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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-06-17 · Heft 29 (17.6.1903) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 29 (17.6.1903)
Date
1903-06-17
Page
Seite 341 (sequence 7)
Language
German
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341 Vorurteile zu stützen und zu verstärken. Wiederholentlich ist an der Hand ausschlaggebender Beweise gezeigt worden, daß die Juden den Tod des Stifters der Tochterreligion nicht verschuldet haben. Wir brauchen hier nur an die bekannte Philippson'sche Schrift zu erinnern. In Maria von Magdala werden trotz alledem „die Priester" als diejenigen dargestellt, welche unter allen Umständen seinen Tod gewünscht und veranlaßt haben. Dem Gamaliel wird das Wort in den Mund gelegt: „Es findet sich wohl sonst noch ein Mittel, ein heimliches, an ihn zu kommen." Besonders ist es der Hohepriester Kajaphas, der kein Mittel unversucht läßt. Zunächst bemüht er sich, die Schönheit der Maria in den Dienst seiner Pläne zu stellen. „Wenn die Macht deiner Reize auch an ihm sich bewährt, wenn das Volk sieht, daß auch er nur ein Mensch ist. ohnmächtig gegen den Zauber der Sünde, so wird es von ihm abfallen, und seine Heuchlerrolle ist ausgespielt. Dir aber werden wir es Dank wissen, und wie du jetzt gescholten und gemieden wirst, soll dein Name hinfort in Ehren stehen in Israel." Auf diese Zumutung des Hohepriesters antwortet die Angeredete: „Von allem Schändlichen, das je mir angesonnen ward, ist dies das Hassenswürdigste." In welchem Lichte erscheint hierbei Kajaphas und mit ihin der ganze Stand, den er vertritt, und nicht nur hier, sondern überhaupt durch das ganze Stück. Haß und Groll führen in seinem Munde das Wort und geben seinem Rachegefühl keine Ruhe. Sein Versuch, den heidnischen Römer für seine Wünsche zu gewinnen, mißglückt. „Siehst du nun", ruft Flavius aus, „daß wir bösen Römer, die ihr eure Zwingherren nennt, milder und menschlicher fühlen als eure eigenen Herren, die sich Gottes Diener zu sein rühmen und aufgebläht sind von Hochmut und Herrschaft." Bei Judas Jscharioth hat Kajaphas mehr Glück; dieser ivird durch des letzteren Bemühungen am Ende aus einem Paulus zum Saulus, allerdings nicht bloß dem gleißnerischen Golde folgend, sondern weit mehr aus gekränkter Liebe zu Maria. Als ob kein Zweifel an der Unschuld der Römer Zurückbleiben soll, legt der Dichter dem Flavius die Worte in den Mund: „Bist du zufrieden, Ehrwürdigster? Ist dein Rachedurst gestillt?" Man denke sich dieses Stück vor einem Zuhörerkreise aufgeführt, in dem so mancher von Vorurteilen gegen die Juden befangen ist, muß da nicht der Haß gegen die Nachkommen eines Kajaphas noch geschürt werden? Wäre es nicht gerechter und würdiger gewesen, endlich jene alte falsche Anklage auszuroden, wegen derer Tausende unschuldiger Juden ihr Leben haben hingeben müssen? Das ist aber nicht das einzige, was wir zu bemängeln haben. Nach bekanntem Muster kehrt der Gott des alten Testaments als „Gott der Rache" im Munde der einzelnen Personen wieder. Nur einige Stellen seien eitiert. Maria wird gefragt: „Lernt ihr jüdischen Weiber die Wildheit im Tempel eures Gottes, von dem sie sagen, er sei ein furchtbarer Gott, ein Gott der Rache?" Maria antwortet: „Ich betrete nie mehr ein Heiligtum. Sie würden mich hinausweisen, die Sünderin, die Ehebrecherin. Wenn mein Herz verhärtet lvard, Gott der Herr ließ es so werden und die Tücke der Menschen, der Werkzeuge seines Willens." Die Stimme eines Weibes rnst in der Scene, wo Maria arg gefährdet ist, gesteinigt zu werden: „Sie hat den Tod verdient. Hat nicht Moses geboten, solche zu steinigen, die Ehebruch treiben?" Flavius ruft aus: „Der Sieger in diesem Kampfe war Er, nicht ihr und euer finsterer Gott der Rache!" Wann wird endlich die Fabel von diesem Jndengott der Rache verschwinden? Wir haben gewiß nichts