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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-17 · Heft 29 (17.6.1903) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 29 (17.6.1903)
Date
1903-06-17
Page
Seite 343 (sequence 9)
Language
German
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343 „Selbst wenn man von Christi Zeit bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde inan mit einer solch ungeheuren Summe nicht zu stände kommen." „O", erwiderte wohlgelaunt Bismarck, „seien Sie ohne Sorgen, dafür habe ich diesen Herrn" — er deutete auf Bleichröder — „mitgebracht, der zählt von Erschaffung der Welt an." Noch im letzten Augenblick der Verhandlungen verschaffte Bleichröder dem Deutschen Reich einige Millionen Taler Kriegsentschädigung mehr, indem er vor der Unterschrift der Verträge daran erinnerte, daß bei den stipulirten Ratenzahlungen, in denen die fünf Milliarden von Frankreich an Deutschland geleistet werden sollten, von den Zinsen noch nicht gesprochen sei. In der Tat beliefen sich die von Frankreich zu zahlenden Zinsen noch auf einige hübsche Milliönchen. Bis zum Lebensende Bleichröders blieb ihm Bismarck mit freundschaftlichsten Gesinnungen zugetan. Auf Veranlassung des Alt-Reichskanzlers wurde er Geheimer Kommerzienrat und in den erblichen Adelsstand erhoben. In dem Briefe, den Bismarck sofort nach dem Ableben des großen Finanziers an die Falnilie desselben richtete, hob er mit warmen Worten hervor, daß der Verewigte sein „treuer Freund" lange Jahre hindurch gewesen sei. Bismarck hatte noch andere jüdische Bankiers, die sein Vertrauen besaßen und auf deren fachmännisches Urteil er viel gab. Zn diesen gehörte z. B. der Kölner Bankier Abraham Oppenheim. Dieser erschien vor Ausbruch des deutschösterreichischen Krieges als Vertreter von 17 rheinischen Handelskammern bei dem preußischen Premier, um ihn zu veranlassen, den Krieg hinauszuschieben oder doch wenigstens mit der preußischen Kammer Frieden zu schließen. Bismarck schlittete vor dem Kölner Herrn sein ganzes Herz aus und vertraute ihm Dinge, von denen damals nur wenige etwas wußten. So sagte er ihm u. a.: „Ich hege den Wunsch nach Aussöhnung mit dem Landtage gleichfalls, noch ehe ein großer Konflikt unvermeidlich wird. Meine verhaßte Person würde aber ein Hindernis der Verständigung sein; ich habe deshalb vor einiger Zeit den König gebeten, statt meiner den Fürsten von Hohenzollern zum Ministerpräsidenten zu ernenne» und mir den Posten eines Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Ministerium zu geben. In dieser Stellung würde ich meine Erfahrungen im auswärtigen Dienst ebenso verwerten können wie als Minister, und der Fürst würde mir wohl freie Hand lassen. Der König hat aber auf diesen Gedanken nicht eiugehen wolle». Er hat dagegen Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus anzuordnen befohlen und wir müssen zunächst diese abwarten." Oppenheim erzählte diese Unterredung am selben Abend »och in Ausdrücken höchster Verwunderung seinem Freunde Bleichröder, welcher dann am anderen Morgen dem Herrn v. Keudell davon berichtete. Der Politiker und Historiker Th. von Bernhardts erwähnt eine Aeußerung des Geschichtsschreibers Max Dunker, der damals Vortragender Rat beim Kronprinzen, dem späteren Kaiser Friedrich 111., war, Bismarck habe dein König Wilhelm I. vvrgeschlagen, ein „liberales Ministerium" zu berufen. Diese, vermutlich auf denselben Vorgang zu beziehende unbestimmte Angabe erscheint weniger glaubhaft, als des gewissenhaften und zuverlässigen Oppenheim genaue Erzählung dessen, was ihm der Minister selbst gesagt hatte. Schließlich noch ein Wort über die Stellilng Bismarcks zu einigen namhaften Mitgliedern des Hauses Rothschild. Im Jahre 1851 lernte der damalige preußische Gesandte am Bundestage, der. Geheime Legationsrat Otto von Bismarck den damaligen Chef