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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-10 · Heft 28 (10.7.1903) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 330 (sequence 8)
Language
German
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SSO sich ernähren und der Gesellschaft nützlich sein können. Bei Knaben, die bald nach ihrer Entlassung in die Lehre kommen, ist da die eigentliche Fürsorge ihres zweiten Vaters am Rande. Was aber sollen Mädchen im Alter von 14 Jahren in der Welt beginnen? Mangeln ihnen doch Fähigkeiten und Kenntnisse, die sie in fremdem Haushalt brauchbare Verwendung finden lassen. Darum ist es die bange Sorge des ehrlichen Erziehers, den Mädchen, namentlich den Vollwaisen, eine weitere Ausbildung zu ermöglichen, die sie körperlich, geistig und sittlich so kräftigt, sv festigt, daß sie allein ihren Lebensweg nehmen können, ohne nach der einen oder anderen Seite hin zu straucheln. Das Mädchenheim in Breslau, das die eben angedeuteten Ziele verfolgt, ist Silbersteins zweite, nicht genug anzuerkennende Tat, die Schöpfung seines Herzens. Und daß er dieses Werk in hohem Alter zur Reife geführt hat, verleiht seinem Wirken die Krone. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Franenabteilnng der Lessingloge zu Breslau Silbersteins Gründung materiell so fundiert hat. daß nicht nur Waisen, sondern auch alleinstehende Mädchen aus der Provinz, die in Stellung sind, gegen mäßiges Entgelt Aufnahme finden. Damit hat die Frauenabteilung genannter Loge sich und ihm ein unvergängliches Denkmal errichtet. So in seinem Berufe ausgehend, findet Silberstein noch Zeit und Muße, sich wissenschaftlich hervorragend zu betätigen. Ein genauer Kenner der jüdischen Geschichte, hat er mit Vorliebe der Entstehung des jüdischen Volkes sein Augenmerk zugewendet lind in einem längeren Anssatze von seiner tiefen Forschung und außerordentlichen Vertrautheit mit der einschlägigen Literatur Zeugnis gegeben. Seine Parallelbilder „Im Himmel und auf Erden" sind ein Buch, das hohen Genuß gewährt, weil es uns die verbindenden Momente aller Religionen klar, anziehend und lehrreich vor Augen und zu Herzen führt, und er uns mit und in diesem Werke einen Teil seiner Seele preisgibt. Lange vor dem Babel-Bibelsturm geschrieben, dürfte es vorzüglich in die Streitschriften eingereiht werden, um manche streitige Punkte klären zu helfen. Der Strahl der göttlichen Liebe hat sichtbar über dem Mann geleuchtet, und so genießt er auch die Zuneigung der Menschen in hohem Maße. Weite Kreise — die Direktoren der verschiedenen Schulen, die von den Zöglingen der Anstalt besucht werden, eingerechnet — schatzeil Silberstein als Erzieher und Menschenfreund, der immer edel, hilfreich und gut ist, stets mit Rat und Tat einspringt, rvo Hilse nötig ist, und in Wort und Schrift für Wahrheit mld Ernst eine Lanze bricht. Das Lebensalter der seiner Führung anvertrauten Anstalt beträgt 96 Jahre. Möge es ihm, der nicht Feder- und Führerstab aus der Hand legt, solange sie ihm ein Höherer gönnt, beschicken sein, den hundertjährigen Geburtstag des segensreich wirkenden Instituts inr Kreise aller seiner ehemaligen Zöglinge, seiner zahlreichen Freunde an der Seite seiner treuen, edlen Lebensgefährtin und Gehilfin zir feiern. Wittenlchgkt und Judentum am Lnde des Libelltreits. Von Dr.