Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 331 (sequence 9)
- Language
- German
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Amraphel-Hammurabi begegnet zwar >,ei anderen Forschern »roch Zweifeln; Wissenschaft und Judenum aber danken Delitzsch für seine Bemühungen um Abraham, und bitten die Assyriologen, sich doch auch Isaaks und Jakobs anzunehmen, die wir leider noch allzu oft unter die Götter, statt unter die Menschen versetzt sehen. (Bergt, dazu König: Babylonisierrrngsversuche betreffs der Patriarchen und Könige Israels.) Doch nun zu den Hauptschlügen. Die Religionswissenschaft und zwar zuerst die vergleichende Mythennnd Sagenkunde lieferte das schwerste Geschütz. Die biblischen Erzählungen von Weltschöpfung, Paradies, Sündenlast, Sintflut seien nicht nur babylonischer Herkunft, sondern verwässerte Aufgüsse, verschlinimbesserte Rezensionen tiefsinniger babylonischer Religionsdichtungen. Sie sind zwar monotheistisch überarbeitet, doch noch voller heidnischer Spuren, und bedeuten irr ethischer Beziehung eher einen Rückschritt, denn einen Fortschritt gegen Babel. Dieser Gegenstand rief die meisten Kämpfer auf den Plan, indem hierüber Assyriologen, Sagenjorscher und Theologen gleicherweise zum Urteil berufen waren. Das Resultat ist eine mehr oder urinder entschiedene Ablehnung der Delitzsch'scheu Behauptungen; ja, wenn man von wenigen, sanfteren Zurückweisungen absieht, „ein einstimmiger gellender Vorwurf" aller besonnenen Gelehrten, die nach Wahrheit suchen! Es mochten Assyriologen wie Hilprecht, Jeremias. Hommel, Jensen auftreten, oder Theologen wie König, Cornill, Oettli, Budde, Gunkel, Kittel, Diettrich; oder Semitologen und jüdische Gelehrte wie Barth, Jacob, Leimdörfer, Rosenthal (um nur einige zu nennen), nirgends ein Eideshelfer Delitzsch'. Man konnte kaum von einem Streite Für und Wider reden; von den verschiedensten Lagern aus, und aus einer wohlbegründeteu Siegesgeivißheit heraus hieß es einfach: Wider Delitzsch! Dieser hat die Wahrscheinlichkeit eines gemeinsemitischen Sagenbesitzes übersehen; die souveräne Gestaltung desselben auf dem Boden des israelitischen Monotheismils unterschätzt und verkleinert, den ethischere Gedankengehalt der Bibel vollends verleugnet. Wenn Delitzsch von diesem Standpunkt aus sich dazu verleiten ließ, den ethischen Monotheismus des Judentums in Bausch und Bogen in Zweifel zu ziehen, und lieber in Babel einen mächtigen Zug zum Monotheismus und eine erstaunliche Höhe der Ethik zu entdecken, als der Bibel den geringsten Vorrang zu belassen, so war die Diskussion mit ihm allerdings bald zu Ende. Und wenn er es über sich brachte, die denr primitiven Kultbedürfnis entstammenden Astartefigürchen mit der dem hochentwickelteil Kunstsinn entflossenen „Eva" von Brütt in ninnittelbare Beziehung zu bringen, oder die Bildersprache eines Daniel mit den katholisierenden Bildern eines Schnorr von Carolsfeld, so hat er nur bewiesen, daß »ran ein großer, scharfsinniger Philologe, und dennoch für ernste theologische Spekulation rintauglich sein kann. Dieserr Beweis vervollständigten Delitzschs Behauptungen über den Gottesnamen JHWH und über den Sabbat. Die richtige Lesung des ersteren aus den drei Tontaseln vorausgesetzt, so bliebe die Entdeckung absolut unsruchtbar, solange die Beziehung dieser Gottheit zum J H W H der Bibel in der Luft schwebt. Denn für eine Entwicklung des ersteren aus der Mitte der babylonischen Götzenwelt heraus zum Gotte der Bibel fehlen sämtliche Anhaltspunkte. Daß der Sabbat der Bibel aber das gerade Gegenteil des babylonischer! bedeutete, hat Barth überzeugend nachgewiesen. Jenen Beweis theologischer Unzulänglichkeit besiegelte Delitzsch durch seine» unbesonneneu Vorstoß gegen den Offenbarungscharakter der jüdisch-christlichen