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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-10 · Heft 28 (10.7.1903) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
Seite 326 (sequence 4)
Language
German
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326 wollen dieses Thema heute nicht weiter ausspinnen, da ja jeder Leser ohne Zweifel derartige Erfahrungen selbst gemacht hat. Wir besitzen leider nur wenige Memoiren von Juden und Jüdinnen aus halbvergangener Zeit. Aber in all diesen Erinnerungen kehrt fast ständig die Erklärung wieder, das; der Fanatismus der Alten, daß der Zwang, eine Masse unverstandener Formen und Gebräuche beobachten zu müssen, die Jugend zum Abfall getrieben habe. Es ist deshalb zum mindesten sehr verwegen, wenn von anderer Seite uns der Vorwurf gemacht wird, daß die liberalen Ideen zur Taufe oder zum Jndisferentismus führten. Wir meinen überhaupt, daß die Zeit viel zn ernst und schwer ist, als daß man überflüssigerweise noch den häuslichen Zwist neuaufwärmen sollte. Die Grenzgebiete sind abgesteckt; die Orthodoxie hat ihre sichere Doinäne, und wir sind die Letzten, die sie in dieser angreifen oder ihre Existenzberechtigung bestreiten würden. Leider können nur nicht sagen, daß auf der anderen Seite in gleicher Weise vorgegangen wird. Da fehlt es, wie wir eingangs dieses Artikels gezeigt haben, nicht selten an Provokationen, die natürlich die Abwehr von liberaler Seite Hervorrufen müssen. Wir haben ja oft genug gezeigt, was es mit den Pyrrhussiegen der Orthodoxie auf sich habe. Gerade in dieser Woche fanden wir in einem italienisch-jüdischen Blatte anläßlich der Rabbinerwahl in Wien das Siegesbulletin: „I rekormisti hanno fatto il loro tempo!“ Nun muß man die traurigen Verhältnisse der Wiener Gemeinde kennen, um die Ironie des Satzes nach ihrer vollen Bedeutung zu würdigen. Nirgends ist die Zerfahrenheit, nirgends der Jndifferentismns, nirgends die Taufwut größer als in dieser offiziell konservativen Gemeinde, in der jährlich mehr als 500 Juden zum Taufbecken schreiten. Aber der Fall, auf den das italienische Blatt seinen Siegeshymnus anstimmt, ist zu charakteristisch für die ganze Frage, als daß wir ihn hier übergehen könnten. Bekanntlich wurde in Wien ein Rabbiner gewählt, der in seiner früheren Gemeinde heftige Kümpfe wegen der Orgel ausznfechten hatte. Als derselbe, persönlich übrigens ein ivackerer und tüchtiger Mann, sein Amt antrat, jubelte die Orthodoxie iu dem festen Glauben, daß er in dieser großen Gemeinde sicher für das alte Judentum eine überaus segensgleiche Wirksamkeit entfalten werde. Und was ist nun jetzt das Resultat dieser langjährigen Wirksamkeit? Sofort nach dem Abgang dieses persönlich durchaus nicht unbeliebten orthodoxen Rabbiners wird die Stelle ausgeschrieben mit der ausdrücklichen und sonst gar nicht üblichen Erklärung, daß nur aus einen liberalen Rabbiner reflektiert werde. Und in der neuen Synagoge, die jene Gemeinde zu erbauen beabsichtigt, wird selbstverständlich die Orgel eingeführt werden. Sv sehen die modernen Pyrrhussiege der Orthodoxie aus. Wir zweifeln nicht daran, daß auch auf das konservative Regiment in der Berliner Gemeindeverivaltung genau die gleiche Wandlung in nicht allzuferner Zeit folgen wird. Aber schon heute kann man dein Siegesbulletin der italienischen Orthodoxie aus geschichtlicher, psychologischer und objektiver Erfahrung den Satz gegenüberstellen: „Gli ortoilossi hanno fatto il loro tempo!“ Die Mache. Berlin, 8. Juli. enig erbaulich klingen jetzt die Rekriminationen, die von den einzelnen Parteien gegeneinander nach den Wahlen erhoben werden. Das Interessanteste ist der antisemitisch-sozialdemokratische Kuhhandel, dem die konservative Presse auf die Spur gekommen sein will. Der antisemitische Pastor Krösell, so sagt sie, habe seinen Sieg in Pyritz-Saatzig durch die Abkommandierung seiner Parteigenossen in Stettin zur Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten Herbert erkauft, wie andererseits der Antisemit Fröhlich in Ost- und West-Sternberg einzig mit Hilfe der Sozialdemokraten durchgekommen sei. Dieses redliche Tauschgeschäft haben wir schon in der vorigen Woche angedeutet. Daß die Sozialdemokratie. die im Kampfe gegen den Antisemitismus bisher in vorderster Reihe gestanden, bei diesem Handel an moralischem Ansehen gewonnen hätte, werden ihre parlamentarischen Führer wohl schwerlich selbst glauben. Viel schlimmer aber ist das, was voll zuverlässiger Seite schoil vorher behauptet und jetzt bewiesen wurde, nämlich, daß in drei Wahlkreisen Juden für den Antisemiten als das „kleinere Nebel", gegenüber einem Konservativen, einem Sozialdemokraten und einem Polen, gestimmt haben! Zuerst in Schlochau-Flatow, wo am Tage vor der Stichwahl das folgende Flugblatt verteilt wurde: „Herr von Komorowski (Pole) ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er sein Polentum in den Vordergrund stellt. . Es wird uns schwer, einem Antisemiten vom Schlage Boecklers zum Siege zu verhelfen; es bleibt uns aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Boeckler zu wählen oder dem Wahlakte fern zu bleiben. Prediger Lewin. Blumenthal, Stadtverordneter. Julius Neumann, Mühlenbesitzer." Ein „konservativer Jude", ein Rittergutsbesitzer B., ist sogar ein eifriger Agitator für diese Wahl gewesen, trotzdem der polnische Gegenkandidat ausdrücklich erklärt hatte, er trete mit aller Entschiedenheit für die volle Gleichberechtigung aller Konfessionen ein und würde jeden Versuch, diese zu beschränken, bekämpfen. Auch in Kassel sollen jüdische Stimmen die Wahl des Antisemiten Amtsrichter Lattmann gegen den Sozialdemokraten ermöglicht haben. Und in Pyritz-Saatzig haben sich, wie die „Kreuzzeitung" berichtet, zwei jüdische Rechtsanwälte aus Stargardt für die Wahl des Pfarrers Krösell ins Zeug gelegt! Es fehlt;>ns an Worten, um dein Gefühl des Unmuts Ausdruck zu verleihen, das uns bei der Nachricht befällt, daß Juden für die zwei Ritualmordapostel eingetreten sind. Es ist dies etwas so Unerhörtes und tief Beschämendes, daß wir offen gestehen, seit langer Zeit keine solch schmerzliche Empfindung gehabt zn haben, wie angesichts der Tatsache, daß es noch immer Juden giebt, die nicht unter allen Umständen den Antisemiten, den Feind ihres Glaubens und ihrer Stammesgemeinschaft, als das schlimmste Uebel betrachten. — Daß die Antisemiten in einzelnen Wahlkreisen sogar nach den jüdischen Stimmen geangelt haben, ist das dritte Novum dieser Wahlbewegung. In Kassel veröffentlichten sie ein Flugblatt, in dem es hieß: „Protestanten, Katholiken, Israeliten, stimmt Mann für Mann für Amtsrichter Lattmann!" Und wenige Stunden von Kassel entfernt bekämpften die Antisemiten den Nationalsozialen von Gerlach als Judenkandidaten! Auch zu Gunsten des antisemitischen Freiherrn von Wangenheim in Meiningen suchte man die — Juden mobil zu machen. In einer Versammlung am Vorabend der Stichwahl meinte Graf Reventlow, Herr von Wangenheim stehe, was seinen Antisemitismus anbetrifft, auf dem Boden der gebildeten Juden, die doch auch nur die Auswüchse bekämpften rc. Jetzt iverden die Herren freilich anders reden. Die Lage der Juden in Galizien ist bekanntlich auch nicht gerade eine rosige'. Der Statthalterwechsel in diesem Land« ist deshalb für sie von großer Bedeutung. Der bis-

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