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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-17 · Heft 29 (17.6.1903) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 29 (17.6.1903)
Date
1903-06-17
Page
Seite 344 (sequence 10)
Language
German
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344 verlangt werden kann, so glaube ich, daß man diesen Fehler in Betracht der Dienste, welche diese Geldmacht zu leisten im stände ist, der Vergessenheit übergeben kann." Und so erhielt denn Rothschild am 15. Februar 1853 durch Bismarck das Prädikat „Hofbankier". Der „Hofbankier" Rothschild hat verschiedene Male davon Beweise gegeben, daß er es treu und ehrlich mit Preußen meinte; als z. B. im Dezember 1856 der Bundesrat Fußer in Frankfurt a. M. erschien, um eine Schweizer Kriegsanleihe bei Rothschild aufzunehmen, teilte dieser vertraulich die Antwort mit, ivelche er dem Vertreter der Schweiz zukommen ließ. Der Chef des Hauses Rothschild schrieb u. a., daß er als preußischer Hofbankier und Bankier der deutschen Bundesversammlung sich auf Geschäfte dieser Art nicht einlassen könne. Auf recht vertrautem Fuße stand Bismarck auch init dem Neffen des Freiherru Anselm Meyer von Rothschild, dem Disponenten des Hauses Rothschild und späteren Mitglied des preußischen Herrenhauses- Karl Mayer von Rothschild. Auch diesem verschaffte er mehrere Ordensauszeichnungen'. So überreichte er ihm im Juli 1853 eine Dekoration und schrieb darüber seinem Chef Manteuffel: „Sie ist sehr geschmackvoll, und er war dankbar, wenn er auch offenbar lieber zu den Kreuzträgern gehört hätte." Zum Verständnis der letzteren Bemerkung mag folgendes hervorgehoben werden: Diese Dekoration für Nichtchristen war der Rote Adlerorden 3. Klasse, hinsichtlich deren eine allerhöchste Kabinettsordre vom 26. Juli 1851 verfügt hatte, daß die Insignien sämtlicher Klassen des Roten Adlerordens, wenn dieselben für hervorragendes Verdienst an Nichtchristen verliehen würden, nicht mehr die Kreuzesform haben sollten. Der Orden war schon früher an Nichtchristen für besondere Verdienste um den preußischen Staat verliehen worden. Friedrich Wilhelm IV. sträubte sich aber gegen das christliche Kreuz aus der Brust bei Nichtchristen. Die vierte Klasse erhielt die Form einer silbernen Sonne, in der Größe eines kleinen Talerstücks, die dritte die Form eines viereckigen Strahleusternes. In dem kürzlich erschienenen „Briefwechsel zwischen Bismarck und Wilhelm I."1) finden wir u. a. folgenden amüsanten Brief des Herrschers an seinen ersten Ratgeber in dieser Angelegenheit: „Berlin, 16. 1. 75. Karl Meyer Baron v. Rothschild ist stark am Bandwurm erkrankt beim Herannahen des Ordensfestes. Diese Krankheit vermag ich nicht zu heilen, aber Kreuzschmerzen lassen sich kurieren. Es wäre dafür anzuführen, daß er allerdings im Kriegsjahre enorm viel für die Wohltätigkeitszwecke getan hat, wofür seine Frau das Verdienstkreuz erhalten, natürlich das Geld verwendend, was der Mann ihr gab, während er keine Auszeichnung erhielt. Will man ihn berücksichtigen, so könnte wohl das Comthnrkreuz mit dem sechseckigen Stern des Hohenzollern-Ordens verliehen werden, da er bereits den brillantenen Stern 2. Klasse des rothen Adlers besitzt, so daß der 2 Kronenorden mit Stern zu wenig wäre. - Ich wünsche Ihre Ansicht! Wenn ich ihn dekorierte jetzt, so ist er auf einige Jahre abgefunden, bis die Bandkrankheit wieder eintreten darf. Ihr Wilhelm. Natürlich war Bismarck mit der