Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 335 (sequence 13)
- Language
- German
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335 „Die Gnade meines königlichen Gebieters ist unbegrenzt und keinem ergebeneren Diener konnte der König während der Abwesenheit das Land anvertranen . . . „Gewiß!" unterbrach ihn die Königin und ihr Blich der dis jetzt das Gesicht des Statthalters gemieden, suchte in seinen scheinheiligen Zügen zu lesen, „Dir ist das Wohl Judäas anvertraut worden, aber das verleiht Dir nicht das Recht über die Königin." „Ferne sei es von Deinem Knecht, erhabene Herrin, Dir unehrerbietig zu nahen, so wie ich dem Könige ergeben bin mit Leib und Seele, so diene ich auch meiner Königin." Ein unwilliges Achselzucken war die Antwort auf diese in süßlich widerlichem Tone gegebenen Versicherungen seiner Treue. Dann wandte sie dem verblüfft Dreinschauenden den Rücken zu und schien sich um seine Anwesenheit im Gemache nicht mehr zu kümmern. „Der Zorn meiner Königin trifft das unschuldige Haupt ihres ergebenen Freundes . . ." „Freundes, sagst Du?" und mit jäher Wendung blieb sie vor dem Statthalter stehen; „Dn der Gatte Salomes wärst mir ein Freund? Was tat ich, um diese Freundschaft zu erringen?" fuhr sie fort, indem sie ihr Auge forschend in das Antlitz des vor ihr stehenden Josefus senkte. „Nenne es die Stimme des erwachten Gewisseils, Mariamne, nenne es Furcht vor dem göttlichen Strafgerichte, die mich beherrscht, ich weiß es nicht, aber glaube mir," und seine , Mienen nahmen einen düstereil Ausdruck ail, „der Zweck meines Lebens ist von nun an, Dir und Deiner erhabenen Mutter zu dienen mit allen Kräften." „Ich höre Deine Worte." unterbrach ihn, milder gestimmt dirrch den Ausdruck der Ergebenheit, die in den Worten Josefus lag, die Königin, „aber ich ' fasse den Sinn Deiner Rede nicht. Du, der Gatte Salomes, die meine Feindin ist. Du wolltest mir und Alexandra bienen? Was frommt mir Dein Dienst?" Und mit geringschätziger Miene lvandte sie sich ab. „Wohl bist Du die Gattin eines mächtigen Königs und ich nur Dein treuester Diener, allein der Wille des Herrir legte in meine schwachen Hände Dein Geschick." „Mein Geschick?! Du faselst, Josefus! Was hättest Du mit dem Geschicke der Königin zu schaffen?" „Doch!" setzte sie nach einer Weile hinzu, „die Zeit geht dahin in müßigem Geschwätz und draußen harrt der Bote des Königs! Führe ihn zu mir!" „Dn nimmst die Versicherung meiner Treue für müßiges Geschwätz und dennoch wird mein Herz nicht Ruhe finden, ehe ich die Tat vollbracht, zu der mein Gewissen mich überinächtig drängt." „Und was hätte ich oder die Botschaft meines Gemahls mit der Ruhe deines Gewissens zu tun?" „Verzeih Deinen: Knechte, o Königin," und ehe sie es wehren konnte, war er vor ihr in die Knie gesunken und bedeckte den Saum ihres Gewandes mit seinen glühenden Lippen. „Vergib, wenn ich Dich von meinem Dir so lästigen Anblick noch nicht befreie, allein der Gedanke au meine Tat raubt mir den Schlaf meiner Nächte und umklammert mit höllischen Qualen mein Herz — und nicht eher wird meinem Auge wieder das Licht des Himmels leuchten, als ich diese grausige Tat, der ich in Vollstreckung eines Herrscherwortes meinen unseligen Arm geliehen, gesühnt habe . . . ." „O Josefus," sagte mit tränenerstickter Stimme die Königin, „womit kannst Du diese zum Himmel schreiende Missetat sühnen?" „Indem ich Dich und Alexandra, die ihr dem Herzen des schuldlos gemordeten Aristobul teuer wäret, vor