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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-04-21 · Heft 48 (21.4.1838) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 48 (21.4.1838)
Date
1838-04-21
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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180 cherr, indem sie einige ihrer Worte aus dem ZusammenhanKe reißen § worin es heißt: „Daß der Sehn und der Enkel' eines Rabbinen den Vorzug vor andern Konkurrenten habe, sobald sie ihrem Vater an Gottesfurcht gleich kommen und auch einigermaßen gelehrt sind", und diese Worte der Regierung ungescheut vorlegen, als wäre wirklich die Legimitat des Rabbinats ein im Judenthume sanctionirtes Gesetz, als hatte man alles, was in irgend einem lalmudischen Buche sich vorsindet, für unbestreitbare göttliche Tradition zu halten! Sie irren sich aber gewaltig, wenn sie glauben, daß die Entscheidung der drei Rabbinatsverweser, die wahrscheinlich aus gleichem Interesse zu ihren Gunsten ausfallen wird, und auf welche sie es uransanglich abgesehen hatten, ihnen den erwünschten Sieg erringen würde. Es gibt noch unter den Juden Männer genug, die sich auf die optischen Täuschungen der posener 8e)iÄ88-(Hedra verstehen- und ihre Pläne gar leicht vereiteln können. W;r sich nur die geringe Mühe gibt und den ^ore-vea aufschlägt, findet noch folgende Worte aus dem Colbo in gleicher Gesetzes-Kraft vom Rabbi Möse Jssarles ausdrücklich hinzugefügt: „Wo es aber Gebrauch ist, einen Rabbinen nur auf eine bestimmte Zeit anzustellen, oder vermittelst veranstalteter Wahl, so ist es erlaubt", d. h. sowot auf den legitimen Ra'bbinatserben nicht Rücksicht zu nehmen, als auch denamtrrenden Rabbinen selbst zu entamten, und einen Andern zu wählen. Ja die tägliche Erfahrung lehrt, daß dies angebliche Gesetz völlig unbekannt ist in den jüdischen Gemeinden, so sehr, daß schon die Frage an sich als etwas ganz Neues, noch nie Vorgekommenes erscheinen muß. Warum hatte Prag nach dem Absteroen des großen Rabbi Jecheskel Landau, nicht dessen Sohn an seine Stelle eingesetzt? Gäbe es ein solches unverletzbares Erbrecht, wie konnte die galizische Stadt Brody zwei Rabbinen nach einander, den R. Juda Arje Tumim und den R. Lazar Landau wählen, und erst jetzt nur aus Commiseration den legitimenMichaelChristianpolec den Rabbinenstuhl einnehmen lassen? — Aber das ist ihrErnst nicht; nicht dasGesetz wollen sie beachten. Unsre bessre Zukunft wollen sie uns entreißen, der herrschsüchtigen Dummheituns preisgeben, unddenKeim des Guten und Wahren frühzeitig in uns ersticken.' Mit neidischen Augen sehen sie in die kommenden Tage, wo nur wahre Wissenschaftlichkeit und gründliche Bildung das ehrenvolle Amt eines Rabbinen wird bekleiden dürfen, und sie und ihre Ignoranz keine Autorität mehr besitzen werden; und das mögen sie nicht; möchten eher einen Zwer; in Riesenkleider stecken, eher eine Katze zum Löwen machen, als sich selber von einem Löwen beherrschen lassen. Schützen der Regierung Frömmigkeit vor, und laden auf sich eine Sünde, deren die spätesten Enkel sich schämen werden, und die eine Welt voll Hekatomben nicht zu sühnen vermag. Große Forderungen stellt an uns die Zeit, mahnend ruft uns die Nachwelt zu: Lasset die Gegenwart nicht thatlos verschwinden und bahnet uns den Weg; sie aber verstopfen sich die Ohren und hören es nicht, wenden den Rücken um und kümmern sich nicht. Vorwärts schreitet unaufhaltsam das Judenthum in wissenschaftlicher Begründung, wie