gegen die Verherrlichung des Christentums einzuwenden, ja wir tun unserm Bekenntnisse nicht im geringsten Abbruch, wenn wir anerkennen, daß jenes das Heidentum der Gotteserkenntnis gewonnen hat. Soll aber das Judentum darum jeden Anspruch auf die rechte Würdigung fallen lassen? Wenn wir auf der einen Seite aus dem Munde des „Messias" Worte hören, die zu den gangbarsten gehören, deren Schönheit wir gewiß nicht verkennen, erscheint dann nicht auffallend, daß der trunkene Joab, der einstige Erbe seines Vaters im Hohepriesteramte, mit Bibelworten herumwirft, die er im Anschluß au sein sündhaftes Verlangen anwendet, aus dem Becher zu trinken, den Eros mit Rosen kränzte? Der Nichtkundige muß fast zu dem Glauben kommen, daß Israels Propheten jene Worte in dem gleichen Sinne angewandt. All die schönen Sätze aus dem Munde des „Messias": „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!" „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." „Liebet eure Feinde, segnet, die euch stuchen, tut wohl denen, die euch Uebles tun," alle diese Sprüche haben in dem Alten Testament bereits ihr Vorbild. Judas Jscharioth beklagt sich, indem er vom Einzuge Christus in Jerusalein erzählt, wobei ihm die ersten Zweifel aufgestiegen wären: „Schwachmütig ist er und feige. Das Säuseln der Milde gefällt ihm mehr als der Sturm des Zorns, der die Schmach hinwegfegen würde." Das ist jedenfalls recht auffallend, daß dieser sich darüber ivundern soll, wenn anders er seine Bibel kennt und nicht die Stelle vergessen hat (2. Buch der Könige 19, 11 bis 13): „Er sprach: Geh hinaus und tritt an den Berg vor das Antlitz des Herrn. — Der Herr zieht da vorüber; und ein großer starker Wind, Berge zerreißend und Felsen zertrümmernd, zieht vor dem Herrn. — Aber in dem Winde ist nicht der Herr. Und nach dem Winde ein Erdbeben - auch in dem Erdbeben ist nicht der Herr. Und nach dem Erdbeben Feuer — auch in dem Feuer ist nicht der Herr. Nach dem Feuer kommt ein sanftes Säuseln. Als Elia das hörte, hüllte er sein Angesicht in den Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle. Da ward ihm eine Stimme, die sprach: Was hast du hier. Elija?" Engherzig und abschließend erscheint Maria, die wiederholt dem Römer ihr Haus weist, nur weil er einem fremden Volke angehört. Für engherzig hält der heidnische Römer überhaupt den Juden. Flavius: „Was meinst du, Quintns? Soll ich nicht meinem Oheim raten, bei diesem wundertätigen Arzt Heilung von seiner Gicht zu suchen?" Der Schreiber: „Ich glaube, seine Heilkunst kommt nur den Kranken seines Volkes^ zu statten." Flavins: „Du magst recht haben. Den Unfern möchte er Gift in die Arznei mischen." So sehen wir auch hier keinen Fortschritt in der Beurteilung des Juden in seinem Verhältnis zu den Andersgläubigen. Jotham ruft gradezu aus: „Die Pest über dich, verfluchter Heide!" Vielleicht wwd manchem auch auffallen, wie die jüdische Dienerin im Hause des Römers diesen begrüßt: „Der Herr unser Gott soll dich leben lasten hundert Jahr. Du bist gerecht und gütig. Herr, auch gegen ein armes Weib, das nicht wert ist, dir zu dienen." Wir müßten ihm recht geben, da wir für diese Art der Diktion keinen triftigen Grund sehen. Das ist in jedem Falle ein Anachronismus, der vollständig überflüssig erscheint. In den Tageszeitungen war jüngst die Nachricht zu lesen, daß in Konstantinopel auf Veranlassung des dortigen Oberrabbiners die Aufführung des Stückes „Der Kaufmann von Venedig" verboten wurde. Wir glauben nicht, daß das Anfführungsverbot der „Maria von Magdala" aus ähnlichen Gründen erfolgt ist, und wir wünschen solches auch nicht. Vielleicht unterzieht aber der Dichter sein Stück einer neuen Prüfung und findet dann selbst, daß es nicht geeignet ist, was wohl des behandelten Gegenstandes nicht unwürdig wäre, die Gegensätze zu versöhnen und auszugleichen.

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