Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 29 (17.6.1903)
- Date
- 1903-06-17
- Page
- Seite 339 (sequence 5)
- Language
- German
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339 zu überreichen, worin es hieß, die Bevölkerung der Vereinigtet: Staaten habe mit tiefem Bedauern Kenntnis genommen von den Berichten über die Leiden der Juden in Rußland und verleihe der Hoffnung Ausdruck, daß die kaiserliche Regierung Mittel und Wege finden werde, der Verfolgung dieser unglücklichen Mitmenschen ein Ende zu machen. Unter Präsident Harrison, 1891, richtete Staatssekretär Blaine eine lange Note nach Petersburg, in welcher Vorstellungen gemacht wurden hinsichtlich der scharfen gegen die Juden gerichteten Maßregeln. Herr v. Giers sprach lange mit dem amerikanischen Gesandten Charles Emory Smith über die Sache, aber eine schriftliche Antwort scheint die russische Regierung nicht erteilt zu haben. Die Petition aber, um die es sich jetzt handelt, lautet also: Die zu Kischinew während des Osterfestes 1903 verübten grausamen Ausschreitungen haben in der ganzen Welt Entsetzen und Empörung erregt. Bis Euere Majestät besondere und persönliche Weisungen dazu erteilten, versäumten es die Lokalbehörden, die Ordnung aufrecht zu erhalten und den Aufruhr zu unterdrücken. Die Opfer waren Juden, und der Angriff war der Ausfluß von Nassenuud religiösen Vorurteilen. Die Aufrührer verletzten die Gesetze Rußlands. Die Lokalbehörden erfüllten ihre Pflicht nicht. Die Juden wurden die Opfer einer unverantwortlichen Gesetzwidrigkeit. Unter gewöhnlichen Umftänbeii würde das entsetzliche Unglück ohne unnötige Furcht vor einer Wiederkehr beklagt worden sein. Aber so liegen die Dinge nicht in dem vorliegenden Falle. Ihren Bittstellern wird mitgeteilt, daß Millionen Juden — russische Untertanen — im südlichen Rußland wohnen, welche in beständiger Angst vor neuen Ausbrüchen leben. Sie sind sich bewußt: daß Unwissenheit, Aberglaube und Bigotterie, wie sie sich bei den Aufrührern zeigten, stets zu ihrer Verfolgung bereit sind, daß man sich nicht darauf verlassen kann, daß die Lokalbeamten für ihren Frieden und ihre Sicherheit strenge Sorge tragen, wenn sie nicht ausdrücklich dazu ermahnt werden, daß eine öffentliche Stimmung der Feindseligkeit gegen sie besteht und eine beständige Drohung gegen sie bildet. Selbst wenn man zugeben willdaß diese Besorgnisse bis zu einem gewissen Grade übertrieben sind, so ist es doch zweifellos wahr, daß sie vorhanden sind, daß sie nicht grundlos sind und daß sie Wirkungen von großer Wichtigkeit haben. Die Auswanderung der russischen Juden nach dem Westen, welche seit mehr als 20 Jahren im Gange ist, wird durch diese Besorgnis noch gefördert/ und diese Bewegung hat einen solchen Umfang gewonnen, daß sie die Vertreibung der Juden aus Spanien bereits in den Schalten stellt und sich dem Auszuge aus Aegypten an die Seite stellen läßt. Das Elend, welches die hilflosen Juden zu erdulden haben, welche sich gezwungen fühlen, ihrem Geburtslande den Rücken zu kehren, die heiligsten Bande zu lösen und fort in fremde Lande zu wandern. ist unermeßlich. Es entzieht sich auch jeder Schätzung, welches Elend diejenigen zu ertragen haben, welche weder gewillt, noch im Stande sind, ihr Geburtsland zu verlassen, welche sich von Freunden und Verwandten trennen müssen. Die Schrecken, die sie erdulden müssen, sind ohne Ende. Religions- Verfolgung ist sündhafter und vernunftwidriger als selbst der Krieg. Krieg ist zuweilen unvermeidlich, ehrenhaft und gerecht; religiöse Verfolgung läßt sich niemals verteidigen. Der Sündhaftigkeit und Torheit, welche den Anstoß zu unnötigen Kriegen geben, wurden die größten Schranken gesetzt, als Eurer Majestät Initiative zu der Begründung eines internationalen Friedentribunals führte. Mit einem solchen Beispiel vor Augen nährt die zivilisierte Welt die Hoffnungdaß auf Grund derselben Initiative in den ersten Tagen des zwcmzigsten Jahrhunderts Religionsfreiheit dauernd etabliert werden lvird, daß durch einen huldvollen und überzeugenden Meiuungsausdruck Eure Majestät nicht nur für die Regierung Ihrer Untertanen, sondern auch als leitendes Beispiel aller zivilisierten Menschen proklamieren werde, daß