Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.6.1903)
- Date
- 1903-06-17
- Page
- Seite 342 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228557--59962-3296519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
342 Mm Lmmsrck-Lnnnerungm. Von Dr. Adolph Kohut. Jahrzehnte hindurch haben die Antisemiten h la Glagan * und Genossen sowie n la Herr v. Diest und seine Hintermänner, und die Deklaranten der „Kreuzzeitung", Otto von Bismarck allerlei unlauterer Machenschaften in Geldsachen " mit Gersvn Bleichröder und anderen Vertretern der hohen Finanz beschuldigt, ohne für ihre Verdächtigungen auch nur den Schatten eines Beweises beibringeu zu können. Kam es zn Prozessen, zeigte sich sonnenklar, daß es den Judenfeinden nur darauf ankam, hervorragende und patriotische Männer nur deshalb zu verunglimpfen, weil ihre tatkräftige Unterstützung des preußischen Staates und des leitenden Ministers zu kritischen Zeiten eine nicht hoch genug anzuerkennende Tat war. Erst die neueren Publikationen der Bismarck-Literatur ‘ liefern den urkundlichen Beweis, daß die Beweggründe, welche die Vertreter der hohen Finanz bei ihren Beziehungen zu Bismarck leiteten, durchaus gute waren, und daß die Handlungen jener Männer das Licht der Oeffentlichkeit in keiner Weise zu scheuen brauchten. Auf Grund dieser Schriften und meiner eigenen Studien sei hier dieses Verhältnis mit großen Strichen gezeichnet. Was alles ist über die Beziehungen Bismarcks zu Gerson Bleichröder gefabelt worden? Man hatte sogar die Dreistigkeit zu behaupten, der große Staatsmann hätte sich mit dein genannten Bankier in allerlei Börsengeschäfte eingelassen, ja sogar seine politische Machtstellung dazu mißbraucht, um mit Hilfe des Finanzmanns sich zu bereichern! Nun hat der langjährige Gesandte Preußens in Konstantinopel und Rom, Robert von Keudell, ein Ehrenmann durch und durch, ein sehr umfangreiches Buch über „Fürst und Fürstin Bismarck"') herausgegeben, worin er alle diese Verleumdungen aus eigener Kenntnis der Tatsachen — denn er war jahrelang Sekretär Bismarcks und gehörte stets zu den Intimsten des Hauses — widerlegt. Bereits 1864 gehörte der Chef des Bankhauses S. Bleichröder, Gerson Bleichröder, ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, zu der geringen Zahl derjenigen Persönlichkeiten, welche in die auswärtige und innere Politik des leitenden preußischen Ministers genau eingeweiht waren, weil dieser sowohl den Verstund wie den Charakter des Bankiers ungemein hochschätzte und volles Vertraneu zu ihm hatte. Keudell sagt nun wörtlich: „Sein Verstand war so lebendig wie durchdringend, sein Gedächtnis zuverlässig, sein Herz fest und treu. Das bei ihm deponierte Kapitalvermögen des Ministers gab ihm fast nichts zu tun, weil Spekulationen irgend welcher Art mit dessen Werten verboten waren; aber seine Stellung zu dem Hause Rothschild führte ihm mitunter einen politischen Auftrag zu. Die Frankfurter Familie Rothschild ist bekanntlich jn Paris, Wien und London verzweigt; ihr Vertreter in Berlin aber war Bleichröder. Nun aber hatte der damalige Chef des Pariser Hauses, Baron James Rothschild, zu jeder Zeit freien Zutritt zum Kaiser Napoleon, der ihm nicht nur über Finanzfragen, sondern auch über Politik ein freies Wort zu gestatten pflegte. Dies bot die Möglichkeit, durch Bleichröder und Rothschild an den Kaiser Mitteilungen gelangen zu lassen, für welche der amtliche Weg nicht geeignet schien. Jn jenen Jahren hielt Bismarck geboten, die Beziehungen zn dem mächtigen Monarchen mit allen verh „Fürst und Fürstin Bismarck. Erinnerungen aus den Jahren 1846 bis 1872. Von Robert von Keudell." Berlin und Stuttgart, Spemann, 1902, S. 497. fügbaren Mitteln sorgfältig zu pflegen und legte daher Wert