des Welthauses M. A. von Rothschild >L Söhne, den Freiherrn Anselm (Amschel) Meyer von Rothschild, ’) „Aus meinem Leben", Band VI, Seite 818. persönlich kennen. Dieser war preußischer Geheimer Kommerzienrat — es war daher ganz natürlich, daß der Vertreter Preußens am Bundestage mit dem mächtigen und von allen Mächten umworbenen Finanzmanir in nähere Berührung trat. Er tat dies um so mehr, als der Baron in seiner Villa glänzeilde Ballsestlichkeiten veranstaltete, welche zu besuchen damals zu dem guten Tone gehörtes; ständiger Gast der Rothschildschen Festlichkeiten war auch die berühmte Sängerin Henriette Sontag, Gattin des sardinischen Gesandten Grafen Rosst. In den Salons des Börsenfürsteu lernte Herr v. Bismarck die Künstlerin zuerst kennen. Er sagt von ihr in seinem an den Minister des Auswärtigen, Freiherrn v. Manteuffel, erstatteten amtlichen Bericht u. a.: „Sie hat sich embelliert, seit sie Berlin verlassen hat, der kupferige Teint ist ziemlich geschwunden . . . Madame Sontag, wie sie hier genannt wird, empfängt nach 3 Uhr die haute voiee von Frankfurt und erregt die Unzusriedenheit der Kellner im Hotel de Russie dadurch, daß sie erst um Vs 2 Uhr mit kaltem Champagner zur Nacht speist." Man wird nicht ohne Behagen die Schilderung eines solchen Diners bei Rothschild, wie er sie in seinen Briefen an die Gattin entwarf, lesen. So heißt es z. B. von einer am 18. Juni 1851 stattgehabten Festlichkeit beim alten Baron u. a.: „Heute Mittag esse ich beim alten Rothschild, dem Baron Amschel, der mich schon vor zehn Tagen hat einladen lassen. „Wenn ich noch lebte, würde ich kominen" — diese meine Antwort hat ihn erschüttert, so daß er sie allen Leuten erzählt. Inliegende Blättchen habe ich im Garten des alten Baron Amschel Rothschild für Dich gepflückt, der mir gefällt, weil er ein streng orthodoxer Jude ist, der bei seinen Diners nichts anrührt und nur Gekoschertes ißt." Der genannte Rothschild war durchaus preußisch gesinnt und hat dem preußischen Staat manchen wichtigen Dienst geleistet, so daß sich der damalige Ministerpräsident Freiherr v. Manteuffel veranlaßt sah, feine Ernennung zum Hofbankier bei König Friedrich Wilhelm IV. in Vorschlag zu bringen. Zuerst fragte er jedoch bei Herrn v. Bismarck an, ob dieser mit dieser Auszeichnung einverstanden sei. Erst durch den kürzlich erschienenen „Briefwechsel Bismarcks"-) haben wir den Wortlaut der betreffenden diplomatischen Korrespondenz kennen gelernt. Manteuffel schreibt dort dem Gesandten u. a.: „Ich bemerke, daß es eines motivierten Antrags von Ew. Hochwohlgeboren nicht einmal bedarf, sondern es genügt mir zu wissen, daß dieselben nicht Grund haben, gegen die Charakterisierung sich auszusprechen. . . . Mein Interesse bei der Sache besteht, im engsteil Vertrauen gesagt, darin, daß man den pp. Rothschild von seinen hitzigen Bestrebungen, die Wiener Valuta zu bessern, einigermaßen abbringt, und daß man ihn für eine Eisenbahnailleihe, welche wir vielleicht inachen werden, günstig stimmt." Bismarck erwidertes sofort, daß er keine Bedenken geltend zu machen habe, auch glaube er bei den Beteiligteil eine lebhafte Empfänglichkeit für die ihnen zugedachte Ehre voraussetzen zu können, und sagt dann wörtlich: „Eine eigentliche antipreußische Tendenz haben die Rothschilds nie verfolgt; nur haben sie sich bei Gelegenheit eines Konflikts, der etwa vor Jahresfrist zwischen uns und Oesterreich über die Flüssigmachung der Depositen für die Flotte stattfand, vor Oesterreich, mehr gefürchtet als vor uns. Da indessen der Mut, den Grafen Thun zurückzuiveisen. von Rothschild füglich nicht y Dr. Adolph Kohut, „Allerlei neue Bismarckiana", Seite IW ff. -) Aus Bismarcks Briefwechsel, Stuttgart 1901, Cottas Nachfolger, Seite 112. s) Preußen im Bundestag von H. von Poschinger. Band IV Nummer 56.

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