, wie nur möglich war. So verging Jahr um Jahr. Es war alles in allem beim alten geblieben. Auch mit Davids Gesundheit. Der große Kontrast zwischen dem Leben in Königsberg, von der freieren Auffassung religiöser und menschlicher, wirtschaftlicher Dinge mit dem rituellen und beschränkten Leben Londons hatte sich nicht mehr so bemerkbar gemacht. Alle Jahre zum Beginn des Neujahrsfestes schrieb David an seine Gönner, an den Rabbiner, an seinen jungen Lehrer, an die gute Frau, bei der er gewohnt, an den reichen Teehändler. der ihn damals unter seinen besonderen Schutz.genommen. Lang aufgeschossen war er und sah gut aus, so daß mancher Frauenblick ihn traf, aber er merkte nichts von dieser Beachtung und hatte keine Freude davon, er war ein treuer, hilfreicher Sohn, ein liebevoller Bruder, der jede Freistunde, wenn er nicht bei seinen geliebten Büchern saß, seinen Geschwistern widmete. Und wieder einmal war das Neujahrsfest gekommen und hatte die gleiche freudige Aufregung wie sonst gebracht. Schwungvoller denn je war der Handel gewesen, — wenn auch noch so arm, möchte doch jeder beim Nahen dieses Tages etwas besonderes auf sich verwenden. Leer war der Markt, alles weggeräumt, was an des Wochentages Arbeit erinnerte. In dem nicht sehr großen stickigen Raum der Synagoge war die Gemeinde versammelt. Die Stimme des Vorbeters mahnte zur Einkehr, rief den Segen Gottes auf den heiligen Akt des Schofarblasens, da, gerade als der alte zitternde Mann das Horn ergriff, um den ersten Ton von sich zu geben, den Mahnruf, der alle heiligen Erinnerungen wecken, Hoffnungen neu beleben soll, da zuckte sein Arm, da kam nur ein greller Mißton heraus, da siel der Schofar mit großem Geräusch zur Erde und derjenige, der ihn seit Jahrzehnten zur Ehre Gottes blies — er sank ohnmächtig zurück, hilflos, krank, und mußte aus dem Tempel an die frische Luft getragen werden, wo er sich mühsam erholte. Große Aufregung herrschte unter den Zurückgebliebenen. Bedauern mit dem alten, getreuen Beamten, Verlegenheitsausrufe, was nun werden sollte. . . Vorschläge wurden gemacht, Tumult entstand, jeder wollte seine Meinung abgeben, der eine fand die plötzliche Unterbrechung des heiligen Gebrauchs als eine böse Vorbedeutung, und andere wußten einen Verwandten aus einer anderen Gegend Londons als Ersatz vorzuschlagen, da. . . plötzlich .... mitten in dem Gewirr. . . ertönt ein Ruf, ein Ton, ein lang hallender, klagender, machtvoller, reiner Ton, ein Klang, der Posaune ähnlich, der die Herzen erbeben ließ — alles wurde still, alles lauschte — vom Platze des Alten kam das Schofarblasen, aber an seiner Stelle stand ein junger, schlanker, fast unbekannter Mensch, der mit Inbrunst das heilige Instrument umfaßt hielt, ihm erst den gewaltigen Ton entlockte und gleich darauf das Tkio in so rührender, vollendeter, gebrochener Färbung blies, daß jeder diesen, anscheinend voin Himmel gekommenen Ersatzmann mit freudigem Erstaunen begrüßte. Und der Gottesdienst nahm seinen Fortgang, in besonders weihevoller Stimmung vergingen die Stunden, die von keinem in reinerer Freude durchlebt wurden, als von dem jugendlichen Bläser. David Menkowskes Name war nachher in aller Munde. Jeder wollte ihn sprechen, sich erkundigen, was er bisher getrieben, wo er diese Kunst gelernt — dem alten, sterbenden Manne wurde noch die letzte Freude bereitet, indem man ihm erzählte, wie David sie aus aller Verlegenheit gerettet, wie er. einem Impulse folgend, das zur Erde gefallene Horn ausgenommen und an den Mund gesetzt hatte. Ein zufriedenes Lächeln umzog den eingefallenen Mund des alten Schofarblasers. — „Uebergebt ihm mein Amt," bat er, „es ist bei ihm in guten Händen." Und am zweiten Neujahrsmorgen - nachdem der vom Schlag Getroffene in der Nacht verschieden war — ließen die Leute vom Vorstand David kommen und fragten ihn, ob er als Kultusbeamter bei ihnen eintreten, allerlei Dienste für die Synagoge und deren Instandhaltung tun — und gleichzeitig

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