> S. Samuel-Essen. i» Bibelstreit war es, den Professor Friedr. Delitzsch entfachte, und dem Babel nur als Ausgangspunkt diente. Er darf im großen und ganzen als beendet angesehen werden, obwohl er der literarischen Produktion noch immer Nahrung gibt. Aber man kann heute schon fragen: wo halten wir nun init Wissenschaft und Judentum? Das Resultat vorweggenommen, so lautet es: Es hat sich gezeigt, daß von der Bibel unendlich viel Wege zu den verschiedensten Wissenschaften und deren zahllosen Nebenzweigen führen, und von diesen zurück zur Bibel; daß aber die speziellen Ergebnisse der Assyriologie (diese in weitestem Sinne genommen) die religiöse Führerschaft und die sittliche Prärogative der Bibel und damit ihre einzigartige weltgeschichtliche Bedeutung in keiner Weise erschüttern. Dies Urteil kann natürlich nur den objektiven Stand der Tatsachen wiedergeben, und muß von Delitzsch' eignen Ansprüchen absehen. Denn dieser hat von vornherein eine schwankende Haltung zur Bibel eingenommen. Er kam als Verkünder ihres Ruhms, als ihr Erklärer und Förderer und endete als ihr erbitterter Gegner, Kritiker, Vernichter. Auch sein Pathos begann mit Anerkennung, Bewunderung, Enthusiasmus, und gelangte zur Herabsetzung, Verunglimpfung, Beschimpfung; ja der Rnf: Fort mit der Bibel! war deutlich vernehmbar. Der Feldzug bestand in Scharmützeln und Hauptschlägen. Die Sprachforschung rückte vor und fand: resm ist keine Antilope, sondern ein Ochs. Das welterschütternde Ereignis ist aus dem Portal des zweiten Vortrags verewigt, und setzte im übrigen die Federn einiger Lexikographen in Bewegung. Das Judentum hat die Genugtuung, daß seine Exegeten schon vor 1000 Jahren die Methode der Sprachvergleichung zum Beispiel mit dem Arabischen zur Aufstellung des Bibeltextes verwandt haben. Dann kam die Kartographie. Kalach ist identifiziert; der Kebar der Canale grande von Babylon. Nun wird aber zum Beispiel der Kebar seine Berühmtheit ewig vo» der Vision des Ezechiel erhalten, und nicht etwa umgekehrt, und diese wird um nichts großartiger, weil sie am Canale grande geschaut ward. Aber sie selbst, die Vision des Ezechiel in ihren nebensächlichen Bestandteilen, sowie mancherlei Vorstellungen, Embleme. Ausdrucksweisen erhalten von Babylon neues Licht — so lehrt die babylonische Archäologie. Suchet in China oder in Peru und ihr findet auch entfernte Aehnlichkeiten. Zu welchem Zwecke hat man denn die großen Geldopfer gerade i» den babylonischen Schutthügel gesteckt, wenn man nicht archäologische Funde erstell Ranges, besonders bedeutsam für die Bibel, also für die Verkettung Israels mit der vorderasiatischen Völkerwelt erwartete? Ist diese Aufdeckung doch in der Aufgabe und Pflicht jener Wissenschaft inbegriffen. Ihre Einzelresultate aber sind noch sehr unsicher. Nirgends allgemeine Zustimmung, es mag sich nun um Priestersegen oder um das dreimal Heilig u. s. w. handeln; überall berechtigte Fragezeichen. Und das Judentum? Es hat nie behauptet, daß es mit Haut und Haaren vom Himmel gefallen sei'; seinen Geist aber hat es vor Chiuesentum wohl behütet. Nicht anders steht's mit der historischen, besser prähistorischen Forschung. Heutzutage muß jeder Historiker Ethnologe sein, muß Urrassen studieren, Schädelmessungen vornehmen, Haarfarben sichten. Das ist nun einmal moderne Frisur. Leider ist der Ursprung der Hebräer darunr nicht weiter aufgehellt, als sie selbst ihn schon aufzuhellen für gut fanden: „Mein Vorfahr war ein verlorener Aramäerstamm." Die Behauptung: beim Eindringen Israels war Kanaan eine Domäne babylonischer Kultur, ist durch den babylonischen Mantel des Achan nicht genügend gedeckt. Israel empfing jene mindestens durch das Aiedium der kanaanitischen, und daß diese nicht babylonischen, sondern einen ganz anderen spezifischen Charakter trug, geht aus den anerkannt echten Partien der Geschichtsbücher mit Evidenz hervor. Umgekehrt finden die in

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