Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.6.1903)
- Date
- 1903-06-17
- Page
- Seite 340 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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340 europäischen Sprache niederzuschreiben und zu unterzeichnen habe, eine schwere Ungerechtigkeit gegen die jüdischen Emigranten enthält. Er bittet daher, daß die Worte „den Schriftzeichen" aus deni Gesetze entfernt werden mögen. Der Reichsanwalt gab zu. daß es nicht im Geiste des Gesetzes wäre, wollte man die von vielen Millionen in Europa lebenden Juden gesprochene Sprache nicht als eine europäische ansehen. Die gegenwärtige Regierung niinmt daher auch im Jüdischen niedergeschriebene Bittschriften für vollwertig an. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, daß eine künftige Regierung weniger liberal sein und die Bestimmungen des Gesetzes ihrem Wortlaute nach anwenden könnte. Die Regierung wird daher dem Parlament ein Amendement im Sinne der Deputation vorlegen. Gleichzeitig ersuchte er die Mitglieder der Deputation, ihre»! ganzen Einfluß auszubieten, um zu verhindern, daß Leute ohne Mittel und ohne Handwerk jetzt schon nach Südafrika auswandern. Oriek aus Osten. ie Bilanz der Reichstagswahleu, die die einzelnen politische»! Parteien jetzt aufstellen, unterscheidet sich durch nichts von der Bilanz nach der» früheren Wahlen. Wo Geivinne zu verzeichne» sind, herrscht Jubel. >vo Verluste, da herrscht der Pathos; die ersteren »vollen aus dem Gewinn Ansporn zu neuen Taten, die anderen aus den Verlusten dasselbe erreirhen. Aber alle sind anscheinend von der Wirksamkeit ihrer programmatischen Forderungen überzeugt und »volle»» an den endlichen Sieg ihrer Ideen glauben. So »var es schon iinmer und überall, nur der Ton ändert sich, nicht die Musik. Und nicht einmal die Auslegung der Gründe der Siege und der Niederlagen ist eine andere ge- »vorden. Die Antisemiten haben trotz der Schlappen in Sachsen einen großen moralischen Erfolg erzielt, „ihre Zukunft liegt iin Osten", „wo der Liberalismus abgewirtschaftet habe." Die Sozialisten haben nun beiviesen, »vie sehr sie die Welt beherrschen. Der Liberalismus »vill sich die Erfahrungen zu nritze »uachen u. s. »v.; allein das Zentrum gibt sich den Anstrich behaglicher Zufriedenheit. Mag mau aber auch über diese tendenziösen Nekrologe spotten und ganz richtig taxieren, daß sie nur ad majorem gloriam suam dienen sollen, für uns, die wir hier nicht parteiliche Politik treiben, lassen sich Lehren genug daraus ziehen, für uns im Osten besonders, weil uns hier Gefahren drohen, für die »vir Verständnis habe» und betätigen »nüssen. Mit vollen» Rechte konnte ein Posener Blatt die Behauptung aufstellen, daß noch nieinals die Verhältnisse ün Osten so zerfahren waren »vie jetzt, rvv die Einigung der Deutschen theoretisch so hübsch funktioniert. Es hat sich tatsächlich gezeigt, daß Partei gegen Partei steht, daß Katholik gegen Protestant, Christ gegen Jude steht. Sie alle werden durch nichts zusammengehalten, als durch die Furcht der einzelnen Personen, sich bloßzustellen. So zerfahren si»»d die Verhältnisse im Osten ge»vordeu, daß die politischen Handelsgeschäfte hinter verschlossenen Türen gemacht werden. Eines Tages »vird verkündet, das und das ist zwischen den Deutschen vereinbart »vorden, das heißt zwischen 5 bis 6 Personen, von denen der eine noch aus den» „Beschlußkomitee" ausscheidet, und dieser Beschluß »vird ausrecht erhalten gegen den Willen der Mehrzahl der Bevölkerung, allein aus dem oben angegebenen Grunde. Die Kandidaten im Osten »verden den Wählern