Religivnsurkunden und der auf diese gebauten Religionsforrnen. Wie auf dem Dioritblock des Hammurabi dieser von Schamasch sein Gesetzbuch empfängt, so, das heißt ebenso rvenig, weil ja Schamasch nur ein Hirngespinst ohne Wesen und Wahrheit ist, hätte Mose die Tafeln am Sinai oder irgend eine sonstige Offenbarung von Gott empfangen, und so wenig, fügen wir dem dritten Vortrag vorgreifend hinzu, hätte Gott jemals zu Jesus gesprochen: Du bist niein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen finde, hätte er ihn zur Erlösung der Menschheit ausgesandt, und überhaupt irgend eine andre, als nur orientalisch-phantastisch-gedachte Verbindung mit ihm; kurz, die Bibel beider Testamente ist Menschenwerk, kündet nur rein menschliche Begebenheiten, Stimmungen. Gesetze, Verheißungen. Die Theologie nruß sich selbst zersetzen, zur Religionswissenschaft in rein historischer Absicht rverden, die dem Begriff der Offenbarung direkt tätlich ist. Wer mit Offenbarung jenen rückständigen Begriff einer Inspiration des Buchstabens rrnd einer sprachlich-artikrrlierten, physisch-vernehmbaren Mitteilung zu verbinden gewohnt rvar, hat es leicht, sich beim Aufblitzen besserer Erkenntnis in die Rolle eines Reformators, eines Befreiers der Menschheit von jahrtansendlangem Vorurteil hineinznredeir. Ob wirklich die christliche Theologie bis in die jüngste Zeit hineirr mit jenen Begriffen ernstlich operiert hat, und durch Delitzsch zu allererst aufgerüttelt rvvrdeu ist, rvollen wir auf sich beruhen lassen. Selbst dann brauchte sie sich übrigens nicht im Sinne Delitzsch' bankerott zu erklären, denn sie ändert dann vornehmlich an ihrer dogmatischen Form, bleibt aber, was jede Theologie von Haus aus ist. reine Wissenschaft von den religiösen und religiös-sittlichen Tatsachen im Gemüt des Einzelnen und in der Menschheit. Das Judentum aber, so hat Dr. Jacob mit Recht hervorgehoben, hatte niemals jenen versteinernden Jnspirationsbegriff auch nur für die Thora, geschweige für die ganze Bibel. Die Synagoge hat es Rabbi Jose nicht verübelt, wenn er schon (Mechilta zu Jittro, Kapital 4) Elias Hinrmelfahrt und selbst Gottes Sinaioffenbarung rein geistig erklärte. Wenn der Talmud der Thora höchste Autorität zuerkermt, folglich ihrem Wortlaut, Sinn, Ausdruck, ja Buchstaben peinlichste Aufmerksamkeit zuwendet, sie aber eben damit doch auch rein rnenschlicher Behandlung zum Zwecke der Verwendbarkeit in Ritus und Recht unterrvirft, so tut er nicht viel anderes darrrit, als was unsere Rechtspflege mit denr sanktionierten Gesetz tut, zu dem sie Motive, Formulierung, ergangene Bescheide re. als Hilfsrnittel für den einzelnen Fall heranzieht. Gerade die jüdische Gesetzesforschung bewegte sich in menschlichen Geleisen und sollte das auch nach maßgebender Auffassung der berühmten Deuteroiwminmstelle 30, 11, wonach die Thora nicht mehr im Himmel, sondern im Munde rurd im Herzen der Menschheit sei. Auch nicht die Inspiration der Schöpfrmgs- oder Adamsgeschichten bekürnrnerte das Judentnm bei seiner Dogmenlosigkeit viel, geschweige die der sehr menschlichen Geschichtsbücher und Hagiographen. Ihm rvard das Problem der Offenbarung eirrzig zum Problem der Prophetie. Als solches war es wichtiger Bestandteil der jüdischen Religionsphilvsophie.und führte zurSpekulativn über Möglichkeit, Bedingungen, Formen und Stufen derselben. Talmud und Religionsphilosophie führen für den gebildeten, geschweige gelehrten Juden nur eine Sprache, und diese Sprache, mag sie gleich mit dem Ausdruck des gemeinen Mannes nicht völlig übereirrstimmen, sie würde auch ihm nienrals gefährlich werden können. Dennoch hat eine immerhin tastende Spekulation über so schwierige Begriffe, wie Offenbarung, also göttliche Mitteilung, Führung, Gesetzgebung ihren Platz nicht in Laienversainrnlungen,