Absicht des Kaisers durchaus einverstanden. Im Krimkriege übermittelte der letztgenannte Rothschild dem preußischen Premier sehr oft bedeutsame Nachrichten, die ihm über Wien zugegangen waren, und der Finanzkönig zeigte sich ost besser orientiert als selbst die kriegführenden Mächte. Nur die französische Zweiglinie des Hauses Rothschild, die natürlich napoleonisch gesinnt war, ärgerte den deutschen Kanzler. Als er im deutsch-französischen Kriege in Ferrieres sich befand, ließ er sich den Verwalter der Rothschildschen Besitzung kommen und sagte ihm: er ivolle aus dem Keller des Herrn Barons Rothschild Weine kaufen. Der Verwalter entgegnete jedoch, er könne dafür kein Geld annehmen, worauf ihm der dainalige Graf Bismarck erwiderte: Nach dem ganzen Empfang könne er das Rothschildsche Haus nur als Wirtshaus betrachten; er wolle daher nicht nur seinen Wein dort kaufen, sondern verlange auch, da er diesen Wein im Hause selbst zu trinken gedächte, daß ans jede Flasche ein Pfropfengeld von 30 Cents, wie es üblich wäre, angesetzt werde. *) Sehr boshaft fürwahr — aber c’est la guerre! Sonst vertrug sich die preußische Diplomatie mit der Finanzaristokratie meist vortrefflich. Bll i i lg Sooidche Oolaun. Eine Geschichte aus dem jüdischen Familienleben. Von B. Herwi. III. s war also unserm David sehr traurig zu Mute. Aber wie schwer auch der Anfang war — erlebte sich doch ein, und es dauerte nicht lange, da . sagte er auch: Jsäkche und Liä und Säre und verstand manche Worte und lernte kleine englische Wendungerl auswendig, die sich ost im täglichen Leben wiederholen. Im Geschäft machte er sich so nützlich wie nirr möglich. Allerdings die aufdringliche Verkäuferart seiner Mutter und der arrderen Händler konnte er sich nicht aneignen. Beile Menkowske war eine Handelsjüdin vom reinsten Wasser geworden, fie verstand es aus dem FF, die Ware zu taxieren und sofort den etwaigen Nutzen herauszurechnen, sie gab David ordentlich Unterricht in dieser „Kunst". Alle hatten den aufgeschossenen. blonden Jungen gern. Die Mädchen kauften am liebsteil von ihm, trotzdem er es gar nicht verstand, sich einzuschmeicheln. „Nu, legt mir mal das Tuch um. obs mir kleidet —" fordert ihn eine auf. „Und rra, gefall' ich Euch so, Herr Menkowske," kokettierte eine andere mit ihm. „Du verstehst das Geschäft gar nicht, Dvvidche," ärgerte sich die Mutter, „wemr's nach Dir ginge — könnt' ich morgen pleite machen." Er kam nicht viel an die frische Luft. Dort am Markt war oft ein pestilenzartiger Geruch und zu Haus irr den engen Kammern wars ebenfalls schwer auszuhalten. Seine Gesichtsfarbe war noch bleicher geworden, und ab und zu hüstelte er, aber es klang immer, als geschähe es aus Verlegenheit . . . Di« Pettycoatlane war eng und dunstig, ivie soviel Straßen draußen in Whitechapel. Es wohnten ja auch viele arine Leute dort. Beile Menkowskes Kundschaft ivaren arme und ärmste Juden. David bekam mit der Zeit einen ganz andern Gesichtskreis, wie in Königsberg. Er begleitete die Mutter wohl in bessere Häuser, itt denen sie ihre Einkäufe machte, er schämte sich oft, wie sie handelte und log und den lieben Gott vom Himmel hundertfach zum Zeugen herunter schwor. Wenn sie ihren Profit hatte, war ihr alles egal. Sie rechnete nur nach Schillingen, es kam auch selten mehr heraus, y Stuttgart und Berlin 1902, Cottas Nachfolger, S. 250 ff. y Dr. Adolph Kohut, Allerlei Neue Bismarckiana, S. 125.

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