aufoctroyiert. Der Apparat rvollte indessen schon diesmal nicht mehr funktionieren. Man braucht gar nicht eimnal Prophetengabe zu besitzen, um Vorhersagen zu können, daß sich diese Verhältnisse nicht mehr aufrecht erhalten lassen rverde»». Die Einigkeit der Deutschen brachte denn auch schon diesmal den Polen ein Plus von zwei Mandaten. Es wird also anders werden iin Osten, entweder „mit der Leitung oder gegen die Leitung" der Politiker. Und hierin nur liegt für uns die Beruhigung, daß der „moralische" Erfolg der Antisemiten sich nicht steigern und ihre Zukunft im Osten «»»»»»er nur in der Zukunft liegen werde. Wir haben schon früher staunend und kopfschüttelnd gefragt, »vie das bloß »nöglich »väre, daß man „bedingte" Antisemiten zu Kompromißkandidaten aufstellen könne, wie es »veiter möglich wäre, daß nach de»» Prinzip des äo ut des, die Konservativen in Posen mit den Antisemiten in Westprenßen paktieren, um hier unter konservativer Firma mit Unterstützung der Juden eilten bedingten Judengegner durchzubringen, auf daß dort der ausgesprochene Autisemit als Erkorener in den Reichstag ziehe. Der Liberalismus iru deutschen Osten hat sich die schwerste Schlappe geholt bei den dies»naligen Wahle»». Das ist ein Politisches Debakle gewesen, welches der eine bedauern, der andere bejubeln »vird. Uns als Juden aber muß es zuin Nachdenken veranlasien, daß »vir in dieses Debakle a»»f eine besondere Weise mit hineingezogen »verden. Und hierin liegt für uns die große beherzigenswerte Lehre dieser Wahl. Hierin liegt auch der moralische Erfolg, den die Antisemiten tatsächlich im Osten errungen haben. Ebensowenig wie sich der Liberalis- »nus »nit den Juden identifizieren kann, ebensolvenig dürfen es die Juden mit ihm. Wir Juden im Osten, deutsche Juden im deutschen Osten, »vir wollen uns durch keine politische Handelei hinter verschlossenen Türen abhalteu lassen, unser Recht der Selbsterhaltung zu »vahren. Wir wollen kein Politisches Krämertun», welches nur unsere direkten Gegner fördert. Wir »vollen zu»n nlindesten verbürgt haben, daß die Abgeordneten, die d»»rch unsere Unterstützungen in den Reichstag ziehen, unsere Staatsbürgerrechte achten. Soll die Koniproinißpolitik das nicht gestatten, dann fordern »vir »»»»abhängig von ihr, — wollen wir nicht die Schläge heranfbeschlvöreu, die »msere Gegner für uns in petto haben, »vas so selbstverändlich ist, daß die Betonung der Notwendigkeit allein zeigt, wohin »vir schon gekommen si»»d, — daun fordern »vir, daß »vir als Juden respektiert werden. Das ist keine Sonderpolitik, es ist überhaupt keine Politik, das ist die Selbsterhaltung. Fordern »vir das energisch »»nd zielbeivußt, dann »verden wir unter dein Debakle, sei es auch welcher Partei, nicht zu tragen haben. Das ergibt sich für uns mit zivingender Notwendigkeit aus den diesmaligen Wahlen. Discite, moniti! E. Ph. Maria von Magdala. Von Dr. M. Lewin-Wrescheri. b wohl der Dichter des obigen in den letzten Wochen so oft genannten Dramas Harnacks „Wesen des Christenturns" studiert hat? Fast »vill es uns dünke»», wenn wir der Idee des Stückes »vie der Handlung in ihn» folgen. Wir »vollen gewiß nicht Paul Heyse einer Tendenzdichtung bezichtigen, wir können uns aber bein» besten Willen nicht des Erstaunens erlvehren über so »nauches, das uns bei der Lektüre seines Stückes unangenehm ausgefallen. Wir »vissen, es darf der Dichter auch eimnal den realen Boden der Geschichte verlassen, wo ihm solches aus ästhetischen oder sonstigen Gründen geboten erscheint. Er wird es aber gewiß nicht tun, wenn er befürchten muß, hierdurch gewisse