in äußerer Freiheit, zweckmäßige Erziehungsunb Lehranstalten für die Jugend werden errichtet, Gotteshäuser werden -rbaut, worin der Erwachsene Belehrung und geistige Veredlung schöpfe« soll für das Leben, für de» Staat, für häusliche Glückseligkeit. Männer chrrn uns noch, die uns in Wissenschaft und Literatur, in Kenntniß und Mauben, in intellektueller, sittlicher und socialer Beziehung vertreten sollen, deren kräftiges Wort dem Zweifler Gewißheit, dem Schwankenden Festigkeit, dem Indifferenten heiligen Eifer und dem Unwissenden Belehrung gewährt; aber die eigennutzsüchtigen Männer der Finsterniß fühlen es nicht, Wissenschaft ist ihnen Ketzerei, und,bürgerliche Gleichstellung nationale Auflösung. Wir ehren und schätzen den Fleiß, der in den heiligen Denkmalen des Alterthums, in den großen Folianten des Talmuds, sich vertieft, und wir würden in dieser Rücksicht mit dem Herrn S. E. vollkommen zufrieden sein, wiewol er nur vom Tafelabhub seines Vaters zehrt. Aber einen Volkslehrer haben wir vonnöthen, emen geistlichen Repräsentanten der Gemeinde, der auch das Bibelstudium gründlich betrieben, der jüdische Geschichte und Literatur ebenso wie tüchtige homiletische Bildung sich angeeignet und uns vor Gott und Menschen würdig vertreten kann. Früher mag es wol einer Gemeinde genügt haben, einen Rabbinen zu besitzen, der nicht einmal so viel Hebräische Grammatik verstand, wie ein christlicher Tertianer auf einem deutschen Gymnasium, wenn er nur ein guter Talmudist war und recht scharfsinnig disputiren konnte'; die Jugend selbst beschäftigte sich mit nichts Anderem, als mit dem Talmud, jetzt aber macht die Zeit an uns viel größere Ansprüche, darum auch wir an den Rabbinen. — Woher nun die Anmaßung der Gegners Weil selbst die Bessergesinnten, die, gingen sie nur rascher und nachdrücklicher zu Werke, alles bewerkstelligen könnten, aus Mangel an einem ermuthigenden Wortführer, an einer sittlich-mächtigen Persönlichkeit, welche wir. eben fordern, lau und nachlässig den Gegnern eine falsche Schwäche zeigen, und sie zu . einem Angriff herausfordern, zu welchen sie me ohne gewaltigen Anreiz den Muth gehabt hätten. Weit selbst das Gute und Edle, das sich in manchen Gemüthern regt, noch einer unerschütterlichen Befestigung entbehrt; weil es noch nicht durch das Beispiel und den Zuruf eines begeisterten und begeisternden Gotteshirten zur gottseligen That, zur alles überwindenden und erleuchtenden Gottesflamme angefacht worden. Nicht nur die Unwissenden und die Ausgearteten bedürfen der Belehrung und Besserung, auch die Wissenden, auch die Guten. Der Gebildete wie der Ungebildete,, der Gelehrtenstand wie das Volk, muß einen hellstrahlenden Fipstern zum Mittelpunkte haben, um welchen sich dieManeten ihrer Wissenschaft und Cultur, ihres Lebens und Wirkens', ihres Höffens und Wünschens, ihrer religiösen und sittlichen Bedürfnisse concentrisch bewegen, aus welchen sie Licht, Kraft und Warme erhalten für Erziehung, Leben und gedeihliches Wachsthum. Düs unverständige Geschwätz der Justemitianer, ihre momentan beschwichtigende Palliativkur, kann uns hier gar nichts nützen, einen für die jetzige Zeit Unberufenen auf den Rabbinenstuhl setzen; ihm Macht und Würde eptheilen, alle unsere Interessen und Angelegenheiten von ihm leiten Lassen, den gebildeten vielvermögenden Geist aber ihm unterordnen, als Prediger in der Wüste —das ist eine Verkehrtheit, die in unftrm Jahrhunderte überraschen muß. Mir

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