darauf, auch diesen Weg vertraulicher Mitteilungen mitunter benutzen zu können. Durch mich sind derartige Aufträge nie vermittelt worden; doch erhielt ich die Anweisung, Herrn Bleichröder über die Lage der auswärtigen Politik, soweit sie nicht geheim zu halteil war, zu instruieren, damit er Eröffnungeu der bezeichneten Art, die der Minister sich selbst vorbehielt, schnell und richtig auffassen könnte. Herr Bleichröder pflegte daher mehrmals in der Woche am frühen Morgen zll mir zn kommen und einige Minuten zu verlveilen, an warmen Tagen im Garten, sonst in meinem Wohnziinmer. Ich lernte ihn auf diese Weise genau kennen und aufrichtig schätzen." „Die gelegentlichen Aufträge des Ministers an Bleichröder hatten die Folge, daß dieser als Hilfsarbeiter des Auswärtigen Amtes sich fühlte und demnach, wenn er von Bismarck sprach, ihn „unseren hochverehrten Chef" zu nennen pflegte. Weiteren Kreisen durfte der politische Grund seiner öfteren Besuche im Auswärtigen Amt natürlich nicht bekannt werden. Es erhob sich daher manchmal das Gerücht, daß Bismarck durch Bleichröder für sich Börsengeschäfte machen ließe, was natürlich niemals geschehen ist. Er hat oft genug ausgesprochen, es sei völlig unerlaubt, seine Kenntnisse der politischen Lage zu Spekulationen zu benützen; ein Minister, der sich damit befasse, müsse in Versuchung kommen, seine politischen Entschlüsse durch Rücksichten auf persönliche Vorteile beeinflussen zu lassen und könne daher keine gute Politik machen." Gerson Bleichröder war bei allen Räten des Auswärtigen Amtes beliebt. Einzelne seiner Redensarten, wie z. B. „das Großartigste, was man in dieser Richtung »sehen mag", wurden auf der Wilhelmstraße förmlich zu geflügelten Worten. Wenn sich Bismarck auch mit seinem finanziellen Ratgeber öfter über Fragen der hohen Politik zu unterhalten liebte, so acceptierte er natürlich nicht immer die Ansichten Bleichröders. Dies war zum Beispiel auch im Dezember 1869 der Fall. Damals nahm Herr von Keudell als Mitglied des Handelskongresses in Marseille au einer Ueberfahrt nach Alexandrien Teil und hatte Gelegenheit, mit französischen Kollegen lauge politische Gespräche zu führen. Jeder einzelne dieser Herren sprach unter vier Augen die Meinung aus, daß ein Krieg zwischen Frankreich und Preußen unvermeidlich sei; das französische Volk könne weder Sadowa noch den norddeutschen Bund verzeihen; es fühle sich von der ersten Stelle in Europa verdrängt; die ganze französische Geschäftswelt sei von dem Gedanken beherrscht, daß Vertrauen in die Zukunft nicht eher eintreten könne, als bis die Waffen entschieden habeir würden. Als nun über diese Gespräche Keudell seinem Chef Vortrag hielt, meinte dieser, daß leider die Rückwirkung dieser französischeir Auffassung auch in der deutschen Geschäftswelt zu spüren sei. Selbst Bleichröder habe ihn neulich gebeten, er möge einen Krieg herbeizuführen suchen, um die Lage zu klaren. Diese Ansicht sei jedoch verwerflich; man müsse eben fortfahreu, die Ursachen eines möglichen Kriegfalls wegzuräumen und der beruhigenden Wirkung der Zeit vertrauen. Niemand könne die Verantwortung für den Ausbruch eines Krieges übernehmen, der vielleicht nur der erste einer Reihe von Rassenkämpfen sein werde. Welche Dienste Bleichröder im deutsch - französischen Kriege und beim Frieden von Versailles dem Stabe geleistet hat, ist männiglich bekannt. Er war der finanzielle Ratgeber Bismarcks und der tonangebenden Staatsmänner in jener Zeit. Den Friedensverhandlungeu zwischen Jules Favre und Bismarck wohnte auch Bleichröder bei. Ersterer war außer sich über die Forderung von Milliarden seitens des deutschen Bundeskanzlers und meinte, um seinem Gegner das Heber» trieben« seiner Forderung einleuchtend zu machen: