Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- Seite 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228556--59939-3296489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
328 denkbar. Die Juden sind unfähig, ein noch nicht bevölkertes Land von Grund auf zu kolonisieren. Daher wird aus dem argentinischen Plane nie etwas werden. Der Traum, aus Rußland 6—8 Millionen Juden zu exportieren, wird für alle Zeiten ein Traum bleibein" Zwischen Rußland und Amerika herrscht nun in der Tat eine gewisse Spannung, wenn auch aus den einander widersprechenden Zeitungsmitteilungen volle Klarheit über die Sache nicht zu gewinnen ist. Wir registrieren deshalb an dieser Stelle einfach die bisher eingegangenen Meldungen der beiden Telegraphenbureaus Reuter und Laffan, und behalten uns vor, nach Eintreffen zuverlässiger Berichte aus Amerika den tatsächlichen Sachverhalt mitzuteilen. Am 30. v. M. wurde drahtlich-offiziös aus St. Petersburg gemeldet: „Das „Bureau Reuter" hat die falsche Nachricht verbreitet, daß anläßlich der vom Präsidenten Roosevelt geäußerten Absicht, der russischen Regierung eine Petition amerikanischer Juden über die Ereignisse in Kischinew zu überreichen, Verhandlungen zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten stattgefuuden hätten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat über diesen Gegenstand keinerlei Erklärungen abgegeben. Wenn sie sich aber hierzu entschlossen hätte, so hätte Rußland natürlich verstanden, auf eine derartige Einmischung in seine inneren Angelegenheiten die erforderliche Antwort zu geben." Auf diese ziemlich grobe Herausforderung folgte eine prompte Antwort ans Washington: Wie gemeldet wird, hat ein hoher Regierungsbeamter in Abwesenheit des Staatssekretärs Hay eine Erklärung abgegeben, die mit Genehmigung des Staatsdepartements veröffentlicht wird. Der Beamte äußerte, das Staatsdepartement werde natürlich keiner Erklärung Beachtung schenken, die als voll der russischen Regierung ausgehend bezeichnet werde, wenn dieselbe nicht amtlich der amerikanischen Regierung gegenüber erfolge. Das Staatsdepartement habe gewissenhaft darauf geachtet, in Uebereinstimmung mit den Erfordernissen offiziellen Verhallens zu handeln, werde aber sicherlich innerhalb dieser Grenzen nicht zögern, der Sympathie für die Kischinewer Juden Ausdruck zu geben. Sowohl im Staatsdepartement als in der russischen Botschaft ist man sich darüber klar, daß die Lage äußerst heikel ist. Präsident Roosevelt hat, wie aus Oyster Bay gemeldet wird, es abgelehnt, sich über die von der russischen Negierung inspirierte Verlautbarung zu äußern, mit dem Bemerken, jede Erklärung bezüglich der Stellung der amerikanischen Regierung habe vom Staatsdepartement auszugehen. Ferner wird aus Amerika gemeldet: Es ist Berechtigung zu der Alt nähme vorhanden, daß die vom 1. Juli datierte Erklärung des Staatsdepartements, die Vereinigten Staaten würden über alle Preßmitteilungen hinweggehen, die, wenn auch in autorativster Form, jede die innere russische Politik betreffende diplomatische Note zurückweisen, vom Präsidenten Roosevelt selbst ausgeht. Die Erklärung des Staatsdepartements ist daher bedeutungsvoll, Zumal sie auch Rußland offen der Treulosigkeit in den Verhandlungen über die Mandschurei beschuldigt. Andererseits gibt der russische Botschafter in Amerika, der bekannte Graf Cassini, zu, daß die durch die Presse verbreitete Erklärung, Rußland werde jede ausländische Petition ablehneu, die sich mit innerrussischen Angelegenheiten befasse, von ihm entworfen und von der russischen Regierung genehmigt wurde. Die von den Vereinigten Staaten erhobene Beschuldigung, sie hielten Rußland nicht für ihren Freund und die russische Regierung habe ihre feierlichen Versprechungen von Treu und Glauben gebrochen, ist sehr ernst gemeint. Präsident Roosevelt wünscht Rußland wissen zu lassen, daß er ihm mißtraut, und ist bereit, die Folgen seiner Anschuldigungen zu tragen. Zugleich erklärt das Auswärtige Amt in Washington, die bisherige Verzögerung der Uebersendung der Kischinewer Petition an die russische Negierung sei nicht die Folge des russischen Protestes, sondern habe ihre Ursache darin, daß das betreffende Schriftstück noch nicht dem Staatsamt überreicht sei. Die „Times" meldet in dieser Angelegenheit aus Newhork: Nach Telegrammen aus Petersburg hat das russische Auswärtige Amt zu der amerikanischen Petition wegen Kischinew eine Erklärung erlassen, die folgendermaßen lautet: „Der Zar allein kann entscheiden, ob die Petition entgegenzunehmen sei. Zar Alexander III. würde sie niemals entgegengenommen haben. Die Petition der Guildhall-Versammlung im Jahre 1891 wurde durch das russische Auswärtige Amt als unpassend zurückgeschickt. Das russische Auswärtige Amt hofft, daß die Amerikaner, die eine Petition gegen das Lynchen übel vermerken würden, eine solche Nichtbeachtung nicht herausfordern werden. Das Auswärtige Amt hat an der ganzen Frage kein besonderes Interesse, abgesehen von Wunsch nach Äufrechterhaltung ungetrübter Beziehungen, denn die ganze Angelegenheit gehört als rein innerpolitische Frage in eine andere Ministerialabteilung." Schließlich wird noch dem „H. T. B." gemeldet: Staatssekretär Hay ist gegen die Ueberreichung der Kischinewer Petition und erwägt infolge des Vorgehens Roosevelts seinen Rück tritt. Inzwischen wird die Petition von den hervorragendsten Amerikanern unterschrieben und Roosevelts Vorgehen findet fast ausnahmslos Beifall. Man sieht also, daß der Konflikt sich immer mehr zuspitzt. Aber wir zweifeln nicht daran, daß er eine friedliche Lösung finden wird. Das moralische Gewicht der amerikanischen Intervention bleibt trotzdem bestehen. Ja, sogar ein tatsächlicher Erfolg ist bereits zu verzeichnen, denn ein solcher ist unzweifelhaft in der nächstfolgenden Meldung deutscher Blätter zu finden: Petersburg, 4. Juli. Der Minister des Innern v. Plehwe empfing gleichfalls eine Deputation der Kaufmannschaft von Kischenew und sagte ihr zu, daß alles geschehen werde, um die Ruhe und Ordnung in Kischinew ansrecht zu erhalten. Er bedauere die traurigen Vorfälle im April aufs Tiefste. Typisches von den Neichstagswahlem München, im Juli eben den großen maßgebenden Ereignissen, wie sie bei den jungst erledigten Reichstagswahlen sich natürlich in den Schlußresultaten und den diesen zu Grunde liegenden Zifferngrvßen am deutlichsten ausprägen, laufen eine Menge kleiner Begleiterscheinungen her, die zunächst weniger auffallen, aber genau besehen, für die künftige Beachtung vielleicht noch wichtiger sind. Dahin gehört zweifellos der unerwartet ausgedehnte Rückgang der Antisemiten in ihren Stammgebiete» und der geringfügige Fortschritt auf ihren neuen Ansatzseldern wobei ausdrücklich festzustellen ist, daß der letztere fast lediglich auf bisher konservativem Boden erfolgte. Ich werfe heute einen Streisblick auf einige besonders auf fällige Punkte, die ich von mehrjähriger Anwesenheit genauer kenne, um ein prinzipielles Urteil fällen zu können. Da ist denn ungemein merkwürdig der völlige Zusammenbruch der politischen Antisemitismus >m säst „judenreinen" Königreich Sachseil. Dort hat er erst allmählich die herrschsüchtige stock konservative Richtung durchsetzt, diese nebst dem matter Nationalliberalismus in sein Schlepptau genommen, mit beider im Bunde die einst so mächtige sächsische Fortschrittspartei ar die Wand gedrückt und jetzt seine beiden widerwilligen Bec bündeten mit ins Grab gerissen. Heute ragt von der roh ge ivalttütigen „deutsch-sozialen" Tyrannei eine einzige stark ge borstene Sänke, der einzige Bantzener Reichstagssitz unter 23 Wahlkreisen,die außerdem sämtlich dem'gehaßten Sozialismus in die Arme fielen. Und da in Bantzen, eine halbe Stund Bahnfahrt von G. E. Lessings Geburtsort, ging der Antisemr Gräfe in der Stichwahl auch nur mit knapper Not durchs Ziel, wobei auch die Lausitzer Fabrikanten-Freisinnigen, sonst wackere Fortschrittsfreunde, mit als „Sozialistentöter" fun gierten. Wurde da der in Sachsen vielgeschmähte „Freisinn' zum Netter des letzten „staatstreuen" Mandats — als ob nich> die Antisemiten die revolutionärsten Verfassungsfeinde wären'