dem gleichen Schicksal bewahre. . . ." Ein Schrei bebender Angst entrang sich Mariamnes Kehle und das Antlitz verhüllend, erschauerte sie in lähmendem Entsetzen. „Das gleiche Geschick?" kam es ächzend von ihren Lippen, „das gleiche — Josefus, also auch mir und meiner unglücklichen Mutter droht „Der Tod, o Fürstin!" kam es kaum hörbar ans Josefus Mnnde und rasch, in abgerissenen Worten, mit fliegendem Atem setzte er hinzu: „Ja, kalter Schauder ergriff Deine Glieder, Mariamne, und Dein junges Herz erbebt bei dem Gedanken an ein nahes Ende — und dennoch hat es der König so bestimmt." „Der König hätte mir den Tod bestimmt," entrang es sich bebend den fieberheißen Lippen der jungen Königin, „was ist mein Vergehen? Weshalb trifft der Zorn des Königs mein schuldlos Haupt? Erhebe Dich, Josefus, nicht ziemt es dem Statthalter Judäas, im Staube zu liegen vor dem Schattenbilde einer Königin. Und rede!" „O Mariamne, Deine Worte durchbohren mein Herz und die edle Güte, die Du bekundest, läßt mich mein Verbrechen in weit gräßlicherem Lichte sehen. Allein ich will es sühnen, indem ich Dich und Deine edle Mutter vor dem Henkertod bewahre, den zu vollstrecken Herodes in meine Hand gelegt hat. So vernimm denn, o Fürstin, was mein Herz zerfleischt mit tausend Qualen. Du weißt es: und alle, am Hofe sowohl, als im ganzen Volke wagen es nur nicht laut zu bekennen, daß der edle Aristobul, Dein königlicher Bruder, den Tod nicht durch Zufall gefunden." „O daß er ihn dennoch finden mußte, mein herrlicher Aristobul!" kam es schmerzlich aus dem Munde der Königin. „Ein schwaches Werkzeug in der Hand des Tyrannen mußten auch meine Hände dazu beitragen ..." Schaudernd verhüllte Mariamne ihr Gesicht. „Vollende!" gebot sie, „und Peinige nicht mein Herz mit der Wiederholung des Gräßlichen!" „Galt es bei dem Unglücksfeste in Jericho," fuhr Josefus fort, „dem König gegenüber keine Gewissensangst zu zeigen, ja, Salomen, die zu dem edlen Jüngling in sündiger Glut entbrannt war, sogar mit Hohn und. Spott über ihre Verirrung zu begegnen, so schnitt der Anblick Deiner Trauer, Mariamne, mir tief ins Herz — allein ich inußte inich beherrschen : zu scharf ist das Auge des Königs. Nun aber ertrage ich diese Qualen nicht länger und seit in der verflossenen Nacht der Geist ineines abgeschiedenen Vaters nahte und seine bleiche Knochenhand drohend gegen mich erhob, da stand mein Entschluß fest: ich mußte Dir, o Fürstin, meine Schuld bekennen, mußte in Deinem Auge Verzeihung lesen und Dich retten!" Die Königin verharrte in dumpfem Schweigen. Vor ihr inneres Auge zog mit grausiger Klarheit das Bild ihres gemordeten Lieblings und heißes Schluchzen erschütterte ihren Leib. „Der König," fuhr nach einer Pause Josefus fort, „der fürchtet, von Antonius verurteilt zu werden, hat mir den Auftrag gegeben, im Falle er nicht lebend aus Laodicea heimkehren sollte in sein Reich, Dich, o Mariainne . . . schaudere nicht . . . dem Tode zu Überliefern." „Und was ist mein Verbrechen?" „Deine engelgleiche Schönheit, erhabene Fürstin," eutgegnete Josefus, „Herodes bebt bei dem Gedanken, daß nach seinem Tode ein anderer Sterblicher sich Deines Besitzes freuen würde..." „Und darum soll ich getötet werden?" hohnlachte Mariamne, „wahrlich, daran erkenne ich meines königlichen Henkers Herz! Doch vollstrecke die Befehle Deines Gebieters, mir bangt nicht vor dem Tode . . . allein," setzte sie nach einer Weile stummen Nachdenkens hinzu, „wozu dient das Geschwätz? Noch lebt Herodes!"