niemand an seiner Person, an seinem Eigentum, au Freiheit, Ehre und Leben wegen seines religiösen Glaubens leiden soll, daß der geringste Untertan oder Bürger seinen Gottesdienst üben darf nach dem, was ihm fein eigenes Gewissen vorschreibt, und daß eine Regierung, welches auch ihre Form und Organe sein mögen, diese Rechte und Freiheiten gewährleisten muß unter Anwendung ihrer ganzen Macht. Weit entfernt von Eurer Majestät Herrschaftsgebiet, unter verschiedenen Verhältnissen lebend, und unter anderer Staatszugehörigkeit, wagen es ihre Bittsteller, im Namen der Civilisation, für religiöse Freiheit und Duldsamkeit zu plädieren, zu bitten, daß der Mann, welcher sein eigenes Volk und alle anderen zum Hort des Friedens geführt hat, seiner Regierung und feinem Ruhul neuen Glanz verleihen wolle, indem er sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellt, welche die ganze Welt zu Maßnahmen gegen religiöse Verfolgungen verpflichtet." Zu der Deputation des Ordens, die ihm die Petition überreichte, hat der Staatssekretär Hay gesagt: „So traurig auch das Kischinewer Massakre für die Judeir sein mag, es wird was Gutes daraus hervorgeheu, denn es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Das ist auch unsere unwandelbare Hoffnung. Freilich sind wir trotzdem nicht so leichtgläubig, die aus London kommendelr Nachrichten einfach für wahr zu halten, nach welche!: der Lord Mayor öffentlich erklärt haben soll, er sei zu der erfreulichen Hoffnung berechtigt, daß die Gleichberechtigung der Juden in Rußland in naher Zukunft eine Tatsache werden wird. Der Zar sei durch die Ereignisse in Kischinew auf die Judenfrage aufmerksam gemacht worden, und wir würden es hoffentlich noch alle erleben, daß ein die Gleichberechtigung der Juden anerkennender Ukas erscheinen wird. Im gleichen Sinne und an: selben Tage (am 28. Juni) soll sich in der Sitzung des Board of Deputies Leopold von Rothschild geäußert haben. Das alles klingt wohl unwahrscheinlich. Aber trotzdem — es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels! £ Inzwischen ist in Kischinew, wie das „H. T.-B." meldet, ein Direktor aus dem Justizministerium eingetroffen, um im Aufträge des Zaren eine Untersuchung vorzunehmen. Alle bereits aus der Haft entlassenen Personen finb wieder verhaftet worden. Der angebliche Hauptschuldige Pizerjewski hat sich der Strafe durch Selbstmord entzogen. Die moralischen Urheber des Gemetzels werden ebenfalls zur Rechenschaft gezogen. All das schreckt aber die russischen Antisemiten nicht. Vielmehr hat die „Nowoje Wremja" in den letzten Tagen eine ganz neue Art von Abwehr gegen die anrerikanische Bewegung zu Gunsten der russischer: Juden angewandt. Sie läßt sich jetzt so gut wie täglich über Negerverfolgungen und Negermetzeleien in Amerika aus London melden, und zlvar in ganz denselben Ausdrücken, mit denen sonst die Lage der russischen Juden charakterisiert wird. Außerdem rneldet dasselbe führende Antisemitenblatt, die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika habe die russische Regierung aufgefordert, das durch die im Jahre 1834 zwischen Nordamerika und Rußland abgeschlossene Konvention amerikanischen Staatsbürgern eingeräumte unbeschränkte Wohn- und Aufenthaltsrecht in ganz Rußland auch auf die amerikanischen Staatsbürger jüdischer Konfession auszudehnen, weil die Nichteinräumung dieses Rechtes an amerikanische Jude:: eine Verletzung der erwähnten Konvention bilde. Darauf gibt die „Nowoje Wremja" folgende, zweifellos inspirierte Antwort: „Rußland habe niemals gewagt, sich in die inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten von Nordamerika einzumischen, es werde aber auch keine, wie immer geartete Einmischung der Amerikaner in seine inneren Angelegenheiten dulden." £ Eine vom Rechtsanwalt Alexander geführte jüdische Deputation wurde am 28. Mai vom Reichsanwalt (Attorney- General) der südafrikanischen Kolonie empfangen, um ihre Beschwerden über ungerechte Behandlung der jüdischen Einwanderer entgegeuzunehrneu. Mr. Alexander führte aus, daß die Bestimmung der von: Kapparlament angenommenen Einwanderungsbill, wonach jeder Einwanderer eine seine Zulassung befürwortende Bittschrift in den Schriftzeichen einer