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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-10 · Heft 28 (10.7.1903) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 332 (sequence 10)
Language
German
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332 Lichtbildervorträgen und Massendrucken. Das hat das beleidigte Gewissen der jüdischen und christlichen Gesellschaft Delitzsch entgegengerufen, und zwar durch den erlauchtesten Vertreter derselben, durch Kaiser Wilhelm, in dessen ewig denkwürdigem Hollmann-Brief. Dies Dokument unterschreibt, vorbehaltlich der auf Christus bezüglichen Stellen, wohl jeder Jude. Es bescheinigt ganz unverblümt dem „gutem Professor", das; seine theologisch-religiösen Hypothesen doch recht nebelhaft und gewagt seien, das; er trotzdem die Taktlosigkeit begangen, sie vor einem Laienpublikum zuin Besten zu geben, das; er also seine Position als Assyriolvge unberechtigt verlassen habe, vom Religionsgebiete aber als unzulänglicher Angreifer zurückgewiesen werden müsse. Das war ein glimpfliches Verfahren mit einem Manne, der nicht etwa nur den heiligen Charakter des Alten Testaments leugnete, sondern den Geist des letzteren schmähte und sich anschickte, mit dem Neuen Testament ähnlich ins Gericht zu gehen. Sich anschickte — wovor er aber, durch eben jenen Brief rechtzeitig gewarnt, behütet wurde. Sv ist dein; der Bibelstreit zu Ende. Dem; der verkündete dritte Vortrag wird wohl kauin gehalten werden, das ist klar. Sollte er aber doch noch folgen, dann kann er nach dem Vorgesallenen nicht mehr das bringen, ivas man von ihn; erwarten oder befürchten musste. Man halte nicht etwa den jetzt veröffentlichten Vortrag „In; Lande des einstigen Paradieses" für den gewünschten dritten. Der ist eine so lebhaft dargestellte Reisebeschreibung, daß man selbst die Insektenstiche mitfühlt, aber andere Stiche oder Stöße gibt es da nicht. Es zeigte sich sogar, daß ein bischen Revolution gegen den „Alten Bund" sehr leicht gut zu machen ist, wenn man sonst nur stramm deutsch nnd christlich denkt und redet, und allzugroße Ketzereien in der Tasche behält. So ist denn der Bibelstreit für diesmal zu Ende. Die Wissenschaften nehmen jede ihren Teil. Die Bibel freut sich der Bereicherung von den Nebenwissenschaften her, nnd ist gar nicht so undankbar gegen die Asshriologie, wie Delitzsch von ihr argwöhnt. Die Theologie prüft die erhobenen Einwände gegen ihr Wesei; und ihre Methode, und freut sich der seltenen Erscheinung, das; ihre Probleme das Tagesgespräch bildeten, wodurch Klärung und Verständigung erhebliche Fortschritte machen müssen. Die mehr historische Religionssorschnng nach den; Ursprung des etischen Monotheismus erhält neuen Ansporn. Aber das Judentum hat doch die grösste und wichtigste Genugtuung: Soviel Widerlegungen Delitzschs, soviel Ehrenrettungen unserer heiligen Schrift sind hervorgetreten. Und wenn christliche Gelehrte, Theologen sich darin besonders auszeichneten, so haben sie zum Teil widerwillig, zum Teil aber auch in ehrlicher Ueberzeugung und Begeisterung zur Verherrlichung der israelitischen Urkunden beigetragen. Wahrlich die wenigsten von ihnen etwa aus Frenudschaft fürs Judentum; aber Lob aus gegnerischem Munde, das wiegt doppelt. Wir wollen uns indessen keiner Täuschung hingeben: nur die antik-israelitische Religionsliteratur war gemeint, ihr galten die Ehrenrettungen, ihr, deren Bewertung durch die christliche Theologie gleichsam normiert ist; Gott behüte, dem Judentnin, oder wenn gar diesem — nicht etwa uns Juden! Durch die dicke Finsternis der Dogmen gesehen, haben wir Inden überhaupt keinen Anteil an den Heilsoffenbarungen Gottes mehr, auch nicht an denen des Alten Bundes. Ein Harnack urteilt kaltblütig'), „das jüdische Volk hat^durch die Verwerfung Jesu seinen Beruf sic. ein Eottesvolk zu sein) verleugnet, und sich selbst den Todesstoß versetzt," also auch seinen Anspruch an die heilige Schrift verloren. Wirklich ist es ja auch zur Strafe, h Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, S. 50, und dazu Eüdemann in Brann's Monatsschrift 1903, S. 122. wahrscheinlich vom Teufel verführt, auf die Abwege des schändlichen Talmud geraten. Nur daß dieser Talmud ihm zugleich die Bibel umschloß! Wie vom springenden Punkt im Herzen der ganze Organisnms sich bildet, so von der Thora aus das starkbewehrte Judentum. Ob wir mit der Thora, mit ihrem heiligen Geiste und ihren göttlichen Lehren verknüpft waren, auch im Mittelalter? Fraget die Tausende von Märtyrern, wofür sie starben! Ob wir mit ihr heute noch als Juden verbunden sind? Fraget die Tausende von Bekenner«, wofür sie leben und leiden, Zurücksetzung und Demütigungen, Schaden an Ehre, Gut und Blut erdulden? Für den Nimbus des Judentums, d. i. die Ehre, Jude zu sein! Es war eine erfreuliche Erscheinung, daß die Bibel soviel Verteidiger fand; eine erfreulichere, daß darunter soviel ihrer eignen Söhne, also Inden waren. Wir hätten vielleicht noch schneller und energischer auf den Plan treten sollen. Wirklich hat es nicht an hämischen Bemerkungen darüber gefehlt, das; höchstens das gesetzestreue Judentmn sich durch Delitzsch' Angriffe verletzt gefühlt, das Resornflndentun; aber eher zugestimmt, ja triumphiert habe. Gemeint waren natürlich einige Preßstinunen in liberalen Tageszeitungen, die bekanntlich alle von Rabbinern redigiert werden. Am gleichen Tage, da ich eine derartige Unterstellung iir einem kirchlichen Anzeiger las, war gerade Mahbanms geharnischte Erklärung in diesen Blättern (Nr. 4) erschienen. Und vornnd nachher sind die Rabbiner aller Richtungen nicht müßig geblieben, für die einstimmige Verurteilung Delitzsch' Zeugnis abzulegen. Wir dürfen hier wohl den allgemeinen Wunsch aussprechen, daß Dr. Jacob's treffliche Artikel in dieser Zeitung auch als Buch herausgegeben werden. Keine größere Gefahr könnte uns jemals drohen, als wenn wir Inden bei der Diskussion um die großen biblischen Fragen ausgeschlossen würden. Christliche Theologie und christliches Volk können niemals der Weisung Delitzsch' folgen, dem das Christentum als „geistliches Israel" eine viel zu bescheidene Rolle spielt. Das Christentum kann diese Nolle niemals anfgeben, mag sie zun; Aerger unserer Gegner noch so semitisch gefärbt sein. Wir Juden aber können ihm dieselbe nicht einmal zngestehen, oder gar ausschließlich überlassen. Der Wettstreit darun; wogt ja schon an die 1800 Jahre, er hat Brände entfacht, Ströme Blutes verschuldet; aber er lenkt still und allgeinach in friedlichere Bahnen ein und wird zum Ringen der Geister. Da aber können wir Inden als die Minderheit desto besser unseren Mann stehen, und den Sieg des Rechts und der Wahrheit erhoffen. In unfern Tagen gilt es, durch unser praktisch betätigtes Judentum, sowie durch nachdrücklichste» Betrieb biblischer Wissenschaft den tausendstimmigen Beweis zu erhärten: das Volk der Bibel, das sind nicht ausschließlich, aber zuerst nnd vorzüglich die Juden. 2233 Daoidche Kolsun. (Eilte Geschichte aus dem jüdischen Lamilienleben. Von B. Herwi. II. uch an die Vertreibung aus der armseligen Häuslichkeit dachte jetzt David, an den mühseligen Weg, die Entbehrungen, seine Schlnerzen, dann an die große, lange Krankheit init den vielenOperationen— und nun sollte die Trennungkommen von der guten Frau Moser, die so mütterlich für ihn sorgte, von

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